Arte | Serie »Etty«: Nazis in Amsterdam
Die Tagebücher von Anne Frank als einzigartiges Zeugnis der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sind weltweit vor allem auch von jungen Menschen rezipiert worden. Weit weniger bekannt sind die Tagebücher der 1914 geborenen und 1943 in Auschwitz ermordeten Etty Hillesum. Der literarische Nachlass der jüdischen Literaturstudentin aus Amsterdam, die von einer Karriere als Schriftstellerin träumte, wurde 1980 erstmals in den Niederlanden veröffentlicht.
Die Tagebücher sind außergewöhnlich. In eindringlicher und dichter Prosa erzählen sie detailliert von den alltäglichen Erlebnissen und Traumata der jüdischen Bevölkerung während der deutschen Besatzung in Holland. Etty Hillesum arbeitete auch für den sogenannten Judenrat, ging schließlich freiwillig ins Deportationslager Westerbork, um dort anderen Menschen helfen zu können, bis sie wie alle Mitglieder ihrer Familie 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.
Ihre Tagebücher sind mittlerweile in mehr als 20 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft worden. Fast 1000 Seiten umfasst ihr literarisches Erbe, ein »Jahrhundertbuch« (Deutschlandfunk), das 2023 vom Beck-Verlag in vollem Umfang auch in deutscher Übersetzung herausgebracht wurde.
Nun erzählt eine unter anderem von Arte und SWR produzierte Fernsehserie ihre Geschichte, die auf den Tagebüchern von Etty Hillesum basiert und ausgiebig daraus zitiert.
Das Besondere an dem Sechsteiler ist, dass die Geschichte in der Gegenwart spielt: Im heutigen Amsterdam laufen überall in lange schwarze Mäntel gekleidete deutsche Soldaten mit SS-Abzeichen am Revers herum. Der israelische Regisseur Hagai Levi hat das ganz bewusst so inszeniert, um die aktuelle Bedrohung durch »präfaschistische Strömungen« sichtbar zu machen, wie er in einem Interview gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärte. Das ist im ersten Moment befremdlich, wirkt aber nicht gekünstelt und holt die Geschichte aus ihrer Historisierung.
Das Besondere an dem Sechsteiler ist, dass die Geschichte in der Gegenwart spielt.
Die Studentin Etty (Julia Windischbauer) ist eine junge literaturbegeisterte Person, die viel mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt. Von der Vorlesung geht es jeden Tag nach Hause an den Schreibtisch. Sie hat ein Verhältnis mit ihrem deutlich älteren Vermieter Han Wegerif (Leopold Witte), lässt sich aber bald auf ihren Therapeuten Julius Spier (Sebastian Koch) ein. Als Therapie, bei der auch das seltsam esoterisch anmutende Lesen von Handflächenlinien eine Rolle spielt, soll sie ihr Tagebuch schreiben, das zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte wird.
»Etty« inszeniert auf verstörende Weise, wie die Bedrohung durch ein rigides, autoritäres Regime langsam in den Alltag einsickert, stärker wird und dann immer heftiger das Leben der Menschen verändert. Erst muss Ettys marxistischer Hochschullehrer die Uni verlassen und begeht Selbstmord. Dann wird auch sie von der Uni geworfen. Bald hängen überall Schilder mit der Aufschrift »Für Juden verboten«. Sie muss ihr Fahrrad abgeben, darf nicht mehr Trambahn fahren und auch die meisten Geschäfte nicht mehr betreten.
Soll sie jetzt fliehen? So wie ihre beste Freundin? Gleichzeitig erfährt Etty durch ihre Therapie und die Beziehung zu Julius Spier so etwas wie eine Befreiung, schöpft Selbstvertrauen und fühlt sich stark. Bis auch diese Gewissheit unter dem zunehmenden Druck immer mehr schwindet – Spier wird schließlich krank und stirbt an Lungenkrebs.
Die elf Tagebücher von Etty Hillesum hat der Schriftsteller Klaas Smelik (Gijs Naber) aufbewahrt, sein Sohn hat sie schließlich herausgegeben, als sich fast 40 Jahre nach Ettys Tod ein Verleger fand. Über die Treffen mit Klaas Smelik steht nichts in den Tagebüchern. In der Serie moderiert Smelik eine Radiosendung, in der Etty ihre Texte vorliest.
Die Gespräche der beiden drehen sich um die Frage, welche moralischen Ansprüche Menschen in einer derartigen Ausnahmesituation an sich selbst stellen können und müssen. Sich verstecken, kämpfen, fliehen? Was ist die richtige Strategie? Diese absolut sehenswerte Serie besticht auch durch die außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen, vor allem von Julia Windischbauer.
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