Applaus oder Boykott: wie Israel zum globalen Streitfall der Kulturwelt wurde

Anlässe wie der Eurovision Song Contest oder die Biennale in Venedig sind seit Beginn des Gaza-Kriegs zu moralischen Kampfplätzen mutiert. Es stellt sich die Frage, welche Funktion Kunst in liberalen Demokratien noch spielen darf.
Richard C. Schneider

Elisabeth Mandl / Reuters
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Bis vor kurzem galt der Eurovision Song Contest als jene bunte europäische Parallelwelt, in der Glitzerkostüme, Windmaschinen und eingängige Balladen eine friedliche Koexistenz eingingen. Politische Krisen waren dort zwar auch immer wieder präsent, doch verständigte sich der Kontinent kollektiv zumeist darauf, die Veranstaltung nicht allzu ernst zu nehmen.
Heute wirkt diese Zeit wie ein fernes kulturhistorisches Idyll. Denn spätestens seit dem Gaza-Krieg und der weltweiten Polarisierung um Israel hat sich der internationale Kulturbetrieb in eine moralische Kampfzone verwandelt, in der selbst Pop-Musik und Kunstausstellungen zu ideologischen Frontabschnitten werden. Ob beim Eurovision Song Contest oder an der Biennale in Venedig: Israels Teilnahme wird inzwischen kaum noch als kultureller Beitrag wahrgenommen, sondern als politische Provokation oder moralischer Testfall. Dabei richtet sich der Boykottaufruf längst nicht mehr nur gegen Staaten.
Keine harmlose Unterhaltung mehrBesonders sichtbar wurde diese Entwicklung beim eigentlich eher banalen Eurovision Song Contest. Denn selbst bei dieser Schlagerparade hat die Politisierung inzwischen eine nicht für möglich gehaltene Vehemenz erhalten. Heute müssen Polizeieinheiten und Geheimdienstagenten israelische Sängerinnen und Sänger durch Sicherheitszonen eskortieren, Demonstranten blockieren Strassen, Künstler unterschreiben Boykottaufrufe. Der Wettbewerb ist damit unfreiwillig zu einem Spiegel westlicher Polarisierung geworden.
Sobald Israel auftritt, endet der Bereich harmloser Unterhaltung. Jede Liedzeile, jede Fahne, jeder Applaus wird politisch gelesen. Selbst die Frage, ob man eine Sängerin aus Tel Aviv letztes Jahr ausbuhen dürfe, die eine Überlebende des Hamas-Massakers vom 7. Oktober war, entwickelte sich binnen Stunden zur globalen Debatte über Moral, Krieg und Doppelmoral.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Intensität der Auseinandersetzung, sondern die völlige Auflösung früherer Trennlinien zwischen Kunst und Politik. Lange galt in liberalen Demokratien die Vorstellung, Kultur müsse gerade deshalb frei bleiben, weil sie nicht permanent moralisch oder staatlich funktionalisiert werden dürfe. Kunst sollte Räume öffnen, Ambivalenzen zulassen und Menschen nicht zuerst als Vertreter nationaler Kollektive behandeln. Doch genau dieses liberale Ideal gerät derzeit unter massiven Druck. Für viele Aktivisten ist kulturelle Neutralität längst keine Tugend mehr, sondern ein Zeichen moralischer Feigheit. Wer heute auftritt, ausstellt oder eingeladen wird, repräsentiert automatisch politische Machtverhältnisse – ob gewollt oder nicht.
Kunst gegen MoralIm Fall Israels verschärft sich diese Dynamik zusätzlich durch die globale Aufladung des Nahostkonflikts. Kritiker israelischer Kulturbeiträge argumentieren, internationale Bühnen verliehen dem Staat eine Form symbolischer Normalität, während gleichzeitig Krieg geführt werde und in Gaza ein «Genozid» geschehe. Kunst erscheine dadurch nicht mehr als unabhängiger Ausdruck individueller Kreativität, sondern als Teil nationaler Imagepolitik. Genau deshalb entzündeten sich nun auch an der Biennale in Venedig heftige Proteste am israelischen Pavillon. Aktivisten forderten dessen Schliessung oder Suspendierung mit dem Argument, kulturelle Sichtbarkeit dürfe nicht von politischen Realitäten getrennt werden. Die Anwesenheit Israels sei keine neutrale Frage ästhetischer Vielfalt mehr, sondern eine moralische Entscheidung.
Demgegenüber warnen andere Stimmen vor einem gefährlichen Prinzip kollektiver Zuschreibung. Denn wer israelische Künstler allein aufgrund ihrer Herkunft ausschliessen will, bewegt sich zwangsläufig auf heiklem Terrain. Viele israelische Künstler gehören selbst zu den schärfsten Kritikern ihrer Regierung. Einige engagieren sich aktiv gegen Kriegspolitik oder Nationalismus. Dennoch geraten sie zunehmend unter Generalverdacht, blosse Repräsentanten staatlicher Macht zu sein. Genau darin liegt eines der grossen Paradoxe der gegenwärtigen Kulturkämpfe: Während westliche Institutionen jahrzehntelang individuelle Identität, Diversität und subjektive Perspektiven betonten, erleben wir nun eine Rückkehr kollektiver Zuschreibungen. Der Pass wird wichtiger als das Werk. Herkunft zählt stärker als künstlerischer Inhalt.
Bei anderen drückt man ein Auge zuDabei offenbart sich eine bemerkenswerte Selektivität des internationalen Kulturbetriebs. Denn die Frage, welche Staaten kulturell boykottiert werden sollen, wird seit Jahren keineswegs konsistent beantwortet. Russische Künstler wurden nach dem Angriff auf die Ukraine vielerorts ausgeladen oder aufgefordert, sich öffentlich vom Kreml zu distanzieren. Gleichzeitig bleiben Vertreter anderer autoritärer Staaten kulturell präsent. Musiker aus China treten weiterhin bei internationalen Festivals auf, obwohl Peking wegen der Unterdrückung der Uiguren massiv kritisiert wird. Künstler aus Saudiarabien werden an Biennalen und anderswo eingeladen, obwohl deren Staat ebenfalls Menschenrechtsverletzungen begeht. Auch iranische Beiträge werden häufig differenziert behandelt, obwohl das Regime brutal gegen Oppositionelle vorgeht. Die moralische Empörung folgt damit nicht immer universellen Prinzipien, sondern stark medialisierten Konflikten und politischen Stimmungslagen.
Gerade Israel wird dabei zu einer Projektionsfläche westlicher Selbstdebatten. Der Streit über israelische Beiträge handelt längst nicht mehr nur von Israel selbst. Er ist Ausdruck tiefer Verwerfungen innerhalb westlicher Gesellschaften: zwischen universalistischem Liberalismus und identitätspolitischem Aktivismus, zwischen Kunstfreiheit und moralischer Verantwortung, zwischen individueller Autonomie und kollektivem Schulddenken. Der Kulturbetrieb wird dadurch zunehmend zu einem Tribunal symbolischer Reinheit. Künstler sollen nicht mehr nur gute Kunst produzieren, sondern zugleich die «richtige» moralische Position verkörpern. Schweigen gilt bereits als Verdachtsmoment. Ambivalenz wird als Opportunismus interpretiert.
Sänger werden zu geostrategischen AkteurenBesonders sichtbar wird diese Entwicklung in sozialen Netzwerken, wo kulturelle Ereignisse heute in Echtzeit politisch gerahmt werden. Ein Song-Contest dauert wenige Stunden, die moralische Empörung beginnt Wochen vorher. Hashtags ersetzen Debatten, Kulturveranstalter befinden sich in einer nahezu unlösbaren Lage. Laden sie israelische Künstler ein, riskieren sie Proteste und Aktivismus. Schliessen sie sie aus, stehen Vorwürfe der Diskriminierung und politischen Zensur im Raum. Neutralität existiert praktisch nicht mehr. Selbst sie wird inzwischen als politische Position interpretiert.
Im Fall Israels führt diese Entwicklung zu einer fast totalen Überpolitisierung jeder kulturellen Präsenz. Eine israelische Sängerin, ein israelischer Sänger repräsentieren plötzlich Geostrategie. Ein Pavillon wird zum moralischen Schlachtfeld. Ein Filmfestival verwandelt sich in eine aussenpolitische Debatte. Dadurch geht paradoxerweise genau jene Differenzierungsfähigkeit verloren, die Kunst eigentlich ermöglichen könnte. Denn Kultur ist nicht identisch mit Regierungspolitik. Künstlerische Räume können auch Orte des Widerspruchs, der Selbstkritik und der inneren Vielfalt sein. Wer nationale Herkunft automatisch mit politischer Komplizenschaft gleichsetzt, reduziert Kunst auf Flaggenkunde.
Zerrieben zwischen Idealismus und FreiheitsidealDie eigentliche Gefahr liegt dabei darin, dass kulturelle Räume ihre Offenheit verlieren und zu ideologischen Echokammern werden. Wenn nur noch auftreten darf, wer die jeweils dominierende Moral erfüllt, entsteht kein pluralistischer Diskurs mehr, sondern kulturelle Konformität. Kunstfreiheit bedeutet aber auch, Menschen sprechen zu lassen, deren Herkunft oder Positionen umstritten sind.
Israel steht deshalb heute im Zentrum eines Konflikts, der weit über den Nahen Osten hinausweist. Der Streit um Eurovision und Biennale ist letztlich ein Streit über die Zukunft westlicher Öffentlichkeit selbst. Dürfen kulturelle Institutionen Orte bleiben, an denen gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden? Werden Künstler als Individuen betrachtet oder als Repräsentanten kollektiver Schuld- und Machtstrukturen? Und wer entscheidet eigentlich, welche Staaten boykottiert werden und welche nicht?
Vielleicht zeigt sich gerade an Israel die ganze Auszehrung eines Kulturbetriebs, der zwischen Aktivismus und Freiheitsideal zerrieben wird. Denn je stärker Kunst zum moralischen Instrument wird, desto schwieriger wird es, ihre Eigenständigkeit zu verteidigen. Der Applaus gilt dann nicht mehr der ästhetischen Leistung, sondern der korrekten Haltung. Und der Boykott trifft irgendwann nicht nur Regierungen, sondern letztlich auch die Idee, dass Kunst überhaupt noch ein Raum sein könnte, in dem Menschen einander begegnen, ohne zuerst politische Feindbilder zu verwalten.
nzz.ch


