Konservatives Denken | Was will, weiß und fühlt das Bürgertum, fragt Jürgen Große
Es scheint, als seien die bürgerlichen Demokratien organisiert wie ein Stuhlkreis: Die Mitte, um die herum sich alle scharen, ist leer. Wer diese leere Mitte mit einer Erzählung zu füllen vermag, wird Chefgießer am Wertefundament. Und das ist nach wie vor das Bürgertum, wenn auch ein etwas anders geneigtes als noch vor einigen Jahrzehnten.
In seinem Buch »Gefühlte Bürgerlichkeit« spürt Jürgen Große der inneren Schwankung nach, die das Bürgertum seit seinem Entstehen begleitet. Es ist schließlich jene Klasse, die sich ständig aus sich selbst heraus erfinden musste und die auch selbst ständigen Umwälzungen und Bewegungen ausgesetzt ist: Im Hin und Her von Abstiegsängsten und Aufstiegsträumen konstituiert sich die bürgerliche Vorstellung der Welt.
Dort, wo das Bürgertum zur herrschenden Klasse wurde, etablierte es den Nationalstaat als stabilisierenden Rahmen: Mit der Krise dieses Konstrukts wackelt nun auch das bürgerliche Selbstverständnis. Angesichts dessen, dass gerade mit Wolfram Weimer ein Paradegockel der verunsicherten Bürgerlichkeit eine exponierte Stellung in der Sinnschmiede deutscher Politik bekleidet, stellt sich freilich doppelt die Frage: Wie konnte es soweit kommen? Und was verteidigt das Bürgertum eigentlich, für welche Werte steht es ein? Darauf gibt Jürgen Große in seinem Essay eine Antwort, die ihm selbst kaum gefallen wird.
Es ist hilfreich zu verstehen, wie Konservative in ihrem Bewahrungsfuror auf Rechts-Links-Gleichsetzungen kommen und sich zu den Wahrern der herrschenden Ordnung stilisieren.
Zunächst erkennt er zwei Erben der Bürgerlichkeit, die ihm bei allen Unterschieden verwandt erscheinen und die auf je eigene Art eine Antwort auf die Erschütterung des bürgerlichen Selbstverständnisses suchen: Er nennt es das grüne und das blaue Bürgertum. Beide beherrscht aber grundsätzlich der »utilitäre Geist«, der »die empfindsame Innerlichkeit ins soziale Außen wendet und das Affektive zum Argument« hochrüstet.
Dieser Geist entsteht aus dem Bemühen, soziales Interesse einerseits und moralischen Anspruch andererseits miteinander zu versöhnen. Die je eigenen Antworten wertet Jürgen Große nicht, führt sie aber beide auf eine Empfindsamkeit zurück, die auch aus einem Mangel entsteht: denn »das ewige Streben nach besserer Zukunft und Schaudern vor dürftiger Herkunft« bedeutet eben auch die »völlige Abwesenheit erfüllter Gegenwart«.
Es gibt eine Tendenz zum Hufeisen-Symbolismus in der Betrachtung, die Jürgen Große hier anbietet, inwiefern diese Gefühle der Bürgerlichkeit real vermittelt werden, will er nicht werten. Für ihn entspringen der Wunsch nach der Abschottung der Grenzen und die Schaffung »sexualpolitischer safe spaces« einem gleichen Affekt, dem einer verunsicherten Klasse – mal ist blau, mal grün codiert. Das ist wenig überzeugend, gerade weil die Installation von safe spaces eben keinem Affekt entspringt und nicht auf eine bürgerliche Praxis zurückzuführen ist.
Großes Methode ist eine konservative: Sie besteht darin, eine (wenn auch uneindeutige) Idee von Bürgerlichkeit zu setzen, eine gesellschaftliche Mitte anzunehmen und von da aus Neuentwicklungen aus einer konservativen Sicht heraus zu analysieren. Es ist hilfreich, das Buch zu lesen, um zu verstehen, wie Konservative in ihrem Bewahrungsfuror auf Rechts-Links-Gleichsetzungen kommen und sich selbst in einer Art narzistischer Überschätzung zu den Wahrern der herrschenden Ordnung stilisieren.
Die bürgerliche Ordnung wird bei Große von zwei politischen Kräften maßgeblich gestört: dem linksalternativen Bürgertum und den rechtsdrehenden Eliten. Dass viele dieser Rechts-Links-Analogien im Buch unrund bleiben, liegt daran, dass Große hier auf jede soziologische Datenbasis verzichtet und im Grunde nur Abziehbilder bedient: Die fundamentalen Unterschiede zwischen Höcke und Habeck erscheinen aus so einer Perspektive freilich eingeebnet.
Umso schwerer wiegt, dass Großes Blick sehr viel stärker in Richtung grüne Bürgerlichkeit geht. Und hier insbesondere auf das Milieu, das er als treibende ideologische Kraft hinter dieser politischen Richtung vermutet, die Bobos und Anywheres. Aus ihnen heraus entwickele sich ihm zufolge der wertebasierte Blick auf die Welt, der politisch die Westbindung der Bundesrepublik verlängert.
Jürgen Großes Buch ist zwar durchaus auch polemisch angelegt, doch es ist eine intellektuelle Streitbereitschaft, die ihn antreibt und kein missionarischer Eifer. Das macht das Buch gerade auch dann lesenswert, wenn man seinen Prämissen nicht folgen mag. Zwar hat Jürgen Große eine Tendenz zur großen rhetorischen Geste. Bisweilen versucht er, oft gehörte Anwürfe an die Adresse der Grünen aufzuplustern, etwa wenn er schreibt, dass die performative Darstellung »einer moralischen Überlegenheit per Mülltrennung und Gendersprache nicht allen Menschen applikabel« sei, dann geht es also um das, was als das Recht der Bodenständigen auf Bratwurst ständig rhetorisch durchdekliniert wird. Aber bei Große ist ebenjene performative Selbstdarstellung kein grünes Alleinstellungsmerkmal, das es zu geißeln gilt, sondern ergibt sich aus ihrer dem Bürgertum entsprungenen grundsätzlichen Haltung.
»Gefühlte Bürgerlichkeit« kann auch deswegen in seinen Thesen nicht völlig überzeugen, weil es den Blick selten über die deutschen Landesgrenzen hebt. Inwiefern die Transformation der Bürgerlichkeit sich in anderen westlichen Ländern vollzogen hat, wäre interessant zu lesen gewesen und hätte aber vermutlich einige der apodiktischen Formulierungen Großes wieder relativiert.
Dass das Bürgertum nicht den Eindruck vermittelt, zu wissen, wo es steht, ist schon oft konstatiert worden. Ohne es zu wollen, hat Große dafür selbst einen Beweis geliefert, indem er dieses unrunde, unabgestimmte, seltsam frustrierte Buch als Analyse zu verkaufen versucht.
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