KI und Journalismus: Warum ich für ein Weilchen noch ein armer Poet sein will

Weder kann ich Noten lesen noch ein Instrument spielen. Trotzdem ruht auf meinem Rechner ein potenzieller Mallorca-Hit, den ich – gewissermaßen – erzeugt habe und unter meinem Namen gegen die Zivilbevölkerung einsetzen könnte. Das Lied dreht sich um eine Räuberpistole, mit der ich einst meine Kinder belustigte: Ihr Vater wäre der Schattenmann hinter der Singegruppe ABBA gewesen, so wie Frank Farian für Boney M. und Milli Vanilli.
Neulich befahl ich einer Musik-KI, diese Höchststapelei zu einem Ballermann-Schlager zu verwursten. Das Ergebnis nennt sich „Der fünfte Stern“ und klingt, gemessen an den Anforderungen des Genres, beeindruckend. Perfekt, um sich mit Sangria zuzulöten. Begeistert wollte ich den digitalen Auswurf meinem Freund Stefan kredenzen. – „Mach’ weg den Dreck!“ Blanker Ekel. Nicht mal wegen des Sounds. Sondern überhaupt. Er findet meine KI-Kunst nicht einfach schlecht, sondern falsch. Wenn Mist, dann von Menschen.
Es hat mit seinem Job zu tun. Er synchronisiert Filme. Künstliche Intelligenz droht seine Branche zu fressen. Computersprecher sind billig und stehen auch dann zur Verfügung, wenn der Stimme von Ryan Gosling die Luft ausgeht. Außerdem glaubt er an den Zauber menschlicher Kreativität. Es befremdet ihn, dass sogar Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk dem Schaffensprozess mit KI auf die Sprünge hilft.
Stefan folgt da der reinen Lehre, sozusagen Spitzwegs Porträt des armen Poeten. Meinem Bilde sowieso, wie ich mit durchgeschwitztem Leibchen Ewigkeiten an ein paar Wörtern laboriere.
Seine Abscheu irritiert mich. Andererseits verstehe ich sie. Der Journalismus hat auch seine KI-Debatte. Manche Medienmacher verdammen computergenerierte Beiträge als Lesertäuschung, andere feiern die Technologie als Zukunft des Pressewesens. Als Betriebswirt wäre ich bei Letzteren. Als Autor bin ich altmodisch und bilde mir ein, meine Ideen, Erfahrungen und Auffassungen selbstständig und mit meiner Handschrift ausdrücken zu können. Zu müssen. Was wäre ich denn sonst? Redakteur? Content Curator? Alles, nur kein Autor.
Wenn ich Grok, Claude und Gemini etwas frage, dann, wie sie meine fertigen Texte finden. Es geht darum, ob wenigstens die Maschine versteht, worauf ich hinauswill. Die Maschine bietet mir an, die Kolumne zu überarbeiten. Abschwächen. Zuspitzen. Nach Belieben. Bisher kamen keine Vorschläge, die mich in Versuchung führten. Das muss aber nicht so bleiben.
Eher früher als später wird die Maschine mich simulieren. Dann stehe ich mit meiner handgemachten Kopfarbeit da wie der Erzgebirgsschnitzer vor der Räuchermännel-Armee made in China. Ich bezweifle, dann noch Abnehmer für meine – bei ähnlichem Gebrauchswert – teureren Produkte zu finden, geschweige denn mit dem Argument, dass ich mir doch mehr Mühe gegeben hätte als der Algorithmus, von wegen Herzblut, Seele, trallala.
Ich beabsichtige keineswegs, die Maschine zu stürmen. Genauso wenig habe ich vor, Synthetikhirne für mich Formulierungen erfinden und meine Gedanken auch nur ordnen zu lassen. Sonst könnte ich nicht meinen Namen drüberschreiben. Als mir einmal so gar nichts einfallen wollte, recycelte ich einen Absatz eines Textes von anno dunnemals. Mit klammen Fingern. Dabei stammte das Original von mir selbst. Ich bin ein Mann von gestern. Und gestern war ich der fünfte ABBA.
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