Historischer Streit zwischen Polen und Ukraine: Was ist die UPA?

Die Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen waren wohl seit Jahrzehnten nicht mehr so angeschlagen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kommt nicht zur internationalen Wiederaufbau-Konferenz für die Ukraine am 25. Juni nach Danzig. Stattdessen reist die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Syrydenko an.
Das Format war in den Vorjahren in Rom, Berlin und Lugano ausgerichtet worden. Der Veranstaltungsort im polnischen Danzig in diesem Jahr sollte unter anderem Polens Position als Nachbar und Verbündeter Kiews festigen. Soweit der Plan. Und dann eskalierte ein Geschichtsstreit.
Der Streit begann mit der Entscheidung von Polens Staatschef Karol Nawrocki, seinem ukrainischen Amtskollegen Selenskyj die höchste Auszeichnung Polens - den Orden des Weißen Adlers - abzuerkennen. Auslöser war ein Dekret von Selenskyj, mit dem er einer Eliteeinheit der ukrainischen Armee den Titel "Helden der UPA" verliehen hatte. Die UPA kämpfte gegen Nazideutschland und gegen die Sowjetunion, beging aber auch Massaker an der polnischen Bevölkerung.
Als Zeichen der Solidarität mit Selenskyj gaben in Folge weitere ehemalige Präsidenten der Ukraine ihre "Weißen Adler" zurück.

Die Geschichte zweier Nachbarvölker ist oft eine Geschichte voller Kriege. Zwischen der Ukraine und Polen gab es besonders viele. Der aktuelle Konflikt zwischen Warschau und Kyjiw hat seine Wurzeln in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ist eine Folge des Zusammenbruchs der Österreichischen k.u.k.-Monarchie und des Russischen Zarenreichs. Auch die kurze Existenz einer unabhängigen Ukraine von 1917 bis 1919 spielt eine Rolle. Damals führte die Westukrainische Volksrepublik Krieg gegen Polen und verlor.
Zwischen dem Ende des Ersten und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich der bewaffnete Untergrundkampf ethnischer Ukrainer, die auf polnischem Gebiet lebten. Das galt auch für die Region Wolhynien im Nordwesten der heutigen Ukraine, die zuvor lange Zeit Teil des Russischen Reichs gewesen war und dann zwischen Polen und der Sowjetunion (UdSSR) aufgeteilt wurde.
Die Polen seien aufgrund von diskriminierender Politik gegen die ukrainisch-stämmige Bevölkerung "insbesondere in Wolhynien wie eine Besatzungsverwaltung wahrgenommen" worden, sagt Alina Ponipaljak, Expertin des Ukrainischen Zentrums für Sicherheit und Zusammenarbeit.
Warschau betrieb damals eine "Polonisierung" von Menschen auf seinem Staatsgebiet, um ethnische Minderheiten wie Ukrainer und Deutsche zu assimilieren und zu integrieren.
Ende der 1920er Jahre wurde im Untergrund die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) gegründet - eine rechtsradikale politische Gruppierung, die eine unabhängige Ukraine anstrebte.
Gescheiterte Unabhängigkeit unter deutscher BesatzungEin Wendepunkt war der Beginn des Zweiten Weltkriegs, als Nazi-Deutschland und die UdSSR im August 1939 Osteuropa mit dem Hitler-Stalin-Pakt unter sich aufteilten. Ein Teil Polens mit polnischer und ukrainischer Bevölkerung wurde in die sowjetische Ukraine eingegliedert. Einer der Anführer der OUN, Stepan Bandera, der zuvor wegen der Ermordung eines Ministers in einem polnischen Gefängnis gesessen hatte, wurde freigelassen und hoffte, mit Hilfe der Deutschen einen souveränen ukrainischen Staat zu gründen.

Der Versuch lief unmittelbar nach Hitlers Angriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941 an. Wenige Tage später proklamierte die OUN in Lemberg, heute Lwiw, einen ukrainischen Staat. Doch die deutschen Besatzungsbehörden unterbanden dies rasch; Bandera wurde verhaftet und verbrachte fast den gesamten Krieg in einem sogenannten Konzentrationslager (KZ).
"NS-Deutschland hatte überhaupt kein Interesse an der ukrainischen Unabhängigkeit", sagt Martin Schulze Wessel, Historiker an der Ludwig Maximilian Universität in München.
Ein Teil der ukrainischen Nationalisten kämpfte auf der Seite Nazideutschlands und beteiligte sich an der Ermordung von Juden. Ohne Bandera kam es zu einer Spaltung innerhalb der OUN, und seine Anhänger gründeten 1942 eine militärische Struktur - die Ukrainische Aufstandsarmee (Ukrainisch: Ukrajinska powstanska armija, kurz UPA). Ihre Stärke wird auf mehrere Zehntausend bis über 100.000 Mann geschätzt.
Die UPA kämpfte fortan gegen die Deutschen in den besetzten ukrainischen Gebieten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzten sie ihren Widerstand gegen die sowjetischen Behörden im westlichen Teil der Sowjetukraine fort und leisteten dem sowjetischen Geheimdienst (NKWD) bis in die 1950er Jahre bewaffneten Widerstand.
"Gerade dieser Teil der Nachkriegsgeschichte der UPA ist wichtig für das Verständnis der heutigen Haltung ihr gegenüber in der Ukraine", sagt Schulze Wessel. Russland hat die UPA und OUN 2014 als "extremistisch" und "terroristisch" eingestuft.
Massaker in der Westukraine 1943Im heutigen Streit zwischen der Ukraine und Polen dagegen spielt das Jahr 1943 die zentrale Rolle. Damals verübten UPA-Kämpfer eine Reihe von Massenmorden an der polnischen Zivilbevölkerung.
Diese fanden vor allem in Dörfern in den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten statt, vor allem in Wolhynien, aber auch in Ostgalizien. In Polen werden sie als "Massaker von Wolhynien" bezeichnet, in der Ukraine ist der Begriff "Tragödie von Wolhynien" üblich.
Den Höhepunkt erreichten die Tötungen im Juli und August 1943, gingen aber in geringerem Umfang und in anderen Regionen bis ins Jahr 1944 weiter.
Verschiedenen Schätzungen zufolge wurden dabei insgesamt zwischen 30.000 und 60.000 Polen ermordet; in Polen ist teilweise von 100.000 und mehr Getöteten die Rede. Im gleichen Zeitraum ermordeten Polen massenhaft Ukrainer, doch die Zahl der Opfer ist um ein Vielfaches geringer - die Schätzungen reichen von einigen Tausend bis zu einigen Zehntausend.
"Während des Massakers von Wolhynien kamen nicht nur Polen ums Leben, sondern auch Juden sowie jene Ukrainer, die sich auf die Seite der Polen stellten. Manchmal waren auch Ehemänner oder Ehefrauen aus gemischten Ehen unter den Opfern", sagt Professor Łukasz Tomasz Sroka, Historiker an der Universität der Nationalen Bildungskommission in Krakau.
UPA-Ehrung in der heutigen UkraineDie Einstellung zur UPA in der Ukraine hat sich gewandelt - von zurückhaltend hin zu einer Wahrnehmung als Teil einer breiteren Unabhängigkeitsbewegung. Immer häufiger wurden Straßen nach den Anführern der OUN und der UPA benannt. So wurde 2016 die "Moskauer Allee" in Kyjiw die "Stepan-Bandera-Allee" umbenannt.
2018 verlieh das Parlament den Veteranen der OUN und der UPA den Status von Kriegsteilnehmern. "Für die Ukrainer sind sie Helden, weil sie gegen zwei totalitäre Ideologien gekämpft haben", sagt Alina Ponipaljak.
Aussöhnungsversuche zwischen Ukraine und PolenZu Sowjetzeiten wurden die Ereignisse in Wolhynien weitgehend totgeschwiegen. Nach 1991 begann man, mehr darüber zu sprechen, und die polnische Seite sprach das Thema immer häufiger an.
Der Höhepunkt war 2003: Am 60. Jahrestag der Ereignisse in Wolhynien gaben der damalige ukrainische Präsident Leonid Kutschma und sein polnischer Amtskollege Aleksander Kwaśniewski an einer der Grabstätten eine gemeinsame Erklärung zur Versöhnung ab. 2013 verabschiedete der Sejm, das polnische Parlament, eine Resolution, in der er die Ereignisse in Wolhynien als "ethnische Säuberung … mit Anzeichen eines Völkermords" bezeichnete.

Bereits nach Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine forderte Polen immer nachdrücklicher die Durchführung von Ausgrabungen an den Schauplätzen der Morde in Wolhynien. Warschau machte deutlich, dass unter anderem davon seine Unterstützung für den EU-Beitritt der Ukraine abhängen könnte.
2023 hob Kyjiw das Moratorium für Such- und Exhumierungsarbeiten auf. Der Beginn der Arbeiten wurde für das Frühjahr 2025 erwartet, doch bislang scheinen sie noch nicht in großem Umfang stattzufinden. Präsident Selenskyj erklärte bei der Rückgabe des polnischen Ordens, Kyjiw sei bereit für einen Dialog über die "schmerzhaften Kapitel" der gemeinsamen Geschichte.
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