Diese Tausendfüsser haben einen dicken Panzer und Dampf im Hintern

Pinselfüsser nutzen eine grauenvolle Waffe, um sich gegen Feinde zu verteidigen. Und – man muss es so benennen – sie trinken Wasser über ihren After. Die Kolumne «Wild und wundersam».
Atlant Bieri

Pinselfüsser sind nur vier Millimeter lang und zählen – obwohl sie lediglich zwölf Beinpaare besitzen – zu den Tausendfüssern. Ihr ganzer Körper ist mit federartigen Borsten bedeckt, was ihnen ihren deutschen Namen beschert hat.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Die Borsten bilden einen Schutzschild gegen Fressfeinde wie Spinnen oder Ameisen. Sobald ein Angreifer einen Pinselfüsser berührt, verhaken sich die Borsten irreversibel in den feinen Sinneshaaren oder Gliedmassen des Angreifers, als wäre er in einen Kaktus gestolpert. Die Beine oder Kiefer werden mitunter regelrecht zusammengeschweisst, was ihn dauerhaft bewegungsunfähig macht.
Ihre grauenvolle Waffe verwenden Pinselfüsser nur zur Verteidigung. Im Grunde sind sie friedliche Winzlinge, die auf der Steinmauer neben der Garageneinfahrt oder auf Baumstämmen Algen und Flechten abgrasen.
In dieser Kolumne schreibt der Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern Atlant Bieri regelmässig über die Wunder der Natur.
In ihrem senkrechten Ökosystem ist allerdings eine Sache Mangelware: Wasser. Wenn die Sonne auf Stein und Rinde brennt, wird die einstige feucht-glitschige Algenweide zur Trockenwüste. Kein Tier hält es hier auf Dauer aus. Nur dank zwei Tricks fühlen sich die Pinselfüsser trotzdem pudelwohl.
Der erste heisst «Wasser sparen». Pinselfüsser haben sich im Laufe ihrer Evolution einen wasserdichten Panzer zugelegt. Dieser verhindert, dass sie Körperflüssigkeit via Schwitzen verlieren.
Der zweite Trick ist so wundersam, dass er sich nicht mit einem pfiffigen Schlagwort ausdrücken lässt. Er funktioniert so: Pinselfüsser können Wasserdampf aus der Luft filtern. Die Rede ist also nicht von Tau- oder Nebeltröpfchen, sondern tatsächlich vom unsichtbaren Wasserdampf. Dazu besitzen sie ein Organ, das «Krypto-Nephridien-System». Der Begriff wird in der Wissenschaft so selten verwendet, dass sogar die Google-Suche eher ein digitales Zahlungsmittel dahinter vermutet.
So seltsam wie das Wort, so sind auch der Aufbau und die Lage dieses Organs. Es besteht aus zwei mit Salzlake gefüllten Röhren, die sich im Körperinnern an den Enddarm anschmiegen. Die Wand der Röhren ist für Wassermoleküle durchlässig. Damit kommt das Gebilde einem chemischen Schwamm für Wasserdampf gleich.
Der Wasserdampf dringt also von aussen durch den After in den Enddarm ein. Die Wassermoleküle werden von den Röhren aufgenommen und weiter in das Körperinnere geleitet. Man kann also sagen, dass die Pinselfüsser über ihren After Wasser trinken.
Mit derselben Methode trocknen sie übrigens auch ihren Kot. Denn dieser enthält viel wertvolle Feuchtigkeit, die nicht verschwendet wird. Während der Kot im Enddarm weilt, kommt er in Kontakt mit den Röhren, die ihm prompt sämtliches Wasser entziehen.
Diese Methode der Wasseraufnahme ist sehr effizient. Forscher haben das mithilfe eines Windkanals überprüft. Sie setzten dehydrierte Pinselfüsser in einen Luftstrom von 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Pinselfüsser legten in wenigen Stunden 20 Prozent ihres Gewichtes zu.
Atlant Bieri ist Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern. Die meiste Zeit lebt er in Pfäffikon (ZH).
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
nzz.ch



