Literatur aus der DDR | »Die Aula« von Hermann Kant: Denkmal für eine Revolution
Es gehört zu den Fußnoten ostdeutscher Geschichte, dass das erste Emblem der DDR, der Vorläufer des Staatswappens, lediglich Hammer und Ährenkranz abgebildet hat. Der Zirkel kam erst später dazu. Zwar bestimmte die Vorstellung vom Arbeiter-und-Bauern-Staat die Symbolpolitik. Doch zeichnete sich bereits früh das Bestreben ab, auch eine neue sozialistische Intelligenz zu fördern und ihr einen festen Platz im gesellschaftlichen Gefüge einzuräumen. Später fand das nicht nur symbolischen Ausdruck im offiziellen Wappen, sondern auch in konkreten bildungspolitischen Maßnahmen, die bis heute als einmalig und revolutionär gelten. Gemeint ist die Gründung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (kurz: ABF) im Jahr 1949/50.
Um den Hochschulzugang grundlegend zu demokratisieren, erhielten junge Erwachsene aus Arbeiter- und Bauernfamilien die Möglichkeit, ihr Abitur nachzuholen und ein Studium zu beginnen. Zu den Absolventen des ersten Jahrgangs zählte auch der Schriftsteller Hermann Kant, der dieser Tage hundert Jahre alt würde. Mit seinem Roman »Die Aula« setzte er der historischen Bildungsreform ein bedeutendes literarisches Denkmal.
In der Spielzeit 2026/27 zeigen die Uckermärkischen Bühnen Schwedt »Die Aula« in der Regie von Intendant André Nicke als Schauspiel mit Musik. In den letzten beiden Jahren hat sich hier gezeigt, wie sehr das Publikum es schätzt, wenn ihre eigene Geschichte auf der Theaterbühne verhandelt wird: Mit den DDR-Klassikern »Spur der Steine« und »Die Legende von Paul und Paula« wurde jeweils die Marke von fünftausend Besuchern überschritten, was für eine Stadt mit 33 000 Einwohnern beachtlich ist. Dem folgt nun, auf Grundlage des 1965 erschienenen Romans von Kant, eine Auseinandersetzung mit der Aufbau-Generation der DDR, deren utopische Dimension erzählerisch auf den Realismus der Ankunftsjahre prallt.
Der Journalist Robert Iswall, vormaliger Student einer ABF, erhält 1962 den Auftrag, zu deren Schließung eine feierliche Rede zu halten. Iswall nimmt die Aufgabe an und fängt an, sich an die zehn Jahre zurückliegende Zeit zu erinnern. Der Versuch, Material für die geplante Rede aufzutun, findet parallel zu seinem normalen Leben statt, sodass sich Gegenwart und Vergangenheit vermischen. Dabei ist Iswall weniger Protagonist als vielmehr sich erinnernder Zeitzeuge von Episoden und Anekdoten der Aufbau-Zeit.
In unzähligen Handlungssträngen und Rückblenden wird eine Epoche dokumentiert, die weder monoton noch einsträngig gezeichnet ist. Dabei erweist sich der relativ heitere Erzählton des Schriftstellers Kant, sein scheinbares Sich-Verlieren in Ausschweifungen und Maßlosigkeiten als Methode, dem Leser selbst die geschichtliche Deutungsperspektive zu überlassen. Doch handelt es sich bei »Die Aula« keineswegs um einen reinen Unterhaltungsroman, der die DDR einfach zelebriert und in dem mögliche Risse oder gar Widersprüche nur am Rande oder als oberflächliche Kontur dastehen.
Exemplarisch zeigt sich dies an der zweigesichtigen Figur des Karl-Heinz »Quasi« Riek, der sich während der ABF-Zeit als glühender Verfechter des Sozialismus präsentiert, um später als Republikflüchtling unter- und als dubioser Kneipenwirt in Hamburg wieder aufzutauchen. Dramatisches Konfliktpotenzial entsteht im Roman aus dem biografischen Aufstieg der Figuren, aus dem Widerstreit der Ansprüche von Individuum und Kollektiv sowie aus dem Wechsel der Sprachebenen. Besonders prägnant wird das in der Rede vom Genossen Völschow, der die Studentin Rose Paal von einer Zwangsheirat zu überzeugen hat, um zum Sinologie-Studium nach China delegiert zu werden. Derlei Divergenzen fordern eine neue Bühnenadaption geradezu heraus, in der es gilt, den Text aus heutiger Sicht neu zu entdecken. Dabei kann die überlieferte Theaterfassung von Horst Schönemann vom Landestheater Halle von 1968, die ein Jahr später vom Deutschen Theater Berlin übernommen wurde, als Folie dienen, brachte sie es doch auf fast 300 Vorstellungen.
Wo und wie prallen die sich im Roman offenbarenden Widersprüche auch in unserer Gegenwart noch kalt aufeinander? Ist die Bildungsrevolution der ABF wirklich ein abgeschlossenes Projekt oder eine noch immer uneingelöste Zukunftsvision? Eine vorschnelle Eingrenzung auf das Problem des »Klassismus« oder die schulterzuckende Losung der Chancengleichheit erscheint heutzutage dubios: Kann es jeder schaffen?
Das Fortleben des »real existierenden Klassismus« in Universitäten und Arbeitswelt und seine Zementierung durch den stillschweigend vorausgesetzten bildungsbürgerlichen Habitus wird in der gesellschaftlichen Debatte vom vorherrschenden Diversitätsdiskurs nur notdürftig verhüllt.
Der Gastautor beginnt sich an seine Studienzeit in München zu erinnern. Allein die Suche nach einer Unterkunft glich einer Odyssee, an deren Ende ein unbeheiztes Zimmer von acht Quadratmetern stand. Die Arbeit im Einlassdienst eines Staatstheaters war zwar nicht besonders beschwerlich, doch mit einem Stundenlohn von 5,14 Euro prekär bezahlt. Später dann die Schwierigkeit, eine Tätigkeit an einem Theater zu finden. Schließlich führte ihn ein Gespräch mit André Nicke über Anna Seghers nach Schwedt, wo er heute als Dramaturg und Regisseur an den Uckermärkischen Bühnen tätig ist.
Apropos, in der Stadt wird derzeit ein Service- und Transformationsgebäude Travis gebaut, wo vielleicht schon morgen die Studenten der Universitäten von Greifswald und Berlin, an denen es früher ABFs gab, am Fortschritt der Zukunft arbeiten. Jeder kann es schaffen. Oder etwa nicht?
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