Wettlauf gegen ein seltenes Ebola-Virus: In Kongo-Kinshasa stehen Medikamente und vielleicht eine Impfung vor der Erprobung

Der Ebola-Ausbruch in Kongo-Kinshasa weitet sich aus. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Das Virus ist erst kürzlich auf den Menschen übergegangen, und Studien zur Behandlung könnten rasch beginnen.

Der neue Ebola-Ausbruch in Kongo-Kinshasa und angrenzenden Ländern breitet sich aus. Am 15. Mai waren «nur» 246 Fälle und 48 Tote bekannt. Wenige Tage später meldeten die betroffenen Länder bereits mehr als 860 mutmassliche oder bestätigte Infizierte und über 204 Tote. (Stand 24. Mai). «Ich glaube nicht, dass der Ausbruch in zwei Monaten beendet sein wird», sagte die Tropenmedizinerin Anne Ancia, die Vertreterin der WHO für Kongo-Kinshasa, diese Woche in Genf.
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Doch für bereits Erkrankte gibt es einen Hoffnungsschimmer. In den nächsten Tagen sollen klinische Studien unter Leitung von Forschern der University of Oxford starten. Finanziert werden sie vor allem von der WHO. «Wir können schnell loslegen, wir warten nur auf das Okay der Regierungen von Kongo-Kinshasa und Uganda», sagte Amanda Rojek, eine der beteiligten Wissenschafterinnen aus Oxford, gegenüber der Fachzeitschrift «Nature».
Die erste Studie wird das bereits zugelassene Medikament Remdesivir testen. Das stoppt die Vermehrung der Viren. Die Substanz wurde 2018 gegen einen anderen Typ von Ebola-Virus eingesetzt. Damals hatte sie sich allerdings nur als mässig wirksam erwiesen. Doch das Team um den Virologen Thomas Geisbert von der University of Texas hat festgestellt, dass Remdesivir in der Zellkultur die Bundibugyo-Viren hemmt.
Das zweite nun eingesetzte Präparat heisst MBP 134. Dahinter verbergen sich zwei Antikörper, die an das Virus andocken und es so unschädlich machen. In Tierstudien hat es zum Beispiel mit Bundibugyo-Viren infizierte Affen geheilt. Allerdings wurden nur wenige Tiere behandelt.
MBP 134 ist noch nicht offiziell zugelassen, wurde aber zuvor in Notfallsituationen angewendet. Die Herstellerfirma Mapp Biopharmaceutical aus Kalifornien gab bekannt, dass sie über ausreichend viele Dosen für eine klinische Studie verfüge.
Es mag zynisch klingen, aber die bald startenden Studien werden auch davon profitieren, dass es nun Hunderte oder demnächst vielleicht sogar Tausende von Infizierten gibt. Denn je mehr Probanden an einer Studie teilnehmen, desto aussagekräftiger sind die erhaltenen Daten.
Eine Vakzine ist dringend nötigDie Eindämmung des Ebola-Ausbruchs ist deshalb so schwierig, weil es keine gegen die Bundibugyo-Variante wirksame Impfung gibt. Damit stehen den Ärzten und Pflegern vor Ort momentan nur die klassischen Massnahmen zur Verfügung: Infizierte isolieren, ihre Kontaktpersonen aufspüren und ebenfalls isolieren, die Bevölkerung aufklären und sie davon abhalten, Kranke oder Tote zu berühren.
Aber: Genau das ist angesichts Tausender potenzieller Kontaktpersonen in einer von kriegerischen Konflikten gebeutelten Region und bei einem eklatanten Mangel an fachkundigem Personal eine nicht auf die Schnelle bewältigbare Aufgabe.
Bei den letzten Ebola-Ausbrüchen in Zentralafrika half vor allem eine schnelle Impfkampagne bei der Eindämmung. Doch die zugelassenen Vakzinen gegen Ebolaviren verhindern nur eine Infektion mit der Zaire-Variante, nicht aber mit dem momentan in Zentralafrika grassierenden Bundibugyo-Typ.
César Muñoz-Fontela vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg warnt davor, einen Ebola-Impfstoff, dessen Wirksamkeit unklar ist, nun einzusetzen. Sollte sich nämlich die Vakzine als wenig effektiv erweisen, könnte das in der Region mühsam aufgebaute Vertrauen in den Impfstoff zunichtegemacht werden.
Das Team um den Virologen Thomas Geisbert hat bereits vor zwei Jahren den gegen die Zaire-Variante erfolgreichen Impfstoff an die Bundibugyo-Variante angepasst. Das funktioniert ähnlich wie bei den Corona-Vakzinen. Auch dort wird der Ursprungsimpfstoff immer wieder an die jeweils zirkulierende Virusvariante adaptiert.
Bei Affen verhinderte der umgestaltete Ebola-Impfstoff eine Bundibugyo-Infektion. Noch wurde diese Vakzine jedoch nicht am Menschen getestet. Derzeit beraten die WHO und die Africa CDC zusammen mit internationalen Experten, ob dies nun in Kongo-Kinshasa machbar ist. Allerdings ist offen, wie schnell ausreichend viele Dosen für eine kleine klinische Studie hergestellt werden könnten.

Immerhin eine kleine gute Nachricht lieferten die ersten genetischen Analysen von Bundibugyo-Viren, die aus Patienten isoliert wurden. Die nun zirkulierenden Viren sind erst kürzlich von einem Tier auf einen Menschen übergesprungen. Sollte sich das durch weitere Untersuchungen bestätigen, dann wäre die Ursache des Ausbruchs eine einmalige Zoonose. Wenn dieselben Viren mehrfach unkontrolliert von Tieren auf Menschen übertragen würden, würde dies die Eindämmung nochmals erschweren.
Angst vor Einschleppung nach Europa ist unbegründetSollte der Ausbruch, wie von Experten erwartet, immer grösser werden, schürt das die Angst, dass die Viren auch nach Europa eingeschleppt werden. Doch die Erfahrungen mit früheren Ebola-Ausbrüchen, darunter auch jenem von 2014 in Westafrika mit mehr als 28 000 Fällen und über 11 000 Toten, haben gezeigt: Das passiert sehr selten.
Denn die Ebola-Viren grassieren in einer abgelegenen Region. Bis jemand von dort einen internationalen Flughafen erreicht, dauert es einige Tage. In der Regel ist die Krankheit dann bereits sicht- und spürbar ausgebrochen. Mit hohem Fieber, Blutungen und starkem Durchfall reist niemand mehr.
Da Ebolaviren nicht via Luft, sondern nur durch direkten Kontakt mit virenhaltigen Körperflüssigkeiten übertragen werden, gelten sie auch nicht als Pandemieviren. Zudem sind Infizierte erst ansteckend, wenn sie Symptome aufweisen. Dann sind sie nicht mehr reisefähig.
Infizierter wird in Deutschland behandeltAllerdings können Ebola-Infizierte absichtlich nach Europa gebracht werden. So hat das Berliner Charité-Klinikum diese Woche einen infizierten amerikanischen Arzt auf der Isolierstation aufgenommen. Auch seine Familie wird in Deutschland in Isolation überwacht. Amerika hat kürzlich einen Einreisestopp für Personen aus dem afrikanischen Ausbruchsgebiet verhängt. Allerdings sollten amerikanische Bürger davon ausgenommen werden.

Theo N. & Luca W. / Imago
Sowohl der Transport als auch die Betreuung und Überwachung eines Ebola-Infizierten erfolgen unter strengsten Schutzmassnahmen. Der Patient liegt abgeschirmt in einer Art Extrakammer im Flugzeug sowie anschliessend eingepackt in einem Rettungswagen. Nur speziell geschultes Pflegepersonal in Vollschutzanzügen darf zu dem Patienten. Getragene Schutzausrüstung wird sofort entsorgt. Alle Räume, in denen ein Ebola-Infizierter während des Transports lag, werden desinfiziert. Beachten alle Beteiligten die Regeln, können die Viren unterwegs nicht entwischen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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