Literatur | Ben Lerners »Transkription«: Wissenschaft selbst gemacht
Ben Lerner wird schon seit Jahren als Wunderkind der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur herumgereicht. In seinen 20ern als Nachwuchslyriker gefeiert, bekam er später auch viel Beachtung für seine Romane, zum Beispiel »Die Topeka-Schule« (2020). Mittlerweile ist er 47 Jahre alt und legt nun mit »Transkription« eine Novelle vor, die nur 150 Seiten lang ist, es aber in sich hat.
War »Die Topeka-Schule« eine stark autobiografisch geprägte Coming-of-Age-Geschichte, in der es um eine linksradikale Familie, bürgerliches Leben in der reaktionären Provinz und rechte Gewalt ging, wirkt »Transkription« erst einmal weit weniger politisch. Es geht um ein misslungenes Interview. Ein namenloser Ich-Erzähler besucht seinen Mentor aus der Uni, den gerade 90 Jahre alt gewordenen Thomas, um ihn für eine Zeitschrift zu interviewen. Aber kurz bevor sie sich treffen, fällt dem Erzähler das Smartphone ins Waschbecken des Hotels, und er hat kein anderes Aufnahmegerät dabei.
Dann macht er sich durch die Ostküstenstadt Providence auf den Weg zu Thomas und taucht dabei in Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit ein. »Transkription« ist kein klassischer Roman mit durchgehender Handlung, eher eine literarische Suche und Motivsammlung, die aber sprachlich und stilistisch brillant unglaublich viele Versatzstücke verschiedener Biografien erzählt und miteinander verknüpft.
Während des Spaziergangs durch Providence skizziert Lerner mit wenigen Pinselstrichen die Studienzeit seines Erzählers, eine Trennung, verpasste Karrierechancen, Freundschaften und das Verhältnis zum 90-jährigen Thomas, dem dramaturgischen Epizentrum dieser Novelle. Auch wenn es nicht aufgezeichnet werden kann, findet das Gespräch zwischen Mentor und Schüler statt. Dabei wird dem Erzähler klar, dass der mittlerweile greise »Kulturgigant«, wie er in seiner Familie genannt wird, an fortschreitender Demenz leidet.
Anschließend schreibt der Erzähler das Gespräch einfach aus dem Gedächtnis zusammen und veröffentlicht es. Einmal in die Welt gesetzt, wird es zu einer wichtigen Quelle für die Exegese von Thomas’ Wissenschaft und seinem Erbe. Erst Jahre später offenbart der Erzähler bei einem Symposium in Madrid der versammelten globalen Wissenschaftsgemeinde, dass sie aus einem nur rekonstruierten Gespräch zitiert.
Ist sein legendäres letztes Interview nun Fake? Oder gar Betrug? Denn am Wortlaut werden kulturwissenschaftliche Positionierungen festgemacht.
Ist sein legendäres Interview nun Fake? Oder gar Betrug? Denn am Wortlaut des letzten Interviews von Thomas werden ganze kulturwissenschaftliche Positionierungen festgemacht. Der »Kulturgigant« ging damals davon aus, dass seine Ausführungen aufgenommen werden, verstand aber wahrscheinlich wegen seiner kognitiven Einschränkungen gar nicht, dass es keine Aufnahmen gibt.
Stattdessen hat der Sohn von Thomas ein Gespräch mit ihm aufgezeichnet, allerdings ohne sein Wissen. Es ist ein seitenfüllender Monolog, der den Abschluss von Lerners Novelle bildet. Darin geht es um frühe Auseinandersetzungen des Vaters mit dem Sohn, um den Tod seiner Ehefrau und das Verhältnis zu seiner Enkelin, die an Bulimie leidet.
Deren Geschichte wird wiederum detailliert vom Sohn erzählt, der daraus ein ganzes System familiärer Abhängigkeiten, Verletzungen und einschneidender Erlebnisse entwickelt. Diese Erzählung kulminiert in einer Erinnerung an den Krankenhausaufenthalt seines Vaters während der Covid-Pandemie, bei dem der Sohn sich von Los Angeles aus per Zoom vom vermeintlich im Sterben liegenden Vater verabschiedete.
»Transkription« ist eine literarische Karussellfahrt durch die Erlebniswelten akademischer Mittelstandsfiguren, die von ihren Ängsten, Nöten, Hoffnungen und ihren Enttäuschungen über verpasste Chancen berichten. Auch wenn es nicht viel Handlung gibt, liest sich das überraschend süffig. In pointierten Miniaturen fächert Lerner ganze Lebenswelten auf. Egal, ob es um Reisen in die Schweiz oder um Eifersucht und soziale Hierarchien geht.
Modus ist die Verunsicherung des Ich-Erzählers, der sich eigentlich ohne Handy nicht durch den öffentlichen Raum bewegen kann. Mangels des technischen Geräts taucht er dann plötzlich in die Vergangenheit ein. Das verbindende Motiv in dieser Novelle sind seine verschiedenen Gespräche mit Thomas, die aufgezeichnet wurden oder eben auch nicht. Erinnert und rekonstruiert werden sie schließlich falsch oder richtig zitiert.
Trotz ihrer großen Bedeutung, weil es um eine Koryphäe aus dem Kultur- und Wissenschaftsbetrieb geht, entziehen sich die Gespräche der Kontrolle derer, die sie steuern, aufnehmen oder der Nachwelt überlassen wollen. Es bleibt nicht mehr als die bruchstückhafte Übertragung, die titelgebende »Transkription«.
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