Antikriegspolitik | Krieg ist eine Ultima Irratio
Sie sind offenbar die Einzigen, deren historisches Gedächtnis funktioniert, nicht selektiv ausspart, was dem Zeitgeist nicht passt. Die Linksfraktion im Bundestag lud am Montag zum Gedenken an die Opfer des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion. Von anderen Parlamentsparteien ist dergleichen nicht bekannt. Eine Erinnerung an den barbarischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg, der am 22. Juni 1941 begann, scheint nicht opportun in Zeiten, da wieder gegen die Großmacht im Osten gerüstet wird, Bundestagsparteien unverhohlen fordern, »Russland zu ruinieren«.
An der Gedenkveranstaltung der Linken nahmen diplomatische Vertreter postsowjetischer Staaten teil, aus Kasachstan und Armenien, sowie ein Überlebender der Leningrader Blockade. »Ihre Anwesenheit zeugt von ihrer Humanität«, begrüßte Linksfraktionsvorsitzender Sören Pellmann die Gäste, die nicht alten, fatalen Feindschaften frönen, keinen Hass auf die »Njemzi« (Deutsche) hegen, trotz des vor 85 Jahren ihren Völkern und ihren eigenen Familien zugefügten Leids.
Leonid Berezin, Vorsitzender der Vereinigung »Lebendige Erinnerung«, durchlitt die 900-tägige mörderische Umklammerung Leningrads durch die Hitler-Wehrmacht als Teenager. Er verdankt seine Errettung vor dem Hunger- und Kältetod, dem über eine Million Leningrader erlagen, der »Straße des Lebens« über den vereisten Ladogasee im strengen Winter 1941/42, einem Kindertransport ins Hinterland.
Der Veteran, der seit drei Jahrzehnten in Berlin lebt, wundert sich über die Aufrufe deutscher Politiker an die Bevölkerung, sich auf einen Krieg mit Russland vorzubereiten. »Wir wissen um den Preis eines Krieges«, bekundete Berezin. Und: »Ich möchte glauben, dass das Verständnis füreinander, das es mal gab zwischen Deutschland und Russland, eines Tages wiederkehrt, ungeachtet aller Differenzen. Wir brauchen Frieden, keine Kriege.«
Gerade in »schwierigen Zeiten« sei es wichtig, sich der deutschen Verantwortung für den Tod von 27 Millionen Menschen, Bürgern und Bürgerinnen der Sowjetunion, für »verbrannte Erde« sowie Tausende ausgelöschte Dörfer und Städte zu stellen, betonte Peter Franke, Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher West-Ost-Gesellschaften, der über 70 Organisationen und Initiativen vereint. Er empfahl den Anwesenden das im vergangenen Jahr im Fischer-Verlag erschienene Buch des deutsch-amerikanischen Historikers Jochen Hellbeck »Ein Krieg wie kein anderer«, in dem die Aggression gegen die Sowjetunion als ein ideologisch motivierter Versklavungs- und Vernichtungskrieg beschrieben wird. Franke zitierte den ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann: »Krieg ist keine Lösung« und ergänzte: »Es geht nicht um Kriegstüchtigkeit, sondern um Friedensfähigkeit.«
»Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.«
Willy Brandt
Für Dietmar Bartsch, einen der dienstältesten Linke-Abgeordneten, ist die Erinnerung an die Ermordung von Juden und Slawen, die in der NS-Propaganda »als unwertes Leben« abgestempelt wurden, »keine Nebensache« und kein »Vogelschiss in der Geschichte«. Es gelte, Geschichtsumdeutungen entschieden entgegenzutreten, etwa neuerlichen Versuchen, die Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung des deutschen Faschismus und der Befreiung Europas kleinzureden.
Einen »Wahnsinn« nannte Bartsch die horrende Summe von 180 Milliarden Euro, die der Bundestag für die Auf- und Ausrüstung der Bundeswehr just genehmigte. Als er für die PDS ins höchste deutsche Parlament einzog, waren es 25 Milliarden DM. Nunmehr jedoch sei von Verteidigungsminister Boris Pistorius das Ziel ausgegeben worden, die Bundeswehr zur stärksten Streitmacht Europas zu machen, »whatever it takes«. Zum militaristischen Trommeln ausgerechnet eines Sozialdemokraten passt die unchristliche Beschwörung des christdemokratischen Kanzlers Friedrich Merz: »Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.«
Bewegend waren die Erinnerungen von Jani Gutmann an ihren Vater, der als Antifaschist und Kommunist von den Nazis zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war und später, als der Hitler-Wehrmacht das Kanonenfutter ausging, an die Ostfront geschickt wurde. Dort versuchte er sich zunächst durch selbst zugefügte Verletzungen Einsätzen zu entziehen, so schoss er sich einmal selbst in die Hand. Die Wunden verheilten, er wagte die Desertion und kämpfte dann in den Reihen der Roten Armee gegen die eigenen, verbohrten Landsleute. Ani Gutmanns Vater war in der DDR Mitglied des Zentralvorstands der DSF (Deutsch-Sowjetische Freundschaft). »Bei uns waren immer sowjetische Freunde zu Gast«, erzählte die Tochter.
Es überraschte nicht, dass Gesine Lötzsch und Petra Pau der Gedenkveranstaltung beiwohnten. Wohl keine anderen Abgeordneten jedweder Fraktion dürften sich für die Erinnerung an die Jahre 1933 bis 1941 so starkgemacht haben wie diese beiden Linke-Politikerinnen – sei es mit Lesungen gegen das Vergessen auf dem Berliner Bebelplatz oder mit der Bewahrung der Reichstagsinschriften der Sieger, sei es mit ihrer Stimme oder Initiative zu Bundestagsbeschlüssen über Entschädigungen oder Ehrungen sowie Ausstellungen und öffentlichen Vorträgen. Gesine Lötzsch las am Montag aus dem Kriegstagebuch von Konrad Wolf, der als deutsches Emigrantenkind mit 17 Jahren in den Rotarmistenrock schlüpfte und den schweren, opferreichen Weg vom Kaukasus nach Berlin mitmarschierte.
»Krieg ist keine Ultima Ratio, sondern Ultima Irratio« und »Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts« – mehrfach wurde an diesem Montagabend der erste sozialdemokratische Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt zitiert. Den Abschluss des Gedenkens bildete das Kinderlied »Kleine weiße Friedenstaube«, intoniert vom Ernst-Busch-Chor, dessen Aufforderung zum Mitsingen nicht wenige Teilnehmer folgten, was diese zweifellos als in der DDR aufgewachsene Bürger und Bürgerinnen auswies.
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