Lyrik | Ein neues Wunderbuch von Rudolf Proske
Fucking weird, Weissbooks traut sich was und holt Rudolf Proske aus dem dunklen Lyrik-Keller des Vergessens wieder nach oben. In den 90er Jahren die große Hoffnung des literarischen Undergrounds, legte Proske kurz vor der Jahrtausendwende die Feder nieder und gab sich ganz den Tätigkeiten eines Lastkraftwagenfahrers hin. Kühlschränke von a nach b, dazwischen ungesundes Essen in tristen Autobahnspelunken. Das prägt. Fernab der Welt lebte er mit seiner Frau auf dem Land, gründete das eine oder andere Unternehmen, schaute gern alte Filme und wartete ab.
2026 ist die Zeit reif für einen retrospektiven Gedichtband, fanden Verlag und Autor und es wurde das vorliegende Wunderbuch »Dem Pulver seine Zeit« erstellt, das man als einen Querschnitt des Proskeschen Schaffens verstehen darf. Diese »alten Gedichte« verweisen auf einen Zeitraum, als der Blues gelegentlich noch bewaffnet war.
Stechuhren, Zigaretten, harte Arbeit, die späte Belohnung in Bierkneipen, schweigsame Frauen und Männer, die im Zweifel nicht aus dem Fenster gucken, sondern die Wand anstarren. Eine feine Melancholie durchzieht des Dichters fast vergessene Zeilen, die in knappen Wortklumpen Geschichten des Halbdunkel raunen. »An die Ecke/Wo auf dem Weg zur Arbeit/Große Reklameschilder stehen/Die an eine bessere Welt glauben lassen/An welche die Hunde pissen/Wo hinter den Mietskasernen schon immer/Und bis ans Ende aller Tage/Abgetragene Wäschestücke in der Sonne trocknen«.
In Bierkneipen schweigsame Frauen und Männer, die im Zweifel nicht aus dem Fenster gucken, sondern die Wand anstarren.
Proske veröffentlichte seine Gedichte früher in Sammelbänden im Selbstverlag, auch zwei Romane im kleinen Ariel-Verlag (»Jack«, 1994 und »Sievers erster Fall«, 1997). »Nun hat er den Schrank durchwühlt und seine liebsten lyrischen Werke aus der schlechten alten Malocher- und Abhänger-Zeit zusammengestellt. Auch ein paar neue Gedichte hat er dazugesellt, und selbst die sind in jeder Hinsicht gute alte Schule«, schreibt der Verlag und meint damit solche Autoren wie Fauser, Wondratschek und Fels. Ich nenne das große Lyrik: »Glück und Liebe/Es hatte zu schneien begonnen/Und es ging auf Mitternacht zu/Ich saß am Wohnzimmertisch/Sah den Flocken vorm Fenster zu/Die manchmal bunt aufleuchteten/Lena brachte mir eine Flasche Wein vorbei/Die ich auf ihr Wohl knackte«.
Verdammte Axt, holt euch das Buch, bevor es euch holt.
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