Was fehlt uns, wenn die Gletscher verschwinden?

Die Klimaerwärmung bringt die Gletscher zum Schmelzen. Wir verlieren dabei mehr, als wir ermessen können. Zwei Bücher erweitern die Klimadebatte um einen wichtigen Aspekt: den Verlust von Schönheit.

Der Fotograf Daniel Schwartz blickt aus dem Helikopter. Unter ihm liegt das Lötschental. Es ist der 27. Mai 2025, ein Teil des Gipfels des Kleinen Nesthorns ist bereits eingestürzt, und auch der Birchgletscher sieht eigenartig aus. «Was ich im Sucher sehe, ist kein Gletscher. Eher eine Schnauze oder eine Fratze», schreibt Schwartz. Davon «abgehend wie Lefzen gelbweisse viskose Muren. Unterhalb einer steilen Rippe vereinigen sie sich zum Erdstrom, den die Verbauung bei Blatten gerade noch dämmt.» Einen Tag später hält die Verbauung nicht mehr. Der Gletscher gerät ins Rutschen. Eine Lawine aus Schutt und Eis stürzt ins Tal und begräbt das Dorf Blatten unter sich.
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Die Aufnahme des Birchgletschers kurz vor dem Gletschersturz ist in Schwartz’ neuem Buch zu sehen. Sie ist von irritierender Schönheit. Die Fotografie bannt den Moment vor der Katastrophe in ein Bild, hält die dunklen, von Schnee bedeckten Felsen und den bereits in Bewegung geratenen schmalen Schuttstrom fest, kurz bevor alles ins Rutschen gerät. Bevor neun Millionen Kubikmeter Eis und Geröll ins Tal donnern und die Lebenswelt von 300 Menschen zerstören.
Aufgrund der Klimaerwärmung schmelzen die Gletscher überall auf der Welt, aber hierzulande in besonders hohem Tempo. Manche wie der Pizolgletscher sind bereits verschwunden. Der Temperaturanstieg ist in der Schweiz mit 2 Grad Celsius seit den 1980er Jahren doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt. In der Folge werden die Gesteinsmassen der Alpen immer instabiler. «Dem Steilhang, der Moräne kommt der stützende Eisstrom abhanden», schreibt Schwartz. Die Konsequenzen sind verheerend und treffen die Wasserversorgung, die Energiesicherheit und auch Siedlungsgebiete wie Blatten im Lötschental.
Das Schmelzen der Gletscher ist ein unbestreitbarer Beleg für die Wirkung der menschenverursachten Klimakrise und das Versagen der Politik. Doch ihr Verschwinden trifft auch unser Auge. Auf alten Fotos oder an Markierungen vor Ort sehen wir, wo die Gletscher noch vor wenigen Jahren waren und was jetzt fehlt. Ihr Schrumpfen hat sich beschleunigt. Was aus der Perspektive der Wanderin zuallererst auffällt: Ihr Verschwinden ist auch ein Verlust an Schönheit. Dieser Verlust trifft uns auch emotional.
Felsen wandern durch die ZeitDer renommierte Fotograf Daniel Schwartz hat sich der Schönheit der Gletscher seit Jahrzehnten verschrieben. Er fotografiert sie stets in Schwarz-Weiss, meist aus der Luft, und legt Strukturen frei, die man sonst nicht sieht. Manche seiner Bilder muten fast überirdisch an, etwa wenn er den Galmiggletscher im Kanton Wallis in einer schwindelerregenden Vertigo-Aufnahme einfängt. Seine Bilder erzählen aber auch von der ökologischen Belastung, zum Beispiel, wenn er den mit einem Vlies abgedeckten Rhonegletscher zeigt, wobei das Vlies ziemlich zerfetzt ist.

In seinem neuen Buch nähert sich Schwartz den Gletschern auch als Forscher, weiss über Glaziologie und Geologie Bescheid und hat sich tief in die Geschichte von Klimaforschung und Landschaftsmalerei eingelesen. Er hat Gletscher auf vier Kontinenten erkundet, zu Fuss und aus der Luft, von den Alpen bis in den Hindukusch und die Cordillera Blanca. Seine essayistischen Reiseberichte sind wahrnehmungs- und wissensgesättigte, manchmal auch verkopfte Texte, die wie die Gletscher selbst durchaus sperrige Brocken transportieren. Und Wörter wie Moränenstaffeln, Schuttfächer, Albedo und Erratiker für Findlinge.
Gletscher seien «einfrierbare und gefrorene Zeit».
Die Findlinge oder Erratiker, die Schwartz aus seiner solothurnischen Heimat kennt, bilden den Auftakt zu seinen Erkundungen. Bereits in jungen Jahren fotografierte er den «Rütschelistein». Der Erratiker auf der Martinsfluh bei Rüttenen legte 145 Kilometer zurück; er ist der Findling mit der längsten bekannten Reisezeit. 375 000 Jahre war er auf dem Rhonegletscher unterwegs.
Gletscher seien «einfrierbare und gefrorene Zeit», schreibt Schwartz. Sie fliessen durch die Zeit und bringen diese in ihren Sedimenten zum Ausdruck. Immer wieder bringen sie Überreste der Vergangenheit zutage, etwa Knochen und Ausrüstung deutscher Bergsteiger der Himalaja-Expedition von 1934 im Raikot-Gletscher in Pakistan.
So wird «Unterwegs zu den Gletschern der Welt» zu einer komplexen und melancholischen literarischen Reise. Immer wieder klingt dabei die Frage an: Was wird uns fehlen, wenn die Gletscher selbst verschwunden sind, wenn sie nur noch auf Fotografien existieren? Daniel Schwartz’ Nostalgie ist als Antwort allerdings etwas mager. Deshalb lohnt sich der Blick in ein zweites Buch.
Den Aspekt der verloren gehenden Schönheit thematisiert auch Marcel Hänggi. Der Journalist schreibt: «Bis 2100 könnten die Gletscher der Alpen verschwunden sein. Kein Alpenfirn würde sich dann mehr röten.» Keine rosa leuchtenden Berggipfel mehr? Das ist eine traurige Vorstellung. Unser Bild der Alpen, das in der Schweiz als kollektives Bild von Heimat funktioniert, ist von verschneiten Gipfeln geprägt. Nicht von grau-schwarzen steinigen. Würde sich die Politik doch noch zu einem weltweit starken Klimaschutz zusammenraufen, würden immerhin «nur» drei Viertel des Eises in den Alpen verschwinden.
Auch Lärchen und Arven verschwindenIn «Das Schöne, das verloren geht» lenkt Hänggi den Blick auf einen unbeachteten Aspekt der Umweltdebatte: jenen der Schönheit. Landschaften haben für Menschen verschiedene Dimensionen. Sie sind nicht nur ökonomische Nutzräume und Ressourcenlieferanten, sondern sprechen auch zu uns, wecken ästhetisches Empfinden. Doch während es im Alltag normal ist, Landschaften als «schön» zu bezeichnen, spiele Schönheit in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion kaum eine Rolle, stellt Hänggi fest.
Früher war das anders. So beschrieb Rachel Carson 1962 eine triste Welt ohne Vogelgesang. Ihr Buch «Der stumme Frühling» begründete die moderne Umweltbewegung und führte zum Verbot des Insektizids DDT. Was aber ist überhaupt eine «schöne» Landschaft? Dieser Frage geht der Autor in seinem lockeren Essay nach, wobei manches nur angetippt wird. Ausgehend von Alltagswahrnehmungen, an die man leicht anknüpfen kann, und im Gespräch mit Wissenschaftern erkundet er, welche Landschaften wir als schön empfinden und ob man Schönheit überhaupt definieren kann. Und er fragt, wie die Schönheit mit der Zerstörung der Natur sowie deren Schutz zusammenhängt.

Hänggis Text führt von blühenden Kirschbäumen über den schönsten Schweizer Käfer, den Alpenbock, bis zu Massentourismus und Landwirtschaft. Man lernt: Mit der Erwärmung werden nicht nur die Gletscher verschwinden, sondern auch die Lärche und die Arve. Sein Fazit: «Die Frage nach der Schönheit und dem Verlust von Schönheit ist keine existenzielle. Menschen können auch in hässlicher Natur überleben. Aber ein menschliches Leben in Würde ist nicht möglich, wenn neben den existenziellen Überlebensfragen nichts anderes mehr zählt.»
Diese zwei Bücher brechen eine rein auf den Nutzen zielende Sicht auf Natur und Klima auf. Das brauchen wir wohl, um Wege zu finden, sie künftig zu schützen.
Daniel Schwartz: Unterwegs zu den Gletschern der Welt. Galiani 2026. 330 S. Marcel Hänggi: Das Schöne, das verloren geht. Rotpunkt 2026. 176 S.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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