Die Wissenschaft des Elfmeters: Warum selbst Messi vom Punkt scheitert

Forscher untersuchen die Kunst des Penaltyschiessens. Ihre Erkenntnisse könnten an dieser WM über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

High Noon in Texas: Im Dallas-Stadion kommt es kurz nach 12 Uhr am Montagmittag zum Duell. Lionel Messi, der wohl beste Fussballspieler der Welt, steht vor dem österreichischen Torhüter. Der Argentinier hat die Chance, sich mit einem Penaltytreffer zum erfolgreichsten WM-Torschützen der Geschichte zu schiessen. Messi läuft an, verzögert kurz und schlenzt den Ball rechts neben das Tor.
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Für Ulrik Brandes kam das nicht ganz so überraschend: «Messi ist kein besonders guter Penaltyschütze», sagt er. Der Professor für Netzwerkforschung an der ETH Zürich wusste dies bereits vor dem Spiel am Montag. Denn mit seinen Mitarbeitern analysierte er rund 50 000 Elfmeter, die zwischen 2012 und 2023 in verschiedenen europäischen Ligen sowie an Europa- und Weltmeisterschaften geschossen wurden.
Ihre Studie zeigt: Messi gehört zwar zu den Fussballern, die oft Penaltys schiessen. In diesem erlauchten Spielerkreis performt der Argentinier am Elfmeterpunkt aber unterdurchschnittlich.
Eine WM mit viel PenaltyschiessenWie Brandes haben in den vergangenen Jahren auch andere Forscher begonnen, die Kunst des Elfmeterschiessens systematisch zu untersuchen. Die gewonnenen Erkenntnisse helfen Teams, in Schlüsselmomenten eines Spiels die richtigen Entscheidungen zu treffen. An dieser WM, an der wegen einer zusätzlichen K.-o.-Runde mit besonders viel Penaltyschiessen zu rechnen ist, könnte das sogar über den Titel entscheiden.
Schon früher gaben Elfmeter den Ausschlag: Das erste grosse Turnier, das durch ein Elfmeterschiessen entschieden wurde, war die EM 1976. Im Final zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei stand es nach der Verlängerung noch immer 2:2. Als einziger deutscher Schütze verschoss Uli Hoeness seinen Elfmeter, wonach Antonín Panenka den Penalty mit seinem berühmten Heber in die Tormitte verwandelte und die Tschechoslowakei zum Europameister machte.
Wer genau das Elfmeterschiessen in seiner modernen Form erfunden hat, ist umstritten. Sicher ist: 1970 nahm es der Deutsche Fussballbund erstmals in ein offizielles Regelwerk auf. Zuvor wurde bei einem Unentschieden ein Nachholspiel angesetzt oder – wenn dies zu aufwendig war – die Partie ganz einfach mit einem Münzwurf entschieden.
Der Münzwurf spielt noch heute eine Rolle. Wer ihn gewinnt, kann sich dafür entscheiden, mit dem Elfmeterschiessen zu beginnen. Meistens wählen die Captains diese Option – in der Überzeugung, dass die startende Mannschaft psychologisch im Vorteil ist. Sie kann vorlegen, während das andere Team häufig einem Rückstand hinterherläuft und dadurch stärker unter Druck gerät.
Doch die Studie von Ulrik Brandes hat dies als Mythos entlarvt. Die nackten Zahlen belegen: Die Wahrscheinlichkeit, das Elfmeterschiessen zu gewinnen, ist für beide Mannschaften gleich. Zwar zeigten manche frühere Studien tatsächlich das startende Team im Vorteil. «Deren Datengrundlage war aber dürftig», erklärt Brandes. Der Befund seiner Studie sei dagegen bereits durch neue Untersuchungen bestätigt worden.
Der Erste trifft besonders häufigDie Analysen von Brandes und seinem Team zeigen deutliche Unterschiede bei den Erfolgsquoten der Schützen. Manche beherrschen das Elfmeterschiessen äusserst gut, andere weniger. Zudem fällt in der Reihenfolge etwas auf: Der erste Schütze beider Mannschaften trifft besonders häufig, der zweite deutlich seltener.
Brandes vermutet, dass viele Teams bewusst mit einem Penaltyspezialisten beginnen. An zweiter Stelle folgt dagegen oft ein weniger starker Schütze, während für die fünfte Position erneut ein besonders treffsicherer Spieler vorgesehen ist.
Genau darin sieht Brandes jedoch ein Risiko. Denn oft ist das Duell bereits entschieden, bevor der fünfte Schütze überhaupt an die Reihe kommt. «Erfolgversprechender müsste demnach sein, die besten Schützen möglichst früh antreten zu lassen», sagt er.
Bei den zwei Penaltyspezialisten, dem Engländer Harry Kane und dem Polen Robert Lewandowski, zeigt sich, was gute Schützen ausmacht: Sie haben einen klaren Plan. Dieser unterscheidet sich allerdings bei den beiden.
Kane wendet die torhüterunabhängige Technik an. Er entscheidet sich vorab für eine Torecke und schiesst den Ball scharf dorthin. Lewandowski ist dagegen ein Vertreter der torhüterabhängigen Technik. Dabei hüpft oder stottert der Schütze beim Anlauf, schaut auf die Bewegungen des Goalies und entscheidet sich im allerletzten Moment, wohin er schiesst.


Brandes Studie zeigt auch, dass es eine Rolle spielt, wann ein Penalty stattfindet: Während des Spiels treffen 82 Prozent der Schützen, beim Elfmeterschiessen nur noch 75 Prozent. Das lasse sich mit dem erhöhten Stress in dieser entscheidenden Spielphase erklären, sagt der Forscher.
Brandes sieht dafür eine Reihe von möglichen Ursachen. Eine davon ist der lange Gang vom Mittelkreis zum Elfmeterpunkt. Hinzu kommt, dass ein verschossener Penalty im Elfmeterschiessen meist deutlich schwerer wiegt als während der regulären Spielzeit.
Die Last auf den Schultern der EngländerDer norwegische Sportpsychologe Geir Jordet hat dem Stress, dem Penaltyschützen ausgesetzt sind, ein ganzes Buch gewidmet: «Unter Druck» heisst es.
Darin beschreibt er die Erwartungshaltung, die schon lange auf dem englischen Nationalteam lastet. Seit 1966 hat es keinen grossen Titel mehr gewonnen, gleichzeitig kennt die englische Presse beim Versagen einzelner Spieler keine Gnade.
Dieser Druck lässt sich laut Jordet im Verhalten der Spieler nachweisen. Er verweist auf zwei statistische Werte, die sich aus seiner Analyse von EM- und WM-Spielen zwischen 1976 und 2023 ergeben: England hat den höchsten Anteil an Spielern, die dem Blick des Torhüters ausweichen. Zudem lassen sie nach dem Pfiff des Schiedsrichters bis zum Schuss am wenigsten Zeit verstreichen. Beides seien Verhaltensweisen, die auf Stress hindeuten.
Immer wieder versagten den Engländern in den vergangenen Jahrzehnten die Nerven, wichtige Elfmeterschiessen gingen verloren. Vor der WM in Russland startete der Trainer Gareth Southgate deshalb ein wissenschaftlich fundiertes Vorbereitungsprogramm. Die Mannschaft simulierte komplette Penaltyschiessen: mit Schiedsrichtern, Besprechungen, Warten im Mittelkreis und Ablenkungsmanövern. Zudem wurde jeder Ablauf für den Ernstfall festgelegt: Wo die Spieler stehen, wer mit wem spricht, wer den Ball übergibt, wie auf den Schiedsrichterpfiff reagiert wird.
Der Plan ging auf: Im Achtelfinal gegen Kolumbien gewann England erstmals seit 22 Jahren wieder ein Elfmeterschiessen.
Penaltys lassen sich also trainieren. Das wissen auch die Spezialisten. Robert Lewandowski oder die norwegische Fussballerin Maren Mjelde leisten nach dem Training jeweils Überstunden, um ihre Technik zu perfektionieren. Womöglich mangelt es ausgerechnet Messi an diesem Training. Das könnte sich rächen. Denn die Chance ist gross, dass es an dieser WM noch Penaltytreffer von ihm braucht.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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