Rauschhafte Feste im Steinkreis: So versuchten die ersten sesshaften Bauern in Anatolien, in turbulenten Zeiten Gemeinschaft zu erzeugen

In der Türkei haben Archäologen ausser dem schon länger bekannten Göbekli Tepe noch weitere, 12 000 Jahre alte Fundorte mit bebilderten Steinpfeilern entdeckt. Die Motive: wilde Tiere – und jede Menge männliche Geschlechtsteile.
Dagmar Schediwy

ebrail Caymaz / Anadolu / Getty
Es war der Mangel, der vor Tausenden von Jahren die Menschen, die bis dahin jagend und sammelnd unterwegs waren, in die sesshafte Landwirtschaft trieb – das ist die gängige Auffassung. Erst die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht sorgte angeblich für eine regelmässige Kalorienzufuhr.
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Doch aktuelle Ausgrabungen im Südosten der Türkei erzählen eine völlig andere Geschichte: Nicht der Mangel, sondern der Überfluss war ausschlaggebend für den vielleicht grössten Umbruch der Menschheitsgeschichte, den Beginn von Sesshaftigkeit und Ackerbau.
Die Menschen mussten dem Wild nicht mehr hinterherziehenDie Gegend um das türkische Sanliurfa liegt schon fast an der Grenze zu Syrien. Was in Europa erst vor 7500 Jahren passierte, trat hier schon vor 12 000 Jahren ein: Aus Jägern und Sammlern wurden sesshafte Menschen.
Schuld war eine Klimaveränderung am Ende der letzten Eiszeit. «Die Landschaft in der Region Urfa war viel feuchter als heute, es gab Wiesen, Wälder und Flüsse, für Wildbeuter war das ein Paradies», erklärt Lee Clare, der Projektleiter von Göbekli Tepe.
Nahrung gab es in Hülle und Fülle. Es wuchsen verschiedene Arten von Wildgetreide, Hülsenfrüchten, Pistazien und Mandeln. Wildschweine, Auerochsen, wilde Schafe und Ziegen streiften umher. Die Lieblingsnahrung der Wildbeuter, die Kropfgazelle, kam jedes Jahr im Spätsommer in grossen Herden vorbei. Alles, was sie brauchten, fanden sie in ihrer unmittelbaren Umgebung. Deshalb mussten sie dem Wild nicht länger hinterherziehen.
Einige Menschen siedelten sich auf Kalksteinhöhen rund um eine Tiefebene an. Die berühmteste dieser jungsteinzeitlichen Siedlungen ist Göbekli Tepe mit ihren Steinkreisen aus T-förmig zugehauenen, tonnenschweren Steinen. Die ab 1994 freigelegten Monumentalbauten mit ihren filigranen Tierreliefs sind immer noch Gegenstand von Forschungen.
Lange Zeit ging man davon aus, dass Göbekli Tepe eine reine Kultanlage war. Erst vor wenigen Jahren haben Archäologen auch Wohngebäude gefunden.
In Stein gehauene Leoparden, Schlangen, Füchse, SkorpioneDoch Göbekli Tepe ist nicht so einzigartig, wie man noch vor kurzem dachte. Inzwischen wurden elf weitere Monumentalanlagen mit T-Pfeilern und dazugehörigen Siedlungen in der Region Sanliurfa entdeckt. Diese «Tas Tepeler», übersetzt Steinhügel, werden seit 2021 im «Sanliurfa Neolithic Research Project» ausgegraben und erforscht.
Die Bilderwelt der Tas-Tepeler-Fundorte spricht dafür, dass sich hier Gruppen mit einer gemeinsamen Kultur niedergelassen haben.

Bilal Seckin / Middle East Images / Imago
Da ist zum Beispiel Karahan Tepe, 60 Kilometer östlich von Göbekli Tepe. Beide Anlagen sind etwa gleich alt, sie wurden zwischen 9600 und 9400 v. Chr. erbaut. An beiden Orten hat man Bauten mit Mahlsteinen für Getreide gefunden, was auf häusliches Leben hindeutet.
Auch Karahan Tepe weist zahlreiche Steinkreise und etwa 250 T-förmig zugehauene Monolithen auf. Die Motive sind weitgehend identisch. Zähnefletschende Leoparden, Schlangen, Füchse, Skorpione und ähnlich gefährliches Getier schmücken die T-Pfeiler oder sind als Skulpturen an Wänden und auf Bänken zu finden. Auch die Darstellungen von menschlichen Gestalten, stilisierten Armen, Händen und Fingern, die um die T-Pfeiler greifen, ähneln sich. Doch es gibt auch Unterschiede zu Göbekli Tepe: In Karahan Tepe sind mehr dreidimensionale Figuren und Menschenbilder zu sehen. So hat jede Fundstätte ihre ganz eigene Prägung.
Erigierte Penisse dominieren die BilderweltEines ist aber in allen bisher ausgegrabenen Tas-Tepeler-Orten gleich: die Obsession für das männliche Glied. Wurden schon in Göbekli Tepe zahlreiche Tierdarstellungen mit erigierten Penissen sowie Phallusdarstellungen auf Pfeilern und Skulpturen entdeckt, bieten die neu entdeckten Orte Phalli im Exzess. So schliesst sich in Karahan Tepe an den grossen Steinkreis eine ovale Kammer mit zehn phallusköpfigen Pfeilern an. Ebenfalls in Karahan Tepe wurde die 2,3 Meter hohe Statue eines Mannes entdeckt, der sein Glied mit beiden Händen umfasst. Er ähnelt dem Urfa-Mann, einer nahe Sanliurfa gefundenen Skulptur, der ebenfalls mit den Händen sein Geschlecht berührt.

Marco Restano / Wikimedia; CC BY-SA 4.0
Auch das sogenannte Sayburc-Relief, das einen seinen Penis umgreifenden Mann zwischen Raubkatzen zeigt, fügt sich in die Reihe der einschlägigen Darstellungen ein. Ihre Interpretation ist so vielfältig wie kontrovers: Einige vermuten Initiationsriten, andere glauben, dass der Phallus damals als Fruchtbarkeitssymbol galt.
Die Gebäude sollten die Menschen zusammenbringenKeine eindeutige Antwort gibt es auch auf eine andere Frage: weshalb sich die Bewohner die Mühe machten, tonnenschwere Pfeiler aus dem Stein zu schlagen und teilweise kilometerweit zu schleppen, um mit ihnen monumentale Rundbauten zu errichten. Auch wenn die Abbaustellen auf den Kalksteinplateaus lagen, war das eine Knochenarbeit, die wahrscheinlich nur durch die Kooperation mehrerer Gruppen zu bewältigen war.
Einig sind sich die Archäologinnen und Archäologen aber darin, dass diese Bauten eine grosse Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft hatten. «Die Gebäude sollten Leute zusammenbringen, die Millionen von Jahren als Nomaden in kleinen Gruppen umherzogen und nun in grösserer Zahl an einem Ort lebten. Dafür brauchte es eine neue soziale Konstruktion», glaubt Necmi Karul, der Leiter des Sanliurfa Neolithic Research Project.
So fungierten die T-Pfeiler-Anlagen zum einen als Versammlungsräume, was man auch an den überall eingebauten Bänken erkennt. Zum anderen dienten sie als kultische Zentren, in denen besondere Rituale und Feste stattfanden. Man geht mittlerweile davon aus, dass sie überdacht waren.
Ekstase soll den Zusammenhalt der Gruppe stärkenIn einer Ausstellung der Funde in der Berliner James-Simon-Galerie hat die Fotokünstlerin Isabel Muñoz die besondere Atmosphäre in diesen Gebäuden mit Fackeln nachgestellt.
Auf einem ebenfalls dort gezeigten Vasenfragment bekommt man einen Eindruck davon, was sich dort abgespielt haben könnte: Zwei Menschen und eine Schildkröte tanzen völlig selbstvergessen einen ekstatischen Tanz.

Dick Osseman / Wikimedia; CC BY-SA 4.0
Solche Feste, die für kurze Zeit die Selbstentgrenzung und rauschhafte Verschmelzung erlauben, hat es in allen Kulturen gegeben. Wie der französische Soziologe Émile Durkheim schon vor mehr als hundert Jahren schrieb, sollte der gemeinsam erlebte Ausnahmezustand den Zusammenhalt der Gruppe im Alltag stärken.
Dazu dienten auch die Motive auf den T-Pfeilern, wie Lee Clare annimmt: «Die Figuren auf den Flachreliefs hatten eine wichtige soziale Funktion. Sie bildeten die uralten Erzählungen und Mythen der Jäger und Sammler ab. Dadurch stärkten sie die kollektive Identität.»
Gewaltsame Konflikte wurden immer häufigerDoch mit der Zeit wurden die Fliehkräfte immer stärker. Denn die neue Lebensweise brachte nicht nur Vorteile mit sich. Die Sesshaftigkeit und das damit einhergehende Bevölkerungswachstum gingen mit einem Kampf um Ressourcen einher. Mit der beginnenden Landwirtschaft kam die Frage auf, wie der Überschuss verteilt werden soll. Die Konflikte mehrten sich.
Darauf könnten auch die Spuren von Gewalt an den Skeletten der Bewohner von Göbekli Tepe hinweisen, die Julia Gresky vom Deutschen Archäologischen Institut entdeckt hat: «Bei einer Frau aus einer Mehrfachbestattung wurde eine Eindellung am Schädel gefunden. Die könnte zum Beispiel von einem Schlag mit einem Stein stammen», erklärt die Anthropologin.
Auch andere Skelette wiesen Verletzungen am Schädel auf. Dabei ging es nicht um tödliche Frakturen, wie Gresky betont: «Die meisten waren ganz gut verheilt. Das war kein Mord und Totschlag, sondern eher ein mit Gewalt ausgetragener Nachbarschaftsstreit.» Sie führt die Befunde auf die psychische Belastung durch eine immer grössere Bevölkerungsdichte zurück.
So könnte ein Zusammenbruch der sozialen Ordnung am Ende der Tas-Tepeler-Kultur gestanden haben. Denn irgendwann, manchmal nach tausend oder zweitausend Jahren, verliessen die Bewohner ihre Siedlungen. Sie füllten die Anlagen sorgfältig mit Erde und Geröll auf und legten zum Schluss eine Schicht Steine darüber. Dann zogen sie weiter.
Damit hatten übrigens auch die Phallussymbole ausgedient. In der restlichen anatolischen Jungsteinzeit dominierten stattdessen Figurinen beleibter Frauen das Bild.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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