Ein Kunstprojekt im Vogtland ermöglicht das Gespräch mit einer Kuh

Wer kennt sie nicht, die Stelzenfestspiele bei Reuth, im Dreiländereck zwischen Thüringen, Bayern und Sachsen. Mit großformatigen Klang- und Musikprojekten, zum Beispiel der Gülle-Orgel (dazu vielleicht ein andermal), haben sich die Macher einen Ruf erarbeitet, der über die Region hinausschallt.
Bei der jetzt beginnenden 33. Ausgabe gibt es nun etwas mit den Ohren zu hören, das man bisher nur mit dem Herzen vernehmen konnte: Im Zentrum dieses Experiments steht Käthe, eine Kuh mit Kappe und KI-Anschluss. Jeder, der schon mal einen tiefen Blick in feuchte schwarze Kuhaugen geworfen hat und darüber alle Sorgen und Krisen vergaß, hat den tiefen, artenübergreifenden Kontakt zwischen Mensch und Rind erlebt und das Wesen des Daseins emotional erfasst. Leider konnte man es hinterher nicht verbalisieren und auf einen Zettel schreiben, um sich bei Gelegenheit daran zu erinnern.
Jetzt wird Käthe zum Sprechen gebracht und in die Lage versetzt, unter Einsatz ihrer unbestrittenen Weisheit auf die Fragen, die man ihr stellt, einzugehen. Dazu hat man neueste wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Tierverhaltensforschung in ein Sprachmodell eingespeist. Sensoren messen die Aktivitäten der Hirnströme, die, „geleitet von der KI“, in Worte übersetzt werden. So entfalte sich laut Ankündigung „ein magischer, telepathischer Dialog“.
Reflektieren mit dem MagenDie Kuh solle dabei nicht nur ins Reden kommen, sondern Beispiele ihrer eigenen paramenschlichen Poetik geben, die mit heilsamer Bodenhaftung ins Schweben kommt. Sie liebe es, ins Sinnieren zu geraten: über Themen wie „Herdenbindung“, „Melkmaschinen“ und über den „Trost des Schmatzens“. „Stallgeflüster“ heißt die performative Installation, die eine „direkte Gedankenleitung“ von Mensch zu Kuh und zurück zu legen verspricht.
Schon auf der inhaltlichen Ebene („Trost des Schmatzens“, oh ja!) entfaltet sich ein kontemplativer Effekt, aber es wurde nicht nur am Was, sondern auch am Wie gearbeitet. Käthe soll in ihrem Stall in Rothenacker in „beruhigendem Vogtländisch“ mit uns konversieren und „mit warmem, mütterlichem Mitleid auf unser absurdes menschliches Dasein“ schauen.
Die Ruhe und Festigkeit, mit der sie ihr eigenes Dasein als Nutztier hinnimmt, wurde bisher damit erklärt, dass Tiere den eigenen Tod nicht reflektieren können. Aber was tut die Kuh sonst, wenn sie das Glück hat, den lieben langen Tag auf der Weide herumzulungern, bevor der Tag kommt, der kommen muss? Klar reflektiert Käthe, nur eben nicht wie wir mit dem Gehirn, sondern mit dem Schleudermagen. So schön das Projekt ist, so sinnvoll wäre es vielleicht, es umzudrehen und unsere Begriffe und Fragen nach Art der Kuh in das zu verwandeln, womit man umgehen kann: in Rülpser.
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