ZDF-Fernsehgarten | Wo der Eskapismus blüht
1986 war ein katastrophales Jahr. Von der dystopischen Putin-/Trump-/Orbán-/Xi-/Netanjahu-Gegenwart aus betrachtet, gab es seinerzeit zwar nicht nur dank Michail Gorbatschows Glasnost sanften Anlass zur Hoffnung auf bessere Zeiten. Aber als erst das Atomkraftwerk Tschernobyl havarierte und bald darauf das Schweizer Chemiewerk Sandoz, da weinte die Bundesrepublik noch saurere Tränen als der Himmel auf sterbende Wälder. Selten war die Stimmung West wie Ost gedrückter – allerdings mit der ortsüblichen Unterhaltungskonsequenz.
Denn wann immer das Land der Wettsofas und Kessel Buntes Trübsal bläst, klatscht es sich die Wirklichkeit schöner, als diese ist. Wenngleich nur selten im Takt. Und damit hinauf auf den Mainzer Lerchenberg. Dort nämlich bekam der Frohsinn Made in Germany vor vier Jahrzehnten neue, alte Struktur. In Wurfweite des eigenen ZDF-Sendezentrums wurde am 29. Juni 1986 der »Fernsehgarten« eröffnet und gab dem gegenwartsmüden TV-Volk die Gelegenheit, der rauen Realität sommersonntags zu entfliehen.
Denn wann immer das Land der Wettsofas und Kessel Buntes Trübsal bläst, klatscht es sich die Wirklichkeit schöner, als diese ist.
Ausgerechnet auf dem Sendeplatz der hochkulturellen »ZDF-Matinee« wird seither ab zwölf Uhr mittags zwei Stunden lang live zu massentauglicher Musik, kreuzfahrtschiffaffiner Akrobatik und drolliger Publikumsinteraktion getanzt, gesungen, geschunkelt und gern leicht neben dem Takt geklatscht, bis der Traumschiff-Arzt aus der Schwarzwaldklinik (oder heutzutage eher: Sachsenklinik) kommt. Der Begriff dafür lautet Eskapismus. Praktisch nirgendwo blüht er unverwüstlicher als im »Fernsehgarten«. Und das war, Hand aufs orangefarbene Herz des Zweiten Deutschen Fernsehens, keinesfalls absehbar.
Als die deutsch-schweizerische Moderatorin Ilona Christen mit Riesenbrille und Bombenlaune zur Premiere ein paar Tausend Realitätsflüchtige im Betonbeet am Rande der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt begrüßte, überschlugen sich die Kritiken mit einer Häme, die immer noch anhält. Ungefähr mittig zwischen Bierzelt und Kaffeekränzchen hielt der »ZDF-Fernsehgarten« im Feuilleton für die Bräsigkeit aller Beteiligten her: Sender, Publikum, Kreative, Moderation. Alles richtig, alles aber auch nur die halbe Wahrheit.
Schließlich bringt es das Format in mittlerweile gut 660 Sendungen plus 175 Spezial- und Sonderausgaben auf stolze drei Millionen Gäste – von den durchschnittlich 1,7 Millionen TV-Zuschauern zu einer Tageszeit, die eigentlich zur eigenen Freilichtveranstaltung einlädt, ganz zu schweigen. Und auch, wenn die ganz großen Stars längst selten in Mainz vorbeischauen: Bislang 5300 Musik-Acts bilden das Who’s who der deutschen Volksschlagerbranche ab.
Weil Giovanni Zarrella und Florian Silbereisen nicht nur die Primetime nach acht bieten, sondern höhere Gagen, fettere Produktionen, generationenübergreifende Zugkraft, kommen statt Roland Kaiser und Andrea Berg mittlerweile zwar allenfalls Peter Wackel oder Captain Jack. Aber auch deren Dreiviertel- bis Vollplayback versetzt gut 5000 Fans unterm Glasdach in das, was im bürgerlichen Party-Pop unter Eskalation firmiert – eher angestachelt als gebändigt von der alterslosen Dompteurin Andrea Kiewel.
Auch nach fast 500 Sendungen in 27 Staffeln peitscht »Kiwi« – wie hier alle nur skandieren – das Publikum mit ungedrosselter Energie an. Beim Anblick ihrer Schäfchen, die das ZDF-Freigehege bis Ende September zwei Stunden pro Woche für 15 (Stehplatz) bis 30 Euro (Tischplatz) besiedeln, »verwandelt sich in mir alles zu purer Freude«. Klingt sehr nach selbsterfüllender PR-Prophezeiung. Wer Andrea Kiewel je live am Lerchenberg erleben durfte, hält sie allerdings für absolut authentisch. Und unersetzlich.
Bis auf schlanke 19 Ausgaben Ende der Zehnerjahre, in denen ihr Ersatz-Conférencier Ernst-Marcus Thomas die Dauergastgeberin wegen eines peinlichen (fürs ZDF aber offenbar nicht exkludierenden) Schleichwerbeskandals vertrat, war Kiwi immer dabei – seit 2017 sogar als Pendlerin aus Tel Aviv, wo die konvertierte Jüdin lebt. Der »ZDF-Fernsehgarten« und Andrea Kiewel – das sind trotz populärer Vorgängerinnen wie Ramona Leiß oder Einzelvertretungen wie Michael Schanze und Joachim Llambi faktisch Synonyme.
Auch weil sie wie eine Löwenmutter um ihre Welpen kämpft. Als die profilneurotische Komiker-Attrappe Luke Mockridge Kiwis Stammpublikum jenseits der 66 einmal mit Banane am Ohr veräppelte, rief sie ihm ein wütendes »Shame on you« hinterher und achtet nun noch mehr darauf, nur wohlgesinnte Stars oder Sternchen einzuladen. Deren Songs übrigens erstaunlich viele Kinder und Enkel der diskreditierten Boomer mitschmettern.
Dennoch wird die ebenso erfolgreiche wie beharrliche Mehrgenerationensause öffentlich-rechtlicher Art selbst im eigenen Stall nicht gewürdigt. Ilona Christen gewann 1988 den »Goldenen Gong«, Andrea Kiewel 2006 die »Goldene Henne«. Der Deutsche Fernsehpreis 15 Jahre später war bereits eher einer für Ausdauer als Qualität. Nur – wer sind wir, darüber zu urteilen, was gutes und was schlechtes Fernsehen ist? Wenn Unterhaltung von so ironiefreier Hingabe ist wie bei Andrea Kiewel, ihren Fans, deren Entertainern, entzieht sie sich jeder Bewertung.
Die Liste der Show-Promis von Biggie Lechtermann und Oli P. bis Horst Lichter und Sally Özcan, die »Kiwi« seit einiger Zeit auf der 90 000 Meter großen Bühne als Ko-Moderatoren zur Seite stehen, liest sich zwar wie eine Bewerbungsliste fürs »Dschungelcamp«. Aber es geht im »ZDF-Fernsehgarten« schon lange nicht mehr um Starparaden. Ging es eigentlich noch nie. Das Format will Nähe schaffen, Verbindlichkeit, ein festes Ritual in volatiler Epoche. Mit Schlagerparty und Oktoberfest, Live-Schalte zur ISS und 41 Auftritten von Bernhard Brink.
Im Trommelfeuer von Klimawandel, Ukraine-Krieg und Trump-Vandalismus ist so ein Anker der guten Laune für viele selbst dann einfach tröstlich, wenn sie ersteren leugnen, letzteren feiern und dazwischen Wladimir Putin als lupenreinen Demokraten bezeichnen. Wem der Fernsehgarten also einfach zu unpolitisch ist, zu brachial, zu bieder, zu banal, zu blöde: Einfach nicht einschalten! Sonntags Punkt zwölf bietet der Sommer ja reichlich alternative Open-Air-Veranstaltungen. Gartenarbeit zum Beispiel. Zuhause.
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