Migrationsgeschichte | Pflegeberufe und Migration: Eine von 5000
Der Onkel hatte es vorgeschlagen: Thressiamma, die jüngste Tochter seiner Schwester, sollte nach Deutschland gehen und Krankenschwester werden. Eine Tante war Ordensschwester und würde sich kümmern. Thressiamma sagte Ja. Ohne zu wissen, worauf sie sich einließ und was Deutschland und Berufsausbildung bedeuten, verließ sie 1975 ihren Heimatort im südindischen Kerala. Sie konnte vorab nur ein paar Worte Deutsch lernen und flog über Frankfurt nach Köln-Bonn. Wenige Tage nach ihrer Ankunft fing sie in Hamm (Westfalen) die Ausbildung zur Krankenpflegerin an, noch nicht einmal 17 Jahre alt.
Frauen, die in der Pflege arbeiten, haben Familie. Sie haben Kinder, denen sie davon erzählen, wie sie in den Beruf kamen. Und wie sie dafür nach Deutschland einwanderten. Und erwachsene Kinder »mit Migrationshintergrund« bemerken, dass es gut wäre, mit den Müttern, Tanten oder Großmüttern über deren Geschichte zu sprechen. Die Idee entsteht, diese Gespräche zu dokumentieren. Ein Online-Archiv soll es werden, Name des Projekts: Who cared. In etwa zu übersetzen mit: Wer pflegte. Oder: Wer kümmerte sich.
»Als dann die Männer nachkamen, war das für die Frauen wie eine Rolle rückwärts.«
Thressiamma Arackal Krankenschwester im Ruhestand
Den Anfang des künftigen Online-Archivs, die ersten Interviews, kann man in einer Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum noch bis Ende Juli sehen, übertitelt »Beziehungsweise Familie«. Die Schau mit ihren Themen zerfasert vielleicht etwas, sie muss die überhohen Räume des nachgebauten Stadtschlosses der Hohenzollern füllen. Sie soll Anregungen geben und das Publikum aktiv einbeziehen. Das gelingt teilweise, aber der große Besuchermagnet scheint es nicht zu sein.
Um so ermutigender ist die gut besuchte Veranstaltung im Humboldt-Forum, die nun endlich Ende April stattfinden konnte. Einmal musste sie verschoben werden, weil der eisige Winter im Januar die Anreise einiger Teilnehmer verhindert hätte.
Im Foyer der Stadtschloss-Neuauflage steht ein kleines Rundtheater mit einem Podium in der Mitte: Hier wird nicht nur die Geschichte von Thressiamma Arackal im Gespräch mit ihrem Sohn verhandelt. Andere Podiumsgäste geben einen Einblick in die indische Community in Deutschland. Als Kranken- und Pflegekräfte eingewandert sind nicht nur insgesamt 5000 junge Frauen aus Kerala, die dort in der christlichen Bevölkerung aufgewachsen waren. Auch von den Philippinen und aus Südkorea kamen Frauen, entweder zur Ausbildung oder bereits mit einem Berufsabschluss. 1976 war aber erst einmal Schluss: Anwerbestopp, so hieß das.
Als indische Auszubildende waren sie in Hamm anfangs zu dritt: Fotos zeigen die indische junge Frau mit Schneehaufen in den Händen, lachend auf dem Fahrrad und am Patientenbett. Was Thressiamma Arackal erzählt, klingt wie eine Erfolgsgeschichte. Sie habe Hilfe bekommen und bald auch deutsche Freundinnen gehabt. Später waren die indischen Familien auch Teil der Kirchgemeinde in Hamm und galten als gut integriert. Arackal war 2025 schon 50 Jahre in Deutschland. »Ich habe gefeiert und alle Wegbegleiter, Ausbilder, auch Ordensschwestern und Schulfreundinnen eingeladen. Bei 110 Leuten habe ich aufgehört zu zählen«, sagt sie.
Ohne Probleme ging das trotzdem alles nicht. Auf Nachfrage der Moderatorin wiederholt Thressiamma Arackal mehrmals: »Als dann die Männer nachkamen, war das für die Frauen wie eine Rolle rückwärts.« Und: »Wir waren zum Arbeiten gekommen und wir arbeiteten.« Während die Ehemänner zwar nachziehen konnten, wurden jedoch ihre Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt, sondern sie durften in den ersten vier Jahren nicht arbeiten. Die Familien fanden Lösungen für die Kinderbetreuung, auch später, als oft beide Ehepartner in Schichten arbeiteten. Einige Familien schickten ihre Kinder in Internate.
Thressiammas Sohn Abhilash stimmt zu, dass der christliche Glaube der Elterngeneration dazu beigetragen habe, dass es weniger Berührungsängste gegeben habe: »Aber es war keine laute und fordernde Community. Das Selbstverständnis der Generationen unterscheidet sich. Die Jüngeren reagieren kritischer auf Rassismus und Diskriminierung.« Die Mutter weiß um das Problem: »Wir dachten in ›solchen‹ Situationen: Die wissen es einfach nicht anders.« Diese Zurückhaltung wird aber selbst zum Vorurteil. Die jüngeren Leute aus der Community sehen den Punkt, dass sie genutzt wird, eine Gruppe von Einwanderern gegen andere auszuspielen.
Vertretern der zweiten Generation ist auch aufgefallen, dass Einwanderung eher als Erfolgsgeschichte erzählt wird. »Ein Scheitern ist schwieriger zu berichten«, meint auch Urmila Goel. Von der Kulturanthropologin, die seit den 90er Jahren zur Geschichte der Migration aus Indien nach Deutschland forscht, kam die Idee zum Projekt »Who cared«.
Auf dem Veranstaltungspodium kommt die Frage nach einer möglichen Rückkehr auf. »Ich bin Inderin und bleibe Inderin«, sagt Thressiamma. Eigentlich habe sie gedacht, dass sie einmal zurückgehen würde. »Das ist immer noch nicht klar. Aber wahrscheinlich bleibe ich hier. Die Kinder sind hier.« Und insgesamt, so weiß sie, ist von den indischen Zuwanderern nur ein Prozent zurückgekehrt. Inzwischen ist die Krankenschwester pensioniert, aber immer noch im Ehrenamt in ihrem Krankenhaus aktiv. Als Seelsorgerin kümmert sie sich auch um jene jungen Frauen, die derzeit nach Deutschland kommen, um in der Pflege zu arbeiten.
Gefragt, was sie sich für Migrantinnen und Migranten in Deutschland wünsche, sagt sie nachdrücklich: »Mindestens mal ein Lächeln! Fragen, welche Hilfe gebraucht wird. Jetzt ist es leider oft zweitrangig, dass da nicht nur eine Arbeitskraft kommt, sondern ein Mensch. Mein Wunsch wäre, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.«
Das geplante Online-Archiv könnte dazu beitragen. Es soll sich öffnen für andere Communitys. Interesse gibt es etwa von Frauen aus Südkorea. Abhilash Arackal wünscht sich, dass es einfach »das Archiv« für die Care-Migration werden soll. Vorgestellt wurde das Projekt vor Kurzem ebenfalls im Hamburger Museum der Arbeit.
Höchste Zeit wäre es für eine solche Sammlung. Seit 2022 beruht das Beschäftigungswachstum in der Pflege ausschließlich auf ausländischem Personal, wobei mittlerweile über 300 000 ausländische Pflegekräfte in Deutschland tätig sind. Im Januar 2026 unterzeichneten Indien und Deutschland eine Absichtserklärung zur Anwerbung und Ausbildung (unter anderem aus Kerala). Im Jahr 2023 lag der Anteil ausländischer Beschäftigter in Pflegeberufen bei 16,2 Prozent, mittlerweile soll jede fünfte Person in diesem Bereich aus einem anderen Land kommen. Ihre Geschichte zu würdigen, könnte im Generationendialog gut gelingen.
Insgesamt zehn Leute machen bislang bei dem Archiv-Projekt mit, unter anderem auch Abhilash Arackal. Urmila Goel arbeitet zurzeit an der Humboldt-Universität Berlin und hat eine Vertretungsprofessur inne, für sie ist das auch eine Möglichkeit zur Forschung. »Ich habe viel in Archiven gesucht, unter anderem in kirchlichen. Da ist die Rede von ›unseren‹ oder ›den Mädchen‹. Es wurde über sie geschrieben, aber etwas fehlt: Ihre eigene Geschichte.« Das Archiv »Who cared« gebe es schon, nämlich in den Köpfen. Transparent ist das Geschehen noch nicht. Und, so eine Wortmeldung auf der Veranstaltung: »Geschichten werden nicht erzählt, wenn ich in einer Gesellschaft bin, die mich sowieso abwertet.«
Viele der Krankenschwestern – wie sie selbst ihren Beruf beschreiben – sind schon im Ruhestand, wie Thressiamma Arackal. Sie hat gern mit ihrem Sohn – auch vor der Kamera – gesprochen. Aufschreiben wollen habe sie ihre Geschichte ohnehin einmal, erzählt sie, als eine von 5000.
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