Ein Startup will Ausrüstung fürs Militär im Weltall lagern – und bei Bedarf sofort zur Erde liefern. Ein Besuch in der südwestdeutschen Idylle

Der sicherste Depot wäre im Orbit, Hunderte Kilometer über dem Boden. Von dort aus liesse sich Nutzlast binnen einer Stunde an jeden Punkt auf der Erde liefern. Das Raumfahrzeug dafür baut ein Ex-Fallschirmjäger der Bundeswehr.

Um das 5000-Seelen-Städtchen Lichtenau macht sich gähnende Provinz breit. Die deutsch-französische Grenze ist mit dem Auto in wenigen Minuten erreichbar. Zur Hauptstadt Berlin sind es, wenn man Glück hat, sieben Bahnstunden. Der Weltraum hingegen liegt zum Liefern nah – das glauben zumindest die Gründer von Atmos Space Cargo.
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Die Firma entwickelt eine wiederverwendbare Raumkapsel, die an Bord einer Rakete ins All und zurück zur Erde fliegen soll. Damit sollen eines Tages Pakete aus dem erdnahen Orbit in einer Stunde zur Erde gelangen. Ein orbitaler Lieferdienst dieser Art könnte zur Logistik der Zukunft gehören. Manche halten es für möglich, dass sich gewisse hochwertige Waren am besten im Weltraum lagern – vielleicht sogar herstellen lassen könnten. Für Europa wäre das ein grosser Sprung zur selbständigen Nutzung des Weltalls. Um diese Zukunft zu entdecken, genügt ein kleiner Schritt in die Werkhalle von Atmos in Lichtenau.
Vom Afghanistan-Krieg zur RaumfahrtfirmaBeim Betreten der Atmos-Halle fällt ein glänzendes, etwa einen Meter hohes Gefäss ins Auge. Das also ist die Raumkapsel, mit der Sebastian Klaus, ehemaliger Fallschirmjäger und Spezialkräfte-Offizier der Bundeswehr, Elon Musk Konkurrenz machen will.

Klaus ist der CEO von Atmos. Die Ursprünge des Startups gehen auf das Jahr 2021 zurück. Klaus hatte vierzehn Jahre in der Bundeswehr gedient und in Afghanistan während des Kriegs ein Spezialkommando angeführt. Nach der langen Dienstzeit nahm er sich eine Woche Ferien. Dann packte er mit seinen Ersparnissen das nächste Abenteuer an.
Ein Hitzeschild aus KeramikfolieDie Idee hatte Klaus jahrelang umgetrieben. Schon als Student der Luft- und Raumfahrttechnik hatte er sich eingehend mit der sicheren Rückkehr von wiederverwendbaren Raumfahrzeugen zur Erde auseinandergesetzt. Er schrieb sogar seine Masterarbeit darüber.
Jetzt wird die Idee in der Atmos-Werkstatt fassbar. Hier nähen Mitarbeiter der Firma das aufblasbare Kissen, das ihrer Raumkapsel als eine Art Fallschirm und Hitzeschild zugleich dient. Ohne diesen «Rettungsring» würde das Raumfahrzeug von Atmos mit bis zu fünfundzwanzigfacher Schallgeschwindigkeit auf die Erde zurasen und sich durch die Reibung mit der Luft in der Atmosphäre bis zum Verglühen erhitzen. Das leichtgewichtige Kissen, das so dünn ist wie ein Funktionsshirt für Sportler, erreicht im aufgeblasenen Zustand einen Durchmesser von 6 Metern. Seine grosse Oberfläche erzeugt den Luftwiderstand, der die Kapsel ausbremst und vor der Zerstörung bewahrt.
Damit das Kissen seine Bremswirkung entfalten kann, wird es bei der Rückkehr der Kapsel zur Erde mit Stickstoff aufgepumpt. Die Kapsel führt das Gas beim Start ins All in Druckflaschen mit. «Wir beginnen bereits in den obersten Schichten der Atmosphäre zu bremsen, wo die Luft sehr dünn ist. Dadurch senken wir die Höchstgeschwindigkeit der Kapsel, so dass sie sich auf maximal 1000 statt 2000 Grad Celsius erhitzt», sagt Klaus.
1000 Grad Celsius ist immer noch extrem heiss. Viele Metalle würden bei solchen Temperaturen schmelzen. Damit das Bremskissen der Atmos-Kapsel diese Hitze übersteht, ist es aus einer speziellen Keramik gewebt.
Sorgfältige VerarbeitungBei Keramik denkt man vielleicht an starre Werkstoffe, die in Bratpfannen oder Kochherden zum Einsatz kommen. Diese Keramik hier ist anders. Der daraus gewebte, weisse Stoff fühlt sich in den Händen wie Jute an. Er gibt schon beim leichten Ziehen nach, wie ein gewebtes Kleidungsstück.
Christian Grimm ist Mitgründer und Chefingenieur von Atmos. Er führt vor, wie gut die Keramik der Hitze standhält. Grimm zündet sein Feuerzeug an und hält eine Faser aus dem Stoff in die Flamme. Die Faser fängt an zu glühen, reisst aber nicht.
Die Keramik hat trotzdem eine Schwäche: «Was sie nicht verträgt, sind starke Biegungen», erklärt Grimm. Um das zu zeigen, knüpft er die erhitzte Faser zu einem Knoten und zieht wieder fest daran. Diesmal reisst die Faser.
Dass die Keramik bricht, wenn sie stark verbogen wird, war für Atmos anfänglich ein Problem. Denn um Platz in der Kapsel zu sparen, wird das aufblasbare Kissen vor dem Start gefaltet. Die Lösung lag in der sorgfältigen Verarbeitung der Keramik. «Wir schaffen es, die Keramik so zu schneiden und zu vernähen, dass sie auch bei starker Biegung stabil bleibt», sagt der Atmos-CEO Klaus. Zur Verarbeitung gehört auch, das locker gewebte Keramikmaterial mit zwei weiteren dünnen Schichten aus Metall und Kunststoff zu überziehen. Das passiert an einer eigens dafür entwickelten Laminiermaschine. Nach diesem Schritt wird die Folie erst luftdicht und behält eine hohe Hitzebeständigkeit.
Vollgepumpt dank kleinen LufteinlässenAufblasbare Kissen, die Raumfahrzeuge beim Eintritt in die Atmosphäre bremsen und vor Überhitzung schützen, sind nicht neu. Am Konzept hat die Nasa seit langem für die Landung von Raumfähren auf dem Mond und dem Mars gearbeitet. Dass es funktioniert, bewiesen die Amerikaner mit einem Test im Jahr 2022. Atmos geht jetzt einen Schritt weiter. Um sich teuren Ballast zu sparen, nimmt die Kapsel des deutschen Startups nur so wenig Stickstoff wie nötig ins All.
Das schafft aber ein anderes Problem: Das Bremskissen der Kapsel wird in den oberen, dünnen Luftschichten der Atmosphäre aufgeblasen, wo der Aussendruck relativ klein ist. Wenn die Kapsel in die tieferen Schichten der Atmosphäre vordringt, steigt der Druck. Dadurch schrumpft das Kissen zusammen. «Wenn zu wenig Stickstoff da ist, um das Kissen wieder zur vollen Grösse nachzupumpen, wird das Fluggerät aerodynamisch instabil», erklärt der Chefingenieur Grimm.
Das löst Atmos, indem es an der «Nase» des Kissens Rotoren anbringt, die wie kleine Flugzeugtriebwerke aussehen und Aussenluft einsaugen. So bleibt das Kissen beim Fall durch die Atmosphäre jederzeit prall.
Diese Idee ist laut Klaus die wichtigste Erfindung von Atmos. Es war aber nicht von Anfang an selbstverständlich, dass sie funktioniert. Denn wenn die Raumkapsel durch die Atmosphäre rast, bildet sich um sie herum ein heisses Plasma, das praktisch jedes Material zerstören würde. «Es klingt vielleicht etwas verrückt, dieses Plasma in den Hitzeschild einzulassen. Aber wir haben uns die Details angeschaut und gemerkt, dass es doch geht», sagt Klaus.
Erfolgreicher Test trotz gescheiterter BergungDie Atmos-Ingenieure sind zuversichtlich, dass ihre Idee sich in der Praxis bewähren wird. Mit Atmos solle endlich ein europäisches Unternehmen Fracht in den Weltraum und von dort auf die Erde zurückbringen können, sagt Klaus. Gegenwärtig kann nur Elon Musks Firma SpaceX mit ihrer Dragon-Kapsel solche Transporte abwickeln. Die Grundlage dafür legte SpaceX vor mehr als zehn Jahren.
Klaus erinnert sich, wie Musks Firma im Jahr 2013 zum ersten Mal versuchte, die Oberstufe ihrer Rakete Falcon 9 zurückzuholen. Bei Airbus, wo er damals seine Masterarbeit schrieb, wurde «dieses kleine amerikanische Startup» belacht. «Wir haben sie massiv unterschätzt», sagt Klaus. Heute steht Europa immer noch ohne wiederverwendbare Raumfahrzeuge da. «Das muss gelöst werden», sagt Klaus.
Erste Schritte hat Atmos bereits getan. Im April 2025 flog die erste Kapsel der Firma, Phoenix-1, an Bord einer Falcon 9 von SpaceX ins All. Den Jungfernflug hat dieser Prototyp gut überstanden, die Kapsel vollendete einen Umlauf um die Erde und trennte sich dann von der Oberstufe der SpaceX-Rakete ab. Aber wenige Wochen vor dem Flug hatte SpaceX die geplante Flugbahn geändert, und anstatt vor der Insel La Réunion im Indischen Ozean wasserte die Phoenix-1 im Südatlantik, 2000 Kilometer vor der Küste Brasiliens. Die Kapsel konnte deshalb nicht geborgen werden.
Klaus sagt, man habe dennoch genügend Daten gesammelt, um das Design der Kapsel weiter zu verbessern. Bis Ende 2026 will Atmos die nächste Version, Phoenix-2, ins All schicken. Diesmal soll die Kapsel aber mit eigenen kleinen Antrieben für die Rückkehr versehen sein. Dadurch sollen die Atmos-Ingenieure aus dem Kontrollraum der Firma die Flugbahn der Kapsel auf dem Weg zur Erde selber bestimmen können. Phoenix-2 soll vor der Insel Santa Maria in den Azoren wassern. Die Lizenz dafür hat die portugiesische Regierung bereits erteilt.
Die Phoenix-2 soll ungefähr 100 Kilogramm Nutzlast ins All befördern. Zu den Kunden könnten Biotech-Firmen wie das Startup Yuri gehören, das Organoide für die Medikamentenforschung züchtet. Diese Miniaturmodelle menschlicher Organe wachsen in der Schwerelosigkeit des Weltraums ungehindert zur gewünschten dreidimensionalen Form. Forscher hoffen, an ihnen neue Wirkstoffe zu testen und dadurch Tierversuche einzusparen. Aber Klaus gibt zu, dass die Lagerung und Lieferung aus dem All für die meisten potenziellen Kunden noch zu teuer ist.

Deshalb setzt Atmos zunächst auf das Geschäft mit dem Militär, wo höhere Preise eher vertretbar wären. «Wir arbeiten bereits mit der Bundeswehr zusammen und führen erste Gespräche mit den Militärs anderer Länder», sagt Klaus. Für Armeen könnte die sicherere Lagerung von Ausrüstung und Hilfsmaterial im Weltraum und deren Sofortlieferung zu einem beliebigen Ort auf der Erde viel Geld wert sein. Um jeden Punkt der Erde in einer Stunde beliefern zu können, würden laut Klaus zehn bis zwanzig Kapseln in einer niedrigen Umlaufbahn genügen.
Allerdings sind die 100 Kilogramm Nutzlast der aktuellen Atmos-Kapsel zu wenig für militärische Lieferungen. «Bis 2029 werden wir grössere Kapseln bauen und die Nutzlast auf eine Tonne erhöhen», versichert Klaus. Er hofft vor allem auf staatliche Unterstützung und Investoren aus Europa.
«Ich bin durch und durch Europäer, ich habe mir sogar die Sterne der EU-Flagge auf den Arm tätowiert.» Klaus sagt das ruhig und ernst. Er habe auch einmal überlegt, einen Atmos-Standort in Amerika zu eröffnen und dort das grosse Geld von Risikokapitalgebern anzuziehen. «Aber nachdem sich der amerikanische Vizepräsident Vance im Februar an der Münchner Sicherheitskonferenz so herablassend über Europa ausgelassen hatte, haben wir uns dagegen entschieden.» Das klingt tatsächlich nach einem Mann, der alles auf die Karte Europa setzt.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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