Eine Topmanagerin muss im Umerziehungs-Retreat das Fühlen lernen – ein Roman im Zeichen des Zeitgeists

Maxim Leos Roman «Einatmen. Ausatmen.» ist sprachlich lax und findet keine Haltung gegenüber dem diagnostischen Furor unserer Zeit.
Daniel Haas

Eine Managerin mit Empathie-Defizit, ein Psycho-Coach in Finanznot, ein Hausmeister mit Sex-Appeal und akademischem Background: Das ist das Personal dieser Prosaromanze. Dazu ein bisschen Wokeness-, aber auch Kapitalismuskritik, die sprachliche Glätte des Ratgebermagazins und die dramaturgische Straffheit eines Netflix-Drehbuchs: Fertig ist das Romanszenario im Zeichen des Zeitgeists.
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Marlene, 39, steht vor der Krönung ihrer Karriere: Sie wird den Grosskonzern, für den sie jahrelang geschuftet hat, übernehmen. Leider fehlt ihr für die Spitzenposition das Quentchen soziale Kompetenz, das Topmanager brauchen, wenn sie moderne, das heisst auf politische Korrektheit geeichte Unternehmen leiten wollen. Deshalb verordnet ihr der noch amtierende CEO den Besuch eines Selbsterfahrungskurses bei Alex Grow, einem Coach mit Nobelklinik in Brandenburg. Dort soll aus der «kühlen Effizienzmaschine» ein «mitfühlendes Wesen» werden. Für eine Frau, die von sich selbst sagt, sie sei keine «Wohlfühlmanagerin» und ein Unternehmen sei kein «Montessori-Kindergarten», ist das die Höchststrafe.
Die Psyche als BootcampDann geht alles recht schnell: eine Waldwanderung, die Begegnung mit einem sterbenden Wildschwein, romantische Belebung dank Hausmeister (vormals Astrophysiker, damit das Ganze nicht zu milieufremd wird): Schon ist Marlene auf dem Weg in ein neues, nicht von Profitinteressen entstelltes Leben. Auch Alex, der Psycho-Coach, absolviert eine Erbauungsgeschichte: Er wandelt sich vom Seelen- zum Selbstversteher, wird beziehungsfähig und verhindert neben dem emotionalen am Ende auch den finanziellen Bankrott.
Maxim Leo ist Journalist und Genre-Fachmann; er schreibt Kriminalromane und Erzählpossen, darunter den Bestseller «Es ist nur eine Phase, Hase» über Männer und ihre pubertären Anwandlungen jenseits der 50. Hatte er nun das Porträt eines Milieus geplant, das die Leistungsansprüche im Job ins Persönliche erweitert und die Psyche als Bootcamp der Selbstregulierung begreift? Marlene mit ihrer Weigerung, zwischen Yoga und Meditationsrunden das Seelenheil zu finden, ist jedenfalls sympathisch. Sie weiss, dass es nur darum geht, noch resilienter für die nächste Runde im Verteilungskampf zu werden. Von ihrem Widerstand gegen die esoterisch munitionierte Coaching-Industrie hätte man gerne mehr erfahren.
Auch der Seelenflüsterer Alex ist eine interessante Figur: In seiner Lebenskrise könnte sich das Dilemma eines Berufsstands spiegeln, dessen professionelles Helfertum oft tieferliegende Defekte kaschiert. Leider lässt ihn Leo im Stil von Ratgeberkolumnen sprechen («Marlene war es offenbar nicht gewohnt, sich als komplettes menschliches Wesen wahrzunehmen»).
«Narzisstisch» und «traumatisch»Vor allem aber entwickelt der Roman keine stimmige Haltung zu seinem Sujet: Ist ihm der diagnostische Furor, mit dem heute kleinste Affektverzerrungen als pathologisch abgestempelt werden, verdächtig? (Man denke an die Passepartout-Verwendung der Begriffe narzisstisch und traumatisch.) Oder glaubt er tatsächlich an die Idee einer Persönlichkeit, die sich per Coaching aus den Fängen der kapitalistischen Zurichtungen befreien kann?
Ist es ausserdem nicht Verrat an der Idee emanzipierter Weiblichkeit, wenn man einen derart negativen Begriff von Karriere hat? Anders gefragt: Lässt sich der therapeutische Umbau einer Frauenpersönlichkeit tatsächlich als Erfolg verbuchen, wenn dafür alles bis dahin Geleistete entwertet werden muss? Eine Leserinnenstudie unter Managerinnen wäre interessant: Wie plausibel ist eine Heldin, die sich erst an die Spitze eines DAX-Konzerns kämpft, um dann beim Wildschweinstreicheln die ideologische Richtung zu wechseln?
Maxim Leo: Einatmen. Ausatmen. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 256 S., Fr. 34.90.
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