Einer für die Toten

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Ob es wirklich eine Tradition auf Schiffen ist, ein alter Aberglaube, um die Klabautergeister und Sturmgottheiten zu besänftigen, weiß ich nicht. Es könnte auch ein ziemlich guter Verkaufstrick des smarten Barkeepers auf jener Fähre gewesen sein, die ich früher ab und zu über den Nordatlantik nach Island nahm. Ich stand da eines Abends bei gefühlt Windstärke tausend und acht Meter hohen Wellen gefährlich schwankend am Tresen und bestellte für meine kleine, dreiköpfige Reisegruppe drei Gin Tonic, weil wir unseren Gleichgewichtssinn ein bisschen außer Gefecht setzen mussten. Der Barkeeper, vollkommen unbeeindruckt vom draußen tobenden Wetter, sah mich an.
»And one for the ghosts?«
Ich zog eine Augenbraue hoch. Er erzählte mir, es sei ganz simpel, ich solle nur einen vierten Drink bestellen, den mit an unseren Tisch nehmen, aber nicht anrühren, denn der sei für unsere durchsichtigen Mitreisenden, eine Art Opfer, und dann würde schon alles gut gehen heute Nacht. Natürlich schluckte ich die Geschichte und bestellte einen zusätzlichen Gin Tonic, ich mag solche Ideen zu gern und bin generell so abergläubisch wie nur möglich. Meine Reisegruppe tippte sich geschlossen an die Stirn, als ich mit den vier Drinks zurückkam, nahm es aber gelassen hin, wir sind schließlich befreundet, und sie kennen mich lange genug, um zu wissen, dass meine Welt nie sachlich ist, bei mir wohnt in allem ein Geist. Sowohl wir als auch das Schiff haben alles gut überstanden und sind wohlbehalten im Hafen eines isländischen Fjords gelandet. Ich will bis heute daran glauben, dass es der vierte Drink war, der uns gerettet hat.
Am Abend meines 54. Geburtstags, der im März dieses Jahres über mich hereinbrach, hatte ich meine Freundinnen auf einen großen Strauß Crémant in eine Bar eingeladen. Es war spät geworden, alle bis auf eine hatten sich irgendwann verabschiedet, und so saßen J. und ich noch eine Weile zusammen, mit der letzten, halb leeren Flasche Crémant auf dem Tisch und zwischen unzähligen, wild herumstehenden Sektschalen. Ich goss uns beiden ein, füllte aber auch noch ein drittes Glas und zog es zu uns heran.
»One for the ghosts«, sagte ich. »Mögen sie uns gewogen bleiben.«
»Auf dass wir uns immer an sie erinnern«, sagte J.
»Eh klar«, sagte ich, »wir vergessen niemanden.«
Wir sprachen über unsere gemeinsame Zeit der vergangenen 17 Jahre, über unsere fast erwachsenen Kinder, über die Generation nach uns und über die davor. Über jene, die da sind, und jene, die wir verloren haben. Ich zählte in meinem Telefon die Nummern meiner Gespenster. Verwandte, Freundinnen und Freunde. Ich lösche diese Nummern nicht. Manchen schreibe ich sogar noch, ins Universum, in ihre ewigen Jagdgründe, in meine Seele rein. Es sind viele, innerhalb eines Lebens kommt ganz schön was zusammen an Geistern. Sie waren alle großzügig und liebevoll zu mir, ich vermisse sie und bin dankbar, dass es sie gab. Es war einer dieser schimmernden Abende mit einer engen Freundin, die für immer bleiben.
Zwei Wochen später entschied meine geliebte Tante Anne, dass sie keinen Bock mehr hat auf die Quälerei an der Dialyse. Wir durften ihr noch eine Weile beim Ausatmen zusehen und ihre Hand halten, dann starb sie, kurz vor ihrem 89. Geburtstag. Wenn Tanten und Mütter gehen, hinterlassen sie gewaltige Lücken, es ist, als würde der bis dahin einigermaßen intakte Himmel über uns endgültig reißen. Ich lief sofort wieder in die Bar, in der ich mit J. gesessen hatte, bestellte ein Glas Crémant für mich und einen Kentucky Bourbon für meine Tante und stieß mit ihr an.

Simone Buchholz schreibt hier im Wechsel mit Lara Fritzsche, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
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