Fussball treibt den Puls in die Höhe, auch bei den Zuschauern – ist das ein Grund zur Sorge?

Ob im Stadion oder im Fernsehen: Spannende Matches können richtig nervenaufreibend sein. Ob sie dadurch zum Risiko für Herz und Kreislauf werden, ist in der Forschung heftig umstritten. Die Kolumne «Hauptsache, gesund».
Matthias Meili

Ich liebe Spiele mit Aussenseiter-Beteiligung bei der Fussball-WM. Curaçao - Côte d’Ivoire, Usbekistan - Kolumbien, Haiti - Schottland. Solche Begegnungen sind hochinteressant und horizonterweiternd. Vor allem aber schonen sie meine Nerven im Vergleich zu Spielen der eigenen Mannschaft.
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In dieser Kolumne werfen Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin und Gesundheit.
Wie sehr Letztere den Puls der Fans nach oben treiben, hat kürzlich die «Fussballfieber»-Studie der Universität Bielefeld gezeigt. Anders als in früheren Laborstudien wurden hier Anhänger von Arminia Bielefeld mit Smartwatches ausgerüstet, um ihre Pulsrate im echten Leben zu messen. Der Drittligaklub hatte es 2025 bis ins deutsche Pokalfinale geschafft. Die Fans waren aus dem Häuschen. Kein Wunder, schnellte die Herzfrequenz der Fans im Stadion von normalerweise 68 Schlägen pro Minute auf 94 hoch. Auch die Anhänger, die den Match auf dem Sofa vor dem TV verfolgten, erreichten noch fast 80 Schläge pro Minute.
Die Untersuchung bestätigt eine erhöhte Belastung des Herz-Kreislauf-Systems bei bedeutenden Spielen. Über die Frage, ob dies für die Fans mit Gesundheitsrisiken einhergeht, streitet die Forschung seit Jahren.
Die Debatte begann mit einer Studie des Universitätsklinikums Utrecht zum Spiel Niederlande gegen Frankreich an der Europameisterschaft 1996. Die Niederlande verloren – im Penaltyschiessen. Die Mediziner verglichen die Sterbedaten der niederländischen Bevölkerung ab 45 Jahren an den Tagen vor, während und nach dem Spiel. Resultat: Das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall am Spieltag war bei Männern um etwa 50 Prozent erhöht.
Regen sich Franzosen beim Fussball vielleicht einfach weniger auf?Dieses Ergebnis konterten französische Wissenschafter der Universität Sorbonne. Sie analysierten die Daten der französischen TV-Zuschauer beim selben Spiel. Resultat: kein signifikanter Effekt auf die herzbedingte Sterblichkeit.
Nun war die Reihe an England. Sportwissenschafter der Universität Birmingham erfassten alle landesweiten Notfallaufnahmen wegen Herzinfarkts während des Spiels England - Argentinien an der WM 1998, in dem England im Penaltyschiessen ausschied. Resultat: 25 Prozent mehr Herzinfarkt-Einweisungen. Die Antwort aus Frankreich kam prompt: Unter den französischen TV-Zuschauern zeigte sich erneut keine erhöhte Sterblichkeit. Und das selbst im legendären Finale, als Frankreich mit Zinedine Zidane 3:0 gegen Brasilien gewann.
Und Deutschland? Das Sommermärchen, die WM 2006, war eine Steilvorlage. Münchner Forscher verglichen alle Notfalleinweisungen während der Spiele der deutschen Nationalmannschaft mit denen eines Vergleichszeitraums. Laut ihren Angaben verdoppelte sich die Zahl der Herz-Kreislauf-Notfälle, besonders betroffen waren Männer mit einschlägigen Vorerkrankungen.
Dann nahmen sich italienische Epidemiologen der Sache an. Unter dem Titel «Es ist nur ein Spiel» analysierten sie die Hospitalisierungen während dreier Turniere mit italienischer Beteiligung: die WM 2002, die EM 2004 und die WM 2006. Sie fanden keinerlei Effekte, nicht einmal beim dramatischen WM-Finale 2006, als Italien das französische Team um Zinedine Zidane abservierte.
Mein Fazit: Ob ein aufregendes Fussballspiel schädlich für das Herz ist, ist noch nicht endgültig geklärt. Vorsichtig sollten vor allem Menschen mit Vorerkrankungen sein. Ich halte es jedenfalls weiter mit den Aussenseitern: viel Fussball, wenig Herzklopfen.
Bereits erschienene Texte unserer Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.
nzz.ch




