Musik | Claire Rousay: Erzählen statt entspannen
Oftmals ist Ambient-Musik nur eine Tapete, die den Raum schöner machen soll, während man auf dem Sofa hängt, um sich von der Lohnarbeitsmühle zu erholen. Ästhetizistische, funktionale Musik, die die Welt ausschließen, die Umgebung weich machen soll.
Es gibt aber Ausnahmen. Die Musik des Ambient-Künstlers William Basinski beispielsweise, die eine Trauer in sich aufgenommen hat, die über private melancholische Verstimmungen hinausgeht. Oder die Musik von Grouper oder Tim Hecker, die in unterschiedlicher Weise so klingt, als stünde sie kurz davor zu zerfallen. Oder das Album »Permafrost« von Thomas Köner, das auditiv eine Kälte verbreitet, die vor allem eine Vergletscherung der Ohren bedeutet.
Die in Kanada geborene und in Texas aufgewachsene Musiker*in Claire Rousay produziert seit knapp zehn Jahren einen Ambient-Sound, der das Weiche des Genres, bei allem Wohlklang, durchstreicht und in eine im Genre selten gehörte Intensität überführt. Die Musik, die Rousay auf ihren bislang circa 20 Alben solo und in verschiedenen Kollaborationen sowie auf etwa 13 EPs eingespielt hat, ist niemals einfach, aber auch nicht in einem Avantgarde-Sinn kompliziert. Soundflächen, Field Recordings, Streicher, Tape Loops, modulierte Synthies, verschiedene Grade von Echo und Hall, Raumklang, Vocoder-Stimmen, gezupfte, verfremdete Gitarren und Sprach-Samples ergeben inzwischen ein ganzes Universum aus nicht vorhersehbarer Musik.
Bei gleichzeitiger Wiedererkennbarkeit: Der Grundton ist melancholisch, aber der Sound von Rousay will gerade nicht einfach etwas Umhüllendes sein, sondern bricht alles Wohlige immer wieder auf, in verschiedener Weise. Ganz buchstäblich, durch abrupte Wechsel, durch Lautstärke-Schwankungen, die etwaige Entspannungsbedürfnisse von Hörerin und Hörer unterlaufen, durch Popsong-Zitate (vor allem auf dem Singer-Songwriter-Album »Sentiment«, erschienen 2024), durch auf- und abschwellende unangenehme Frequenzen.
Rousay gelingt durchweg eine Musik, die Beklemmungspotenzial hat und trotzdem jede gängige Transgressions- oder Extremismus-Geste vermeidet. Und die dabei auch wieder etwas sehr Warmes transportiert. Ein Gefühlsgemisch, das sich in dieser Mehrschichtigkeit vom gängigen, bestenfalls zweidimensionalen Ambient abhebt.
Der Grundton ist melancholisch, aber der Sound von Rousay will gerade nicht einfach etwas Umhüllendes sein, sondern bricht alles Wohlige immer wieder auf.
Ein Close Reading: der 20-minütige Track »Distance Therapy«, der in Kollaboration mit der australischen Experimental-Musikerin e fishpool entstanden ist. Die Klangästhetiken von Claire Rousay und e fishpool überschneiden sich in der Hinsicht, dass beide Sounds kreieren, die räumlich desorientierend wirken. Es beginnt mit Wassertropfengeräuschen in der Ferne, verhallt, dann etwas, das wie Tennisschläge klingt (ein Spiel, bei dem man sich einen Ball zuspielt, ohne einander zu berühren). Eine anhaltend gespannte Frequenz legt sich über die Aufnahme, dann Abbruch nach anderthalb Minuten, und der Track beginnt von Neuem, zweiter Versuch.
Die Frequenz entpuppt sich als Überlagerung eines Synthesizers und eines anhaltend zitternden Tons eines elektronisch modulierten Streichinstruments, darüber dann ab Minute vier Radiorauschen. Das Rauschen schwillt kurz an, aber bevor es unangenehm wird, wieder Abbruch – einzelne fragmentarische Klaviertöne und Seevogelgeräusche. So geht das drei Minuten, dann verschwindet das Klavier langsam – ein Gespräch, unverständlich, im Hintergrund – und taucht wieder auf, ergänzt durch zwei sanfte Synthie-Flächen, die einander überlagern, ohne sich aufeinander zu beziehen.
Es treten verloren wirkende Sounds hinzu, die aus dem Klangregister des Unheimlichen kommen, und dann der längste repetitive Part, ein maschinell rhythmisches Muster aus kurzen Drone-Geräuschen. Wieder Abbruch, Dröhngeräusche im Hintergrund und eine langsame Pulsfrequenz und unheimliches Schaben, dann tatsächlich mal ein Beat, der aber, weil auf der Nachbarspur die Geräusche dann doch mal unangenehm werden, nichts Lösendes hat.
Das Stück endet im Nirgendwo, mit einer davonplätschernden Klaviermelodie und ein paar statischen Restfrequenzen. »Distance Therapy« kann exemplarisch für das bisherige Werk von Claire Rousay gehört werden, da das Stück sehr schön zusammenfasst, was man als narrativen Ambient bezeichnen könnte. Eine erzählerische Musik, nicht im Sinne einer Story, sondern im Sinne einer Übertragung von einer erzählerischen Logik in die Logik der eigenen Soundmodulation. »Distance Therapy« kreist um die Motive der sicheren Entfernung und der gewollten, aber unheimlichen Nähe.
Am konkretesten zeigt sich dieser Aspekt in den zahlreichen in dieser Musik enthaltenen Sprach-Samples und Field Recordings. Aber auch auf Claire Rousays aktuellem Album »A Little Death« tritt das in diesem Sinne Narrative als Erinnerungsskizze und Tagebuchartiges im Sound selbst hervor, noch vor jeder Sprache im engeren Sinne.
»Listeners enter environments that suggest lived moments rather than abstract sound design«, brachte die Autorin Lucy Thraves es in ihrer Titelgeschichte über Rousay für das »Wire«-Magazine auf den Begriff: »Hörer*innen betreten Klangumgebungen, die gelebte Momente suggerieren, statt abstraktes Sounddesign zu präsentieren.« Ambient, der Situationen und Konstellationen, gelebte Momente, aus der Erinnerung hervorholt und versucht, sie in Klang gleichsam zu überführen. Situative statt abstrakte Musik.
Das »Therapeutische« dieser Musik liegt nicht wie sonst meist in der Untermalung der Self-Care-Zeit von Hörerin und Hörer. Es liegt in dem Zur-Sprache-Bringen von etwas im Sound selbst, das sich vielleicht nicht so ohne Weiteres versprachlichen ließe.
nd-aktuell



