INTERVIEW - «Wir haben unsere Geschichte ausgelöscht. Sie lässt sich nicht wiederherstellen»: Architektin Xu Tiantian über den chinesischen Bauboom

In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde in China massiv gebaut – und massiv abgerissen. Xu Tiantian, eine der einflussreichsten Architektinnen ihrer Generation, sieht nun aber eine Kehrtwende.

Als Xu Tiantian Ende der 1990er Jahre in Peking Architektur studierte, war die grosse Urbanisierung in China in vollem Gange. Ganze Dörfer und Städte wurden niedergewalzt und neu gebaut. China sei damals einem endlosen Bauoptimismus verfallen, sagt Xu Tiantian. Einem Optimismus, den sie für gefährlich hält.
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Als Xu Tiantian 2004 das Architekturbüro DnA Design and Architecture gründete, galt sie als Aussenseiterin. Während ihre Kollegen ganze Städte entwarfen, versuchte sie so wenig wie möglich zu bauen. Doch seit die Regierung die Immobilienblase 2020 platzen liess, findet ein Umdenken in China statt. Landflucht, Umweltzerstörung, Verlust von Kultur und Geschichte – inzwischen würden auch die Schattenseiten des Baubooms diskutiert, sagt Xu Tiantian im Video-Call. Xu Tiantian zählt zu den bedeutendsten Architektinnen, die den Bauboom radikal hinterfragen.

Xu Tiantian, die Urbanisierung Chinas kommt einer Revolution gleich. 89 Prozent aller Wohnungen, in denen die Bevölkerung heute lebt, wurden seit Anfang der 1990er Jahre gebaut – innerhalb der letzten dreissig Jahre. Wie haben Sie diesen Boom erlebt?
Ich selbst stamme aus Fujian, einer Provinz im Südosten Chinas. Ich wuchs in einer denkmalgeschützten Umgebung auf, in der man weder abreissen noch neu bauen darf. Ich schätze mich enorm glücklich, dass die Orte meiner Kindheit noch erhalten sind. Der grösste Teil der chinesischen Bevölkerung hat diese Erinnerungen verloren.
Der chinesische Bauboom ging auch mit massiver Zerstörung einher.
Die grossangelegten Bauprojekte haben auch kulturelle Zusammenhänge zerstört. Wir haben unsere Geschichte ausgelöscht. Das ist sehr traurig. Die Bedeutung dieser Zerstörung wird erst jetzt deutlich. Noch vor zehn Jahren hat das niemand ernst genommen. Aber heute sehen wir, mit was für einem riesigen Verlust die chinesische Urbanisierung einherging. Geschichte, die man auslöscht, lässt sich nicht wiederherstellen – das ist eine wichtige Lektion.
Ihre Arbeit erscheint wie ein Kontrapunkt zu diesem Boom. In einem Interview sagten Sie kürzlich: «Es ist nicht notwendig, ein Gebäude zu errichten.»
Als ich 2004 mein Architekturbüro gründete, waren wir unter den chinesischen Architekten wie ein Alien. Wir wollten schon früh möglichst wenig neu bauen, dafür sanieren, umnutzen und weiterbauen. Wir interessierten uns für historisch gewachsene Strukturen und ländliche Gebiete. Damals war die vorherrschende Mentalität: grösser, höher, mehr. Meine Studienkollegen haben in ihrer Karriere Millionen von Quadratmetern Gebäude entworfen – innerhalb weniger Jahrzehnte. Aber jetzt ist klar, dass dieser Optimismus geradezu gefährlich war. Es kann nicht ewig so weitergehen.
Sehen das Politiker und Vertreter der Baubranche auch so?
Auch politische Entscheidungsträger und Teile der Bauindustrie sind sich bewusst, dass wir nicht masslos weiterbauen können. Die wirtschaftlichen, ökologischen und demografischen Grenzen der massiven Bautätigkeit werden immer deutlicher. Ich denke, jetzt beginnt ein neues Kapitel in der chinesischen Architektur.


Wie meinen Sie das?
China ist in einer Phase der kritischen Auseinandersetzung mit dem Bauboom der vergangenen Jahrzehnte. Auch andere Länder haben Prozesse der rasanten und massiven Modernisierung und Urbanisierung durchlaufen. Aber das ist nur eine Phase. Jetzt, in einem Moment, in dem sich der Boom gelegt hat, etabliert sich eine neue Politik. Ich sehe das als eine Art Wiedergutmachung. Ein Versuch, die Vergangenheit zu überdenken und unser kulturelles Bewusstsein wiederherzustellen. Wir sind auf der Suche nach einer langfristigen, zeitgemässen Architektur.
Ist dieses Umdenken auch in der Mainstream-Baubranche angekommen?
Unter führenden Architekten, Wissenschaftern und Universitäten ist ein deutlicher Trend hin zu Denkmalschutz, Bauen im Bestand und Wiederverwendung zu beobachten. Doch im Mainstream-Wohnungsbau und in von grossen Entwicklern vorangetriebenen Projekten herrscht nach wie vor die Logik der «Boom-Ära» vor: Effizienz, Schnelligkeit, Repetition, Grösse – nur dass sie nun strengeren finanziellen und regulatorischen Auflagen unterliegt.
Der Bausektor ist für rund 37 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. China ist der weltweit grösste Emittent. Wie reagieren chinesische Architekten auf den Klimawandel?
Nachhaltigkeit ist kein technologisches Add-on. Jetzt geht es darum, den vorhandenen Gebäudebestand zu nutzen, indem beispielsweise leerstehende Räume umgenutzt werden. In chinesischen Städten werden derzeit neue Strategien zur Stadtentwicklung bis 2030 entwickelt. Darin werden die Erhaltung des historischen und kulturellen Erbes, die Sanierung von Stadtvierteln und Industriegebieten und der Ausbau öffentlicher Räume festgehalten.

Bei dem Fokus auf Bauboom und Urbanisierung geht oft die Landbevölkerung vergessen. Dabei leben noch immer etwa die Hälfte der Chinesinnen und Chinesen auf dem Land.
Die ländlichen Regionen Chinas wurden lange ignoriert und vernachlässigt. In den letzten zehn Jahren beobachte ich allerdings eine Kehrtwende. Immer mehr Menschen haben das schnelle Leben in den übermodernisierten Städten satt. In den Städten wurden historische Gebäude abgerissen und durch Hochhäuser mit enorm hoher Dichte ersetzt. Das geht den Menschen nahe. Wir erleben eine Art Nostalgie für die ländliche Seite Chinas. Die Landflucht hat sich im Vergleich zu den Spitzenjahren verlangsamt, und in einigen Regionen gewinnen kleinere Städte und ländliche Ortschaften durch Tourismus und staatlich geförderte Programme zur Wiederbelebung des ländlichen Raums wieder an Bedeutung.
Nicht nur in China, sondern weltweit leben noch fast die Hälfte der Menschen auf dem Land . . .
Und wir Architekten sind uns dessen gar nicht bewusst! Wir können nicht ewig nur in den Städten bauen. Wie könnte die Wirtschaft das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land ausgleichen? Wie können wir diese Kluft schliessen? In China ist die Ungleichheit zwischen Stadt- und Landbevölkerung enorm. Die ländlichen Gebiete stehen vor grossen Problemen.
Ihren eigenen Ansatz bezeichnen Sie als «architektonische Akupunktur». Was meinen Sie damit?
Akupunktur ist ein minimalinvasiver Eingriff, der auf eine langfristige Heilung abzielt. Auf die Architektur bezogen bedeutet das: Wir versuchen ländliche Regionen dabei zu unterstützen, ihre lokale Kultur und ihre Traditionen zu bewahren. Wir haben diese Form der Arbeit im südchinesischen Landkreis Songyang begonnen. Es ist ein ganz anderes Vorgehen als bei einem klassischen Architekturprojekt.
Xu Tiantian studierte Architektur in Beijing und Harvard. 2004 gründete sie das Architekturbüro DnA Design and Architecture, das sich auf lokale Baukultur in den ländlichen, oft vergessenen Regionen Chinas konzentriert. Ihre minimalen Eingriffe, die sie «architektonische Akupunktur» nennt, erregen internationale Aufmerksamkeit. 2022 wurde ihre Arbeit mit dem internationalen Swiss Architectural Award ausgezeichnet.
Inwiefern?
In Songyang haben wir über acht Jahre mit der lokalen Gemeinde zusammengearbeitet. Im Unterschied zu einem klassischen Architekturauftrag bekommen wir nicht einfach ein Grundstück, einen Auftrag und beginnen zu entwerfen. In Songyang begannen wir unsere Arbeit damit, gemeinsam mit der Gemeinde und den Bewohnern herauszufinden, was sie überhaupt brauchen, was sie sich für die Zukunft ihres Ortes wünschen. Das kann eine Tofumanufaktur sein, wie in dem Dorf Caizhai, oder eine Fabrik für braunen Zucker, wie im Dorf Xing. Es geht aber nicht um das einzelne Gebäude. Das Gebäude ist lediglich das Mittel, eine Art Medium für sozialen und wirtschaftlichen Wandel.
Sie wollen der Landflucht entgegenwirken?
Wir können nicht auf ewig wie verrückt in den Städten bauen. Unsere Projekte sind darauf angelegt, die Identität eines Ortes zu stärken, das soziale und wirtschaftliche Potenzial wiederzubeleben. Wir versuchen, die Bevölkerung zu inspirieren, sie zu ermutigen, neue Unternehmen zu gründen. Und junge Menschen dazu zu bewegen, in ihre Heimat zurückzukehren. Und ich denke, noch wichtiger ist es für die Einheimischen, ihren Stolz wiederherzustellen und zu verstehen, dass sie ein Erbe in der teilweise jahrhundertealten Geschichte ihres Heimatortes weitertragen. Die Tofumanufaktur zum Beispiel bewahrt eine alte Tradition, schafft Arbeitsplätze und zieht Touristen an.

Ihre Projekte umfassen vor allem öffentliche und kulturelle Einrichtungen. Interessiert Sie der Wohnungsbau nicht?
In China entspricht der Wohnungsbau ungefähr dem, was man in Europa unter Immobilienentwicklung versteht. In den letzten Jahren war dieser Markt vor allem von neoklassizistischen Projekten dominiert, die sich gut verkaufen liessen. Ich glaube einfach nicht an diese grossangelegten Projekte, für die so viele Menschen in eine zentralisierte Wohnanlage umgesiedelt werden müssen. Wir haben aber ein Wohnungsprojekt auf dem Land begleitet. Es war ein völlig verlassenes Dorf, in dem nur noch zwei oder drei Menschen lebten. Die restlichen Bewohner waren abgewandert.
. . . ein sogenanntes «hollow village», ein ausgestorbenes Dorf.
Wir haben den Einheimischen geholfen, die Bauernhäuser zu bewahren und zu einem «homestay business» umzuwandeln – so können Touristen in den Häusern übernachten, doch die Eigentümerschaft bleibt bei den Dorfbewohnern. Ausserdem konnten wir aushandeln, dass das Land nicht an private Investoren verkauft werden darf.
Lässt sich Ihr Ansatz der «architektonischen Akupunktur» auch in grösserem Massstab anwenden?
Die soziale Strategie hinter unserem Ansatz lässt sich skalieren. Wir verstehen ein Gebäude nicht im Sinne eines Kunstwerks. Es geht nicht darum, dass ein genialer Architekt ganz alleine und unabhängig Entscheidungen trifft. Diese Zeit ist vorbei. Wir müssen uns in der Politik mit sozialen Dynamiken und ganz praktisch auch mit Finanzierungsquellen auseinandersetzen. Es geht um gemeinsame Gestaltung, die die lokale Bevölkerung einbindet.
Die Zeit der Tabula-rasa-Architektur neigt sich dem Ende zu?
Schon vor zwanzig Jahren haben wir gesehen, dass die grossangelegten Wahrzeichen überall gleich aussahen – egal, ob sie im Norden oder im Süden Chinas gebaut wurden. Doch Kultur und Klima sind in unserem grossen Land teilweise völlig verschieden. Die architektonische Monotonie wird nicht mehr überall in Kauf genommen: Die Arbeiten der jüngeren Generation chinesischer Architekten wie Zhao Yang und Fang Shujun sind heute viel stärker in lokaler Kultur, Geschichte und Tradition verwurzelt.
Xu Tiantian hält am 26. 6. 2026 eine Vorlesung im Schweizerischen Architekturmuseum (SAM) in Basel. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Ausstellung «Groundwork» (bis zum 30. 8. 2026) statt.
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