Wie Smartphone, Laptop, Tablet die geistige Fitness verbessern können

Die Geräte werden oft kritisch betrachtet. Aber wer technologisch auf dem neuesten Stand bleibt, hat im Alter Vorteile. Die Kolumne «Psychologie des Alltags».
Franca Cerutti

Versiert spricht Peter über Partitionen und externe Festplatten, lässt sich Timer und Termine über seine Alexa einstellen und verwaltet die Geburtstage seines Wanderklubs mit Excel-Tabellen. Das Besondere: Peter ist 90 Jahre alt. Er ist ganz sicher kein «Digital Native», aber ein «Early Adopter», der neugierig mit dem klobigen C64 den Schritt in die digitale Welt gewagt hat und seither am Ball geblieben ist. Das überrascht. Täuscht uns etwa der Eindruck, dass Mediennutzung das Hirn vernebelt?
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In dieser Kolumne schreibt die Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin Franca Cerutti regelmässig über Alltägliches mit psychologischem Tiefgang.
Eine umfangreiche Analyse wissenschaftlicher Studien legt nahe, dass diese Einschätzung trügt, jedenfalls in Peters Lebensphase. Jared Benge von der University of Texas und Michael Scullin von der Baylor University haben für das Fachjournal «Nature Human Behaviour» 57 Studien mit über 411 000 Personen jenseits der 50 zusammengeführt. Wer Computer, Smartphone und Internet im Alltag nutzte, wies weniger kognitive Störungen auf. Ausserdem verlief der geistige Abbau über die Beobachtungsjahre hinweg um gut ein Viertel langsamer.
Ein reges Leben scheint im Gehirn ein Polster anzulegen, das im Alter Schäden abfedert. Bislang speiste sich diese sogenannte kognitive Reserve aus Bildung, Austausch und Anregung – der Technikgebrauch kommt offenbar als weitere Quelle hinzu. Doch wodurch genau soll ein Laptop schützen? Drei Wege bieten sich an.
Der erste ist die Komplexität: Wer ein Programm bedient, ringt mit wechselnden Oberflächen und hakeligen Updates. Was uns am Gerät nervt, ist womöglich eine Art kognitives Training. Der zweite Weg ist die erleichterte soziale Verbindung. Videoanrufe, Nachrichten und Gruppenchats halten Kontakte lebendig, und soziale Nähe schützt die geistige Gesundheit. Der dritte Weg berührt am stärksten, was gemeinhin als problematisch eingestuft wird: das Auslagern. Erinnerungen, Kalenderfunktionen und Navigation an ein Gerät abzugeben, gilt für viele als Anfang des Verfalls. Laut Forschung wirkt es allerdings eher als nützliches Stützgerüst, das Lücken überbrückt, wenn das Gedächtnis nachlässt.
Aber Achtung: Ein einfaches Rezept lässt sich daraus nicht ableiten. Die Forschenden sprechen von einer Korrelation, die in beide Richtungen wechselseitig denkbar ist. Ein waches Gehirn beschäftigt sich eher mit Technik, und der Umgang mit ihr hält das Gehirn wach. Der Grossmutter ein Smartphone in die Hand zu drücken, wird sie also nicht fitter machen, wenn sie vor Jahren oder Jahrzehnten den Anschluss verloren hat. Die geistige Reserve, von der hier die Rede ist, wächst über ein langes Leben und lässt sich nicht nachträglich verabreichen.
Peter verdankt seinen wachen Kopf ohnehin keinem Gerät, sondern einem langen Leben, in dem er bereit war, immer wieder von vorn ein Anfänger und Lernender zu sein – am klobigen C64 und an allem, was seither kam.
Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin, Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, ohne Kaffee ist sie nicht sie selbst.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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