Regisseurin Annemarie Jacir | Film »Palästina 36«: Eine Hommage an einen wütenden Aufstand
Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Annemarie Jacir gilt als bedeutende Stimme des modernen palästinensischen Kinos. Mit dem Roadmovie »Das Salz des Meeres« über die Rückkehr einer 28-jährigen Frau nach Palästina präsentierte Jacir 2008 den ersten Spielfilm aus Palästina. Jacir, auch Mitbegründerin von Philistine Films, gilt als Vertreterin der »Arab New Wave« und Aktivistin der Free-Palestine-Bewegung. Jacirs Drama »When I Saw You«, das in den 60ern in einem jordanischen Flüchtlingscamp spielte, war 2013 die palästinensische Einreichung für den Auslands-Oscar. Ihr jüngstes Werk »Palästina 36« schaffte es bis in die Shortlist der 98. Oscarverleihung in der Kategorie »Bester ausländischer Spielfilm«. Der Film ist, geschichtlich betrachtet, kritisch zu bewerten.
Annemarie Jacirs Historienepos, gedreht in Palästina und Jordanien, erzählt von dem Beginn der arabischen Aufstände im Jahr 1936. Jacir bezieht sich inhaltlich auf einen Vorfall in dem Dorf Al-Bassa, der 25 Kilometer von Jacirs derzeitigem Zuhause stattgefunden hat. Das Dorf wurde am 6. September 1938 durch einen gewaltsamen Angriff durch britische Streitkräfte nahezu ausgelöscht. In »Palästina 36« heißt der fiktive Ort Al-Basma. Jacir grub tief in den Archiven, sammelte Bilder, Fotos, Filmrollen, um das nie Erlebte verstehen zu können.
Die Filmhelden sind namenlos, der Film nimmt ausschließlich eine arabische Freiheitskämpfer- und Opfersicht ein. Aus dramaturgischen Gründen entschied sich die Regisseurin, Mohammed Amin al-Husseini, den Großmufti von Jerusalem, nicht zu erwähnen, der den arabischen Aufstand gegen jüdische Einwanderer und Briten in Palästina maßgeblich anführte und mit dem NS-Regime zusammenarbeitete. Auch fehlen jüdische Schlüsselfiguren wie David Ben-Gurion, der an der Einwanderung beteiligt war, oder etwa Chaim Weizmann, Präsident der Zionistischen Weltorganisation.
In der Balfour-Deklaration hatten die Briten 1917 den Juden um Chaim Weizmann die Unterstützung für die Errichtung einer »nationalen Heimstätte« für das jüdische Volk in Palästina versprochen, den Arabern wiederum im »Faisal-Weizmann-Abkommen« (1919) einen unabhängigen arabischen Staat. Diesen Konflikt wird das Kinopublikum durch »Palästina 36« nicht verstehen.
Der Film konzentriert sich zu sehr auf die äußeren Umstände und berührt durch die Vielzahl der Akteure nicht.
»Palästina 36« ist ein Erlebnis, nicht zuletzt durch die bildgewaltige Umsetzung von Hélène Louvart (»Rosebush Pruning«, »Roméria«, »Der Salzpfad«), die auch Actionszenen, unter anderem zu Pferd, eine Brandrodung und die Zwangsräumung eines Dorfes durch das Militär gut in Szene zu setzen weiß. Aber der Film konzentriert sich zu sehr auf die äußeren Umstände und berührt durch die Vielzahl der Akteure nicht.
Eine der Figuren ist Yusuf Al Bassawi (Karim Daoud Anaya), der als Fahrer für den wohlhabenden palästinensischen Journalisten Amir Atef (Dhafer L’Abidine) arbeitet. Seine Frau Khuloud (Yasmine Al Massri) schreibt unter männlichem Pseudonym starke Meinungstexte und kommentiert das Geschehen. Zunächst beobachtet Yusuf das politische Treiben. Während immer mehr arabische Hafenarbeiter durch das britische Mandat gegen jüdische Arbeiter ersetzt werden und das Land an jüdische Einwohner unter der Federführung des ranghöchsten britischen Diplomaten (Jeremy Irons) verteilt wird, formiert sich arabischer Widerstand.
Annemarie Jacir beschreibt ihren Film selbst als »Hommage an einen wütenden Aufstand gegen eine unüberwindbare militärische Übermacht: eine dramatische Darstellung seines Scheiterns und seiner Widerstandsfähigkeit, von Kolonialismus und Imperialismus, eigenem Verrat und Affären«. Man könnte ihren Film und die gewollten Subtraktionen auch als Gegenreaktion bezeichnen – für ein Volk, das bisher wenig Beachtung gefunden hat. Da gibt es viel Diskussionsbedarf.
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