Lebensgefühl Vanlife: „Wenn dich irgendwas ankotzt, fährst du los“

Malerische Landschaften, romantische Sonnenuntergänge, aufregende Abenteuer: Das Leben in und mit einem Wohnmobil verspricht einen großen Reiz. Im Netz schwärmen Vanlife-Influencer von flexiblen Reisen und grenzenloser Freiheit. Davon hat sich auch Fabian Duwanoff aus Haldensleben inspirieren lassen und ist seit rund sieben Jahren viel auf Achse. Seine Touren genießt der 38-Jährige jedes Mal, er stellt aber auch klar: „Es ist nicht alles Zuckerwatte, was ihr seht.“Die ersten Jahre war Duwanoff noch mit einem selbst ausgebauten VW Caddy unterwegs. Weil Autos bei ihm immer einen Namen haben, taufte er das Gefährt „Eddy the Caddy“. Nach einem unverschuldeten Unfall tauschte er Eddy gegen Harrison Ford – einen Ford Transit Custom. Damit tourte er bis zu einer Erkrankung auch gern in seinem heimischen Landkreis Börde und suchte abgelegene Orte.
„Stealth Camping“ nennt sich das, heimliches Campen: irgendwo im Nirgendwo, ohne entdeckt zu werden und möglichst ohne Spuren zu hinterlassen. Um seine Plätze sauber zu halten, hat Duwanoff sich extra eine Greifzange ins Auto gehängt. Was eigentlich niemanden stören sollte, kann trotzdem zu Problemen führen: Denn es ist eigentlich nicht erlaubt. „Deutschland ist scheiße zum Campen“, findet Duwanoff: „Man muss rausfahren, damit einen niemand findet.“ Für echten Eskapismus, wie er ihn sucht, eignen sich Camping- oder Stellplätze nur bedingt. Wer dem Alltag entfliehen möchte und Menschenmengen scheut, findet dort nicht sein Glück.
Gebackene Bohnen, dazu frische Wurst vom Fleischer
„Die Situation ist scheiße genug“, sagt Fabian Duwanoff angesichts der Weltlage mit Kriegen und Krisen.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Aus diesem Grund soll der Treffpunkt, einer von Duwanoffs Lieblingsorten, an dieser Stelle auch nicht genannt werden. Es ist ein kleiner Platz, abgeschirmt von einem Feld, inmitten von Birken und direkt an einem kleinen Teich gelegen, der von Schilf umgeben ist. Wer in der Natur seine Ruhe sucht, findet hier einen idyllischen Ort. Für Duwanoff müssen es daher gar nicht zwangsläufig weite Reisen sein. „Wenn man sich in der Gegend umguckt, ist auch alles schön“, sagt er über Börde, den zweitgrößten Landkreis Sachsen-Anhalts.Die vorhandene Feuerstelle will Duwanoff wegen der Trockenheit nicht nutzen. Die Mahlzeit bereitet sein Begleiter Parley Kniza stattdessen auf einem Gaskocher zu. Duwanoff spricht humorvoll von einem „Endzeit-Essen“: gebackene Bohnen wie im Zombie-Videospiel „DayZ“, dazu frische Wurst vom Fleischer. Weil gerade Geschirr und Besteck fehlen, wird das Essen klassisch mit dem Brot aus der gusseisernen Pfanne geholt.
Als „Prepper“ – also jemand, der sich intensiv auf Krisen und Versorgungsengpässe vorbereitet – sieht sich Duwanoff nicht. Er betrachtet es eher als netten Nebeneffekt des Vanlife: „Ich bin darauf vorbereitet und kann im Auto leben.“ Von außen lässt sich sein Ford nicht als Campingauto identifizieren; eine gute Voraussetzung für die geheimen Übernachtungstrips. Doch die im Vergleich zu den prunkvollen Wohnmobilen minimalistisch wirkende Ausstattung enthält alles Relevante für einen autarken Ausflug. Selbst Angel, Gitarre und ein Videoprojektor finden hier ihren Platz.
Siebdruckplatten mit Alukanten bilden das Bodengerüst und bieten Stauraum. Optisch erinnern sie an Transportboxen für Musikinstrumente. Polster auf den Boxen bieten eine Sitz- und Liegemöglichkeit. Ein Schrank, ein Tisch und ein Regal runden das Mobiliar ab. Die sanitären Bedürfnisse decken Reisetoilette und Außendusche ab. Bordbatterie und Spannungswandler liefern den nötigen Strom. „Beim Vanlife musst du kreativ werden“, sagt Duwanoff und lacht.
„Die Ausbaukosten werden oft unterschätzt.“Insbesondere bei einem kleineren Auto wie dem Caddy und nun dem etwas geräumigeren Transit seien kompakte Gegenstände unerlässlich. Deshalb hat er nicht einfach Campingstühle gekauft: Seine Regisseurssitze lassen sich mehrfach falten und durch Steckverbindungen komprimieren. „Vanlife ist immer etwas Individuelles“, bilanziert er. Über sein eigenes Gefährt sagt der Haldenslebener: „Es ist minimalistisch, aber hat eine Vollausstattung.“ Lediglich eine Standheizung wäre noch ein nettes Extra.
Um die Ausgaben zu reduzieren, habe er viel auf Resteverwertung gesetzt, sagt Duwanoff: „Die Ausbaukosten werden oft unterschätzt.“ Influencer seien hier auch nicht immer transparent, so sein Eindruck. Kosten wie Mautgebühren im Ausland, für Inspektionen, Steuern, Versicherung oder TÜV würden ebenfalls gern unterschätzt. Wer offizielle Stellplätze ansteuert, muss ebenfalls mit Gebühren rechnen. „Für richtiges Vanlife brauchst du Geld oder reiche Eltern“, so sein Fazit nach sieben Jahren. Er selbst habe den Vorteil, dass er mietfrei bei seinen Eltern unterkomme. Ohnehin könne er sich nicht vorstellen, einen Haufen Miete zu bezahlen, nur um vier Wände um sich zu haben. Dann lieber ein kleiner Van.
Mit Videoclips und in sozialen Medien hat Fabian Duwanoff auf seinem Kanal „Heimat egal“ in den vergangenen Jahren selbst Einblicke in seine Art des Vanlife gegeben. „Was nicht erwähnt wird: Auch Influencer arbeiten“, sagt er über die professionellen und aufwendigen Produktionen, mit denen manche Vollzeitcamper ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Auch das Reisen selbst sei nicht immer so romantisch, wie Videos und Bilder im Netz vermittelten. „Du fährst stundenlang, kommst nachts an und musst morgens wieder los“, beschreibt Duwanoff so manchen öden Trip. Auf der Autobahn gebe es nicht viel von der Welt zu sehen. Mit entsprechender Zeit versuche er bei Auslandsreisen deswegen, möglichst schnell aus Deutschland zu fahren und dann im Navigationsgerät Routen ohne Autobahnen zu wählen. Bei Fahrten etwa nach Slowenien dauere die entschleunigte Anreise dann auch mal drei Tage.Fabian Duwanoff schätzt genau diese Flexibilität am Reisen. „Ich will wunderschöne Momente mit meinen Besten teilen“, sagt er. Mit seiner besten Freundin Michele, die vor zwei Jahren starb, ging er zwei- bis dreimal im Jahr auf Reisen. Die jüngsten Abenteuer erlebte er mit seinem Schäferhund-Hovawart-Mischling Buffy und seinem Freund Parley Kniza. Weitere Abenteuer erlebte er mit der Jugendhilfe Lucky Punch. Der freie Träger organisiert Wohnmobilreisen mit den Jugendlichen, als Mitarbeiter fuhr er dann mit seinem Auto mit.
Krankheitsbedingt waren in diesem Jahr zwar keine Ausflüge möglich. Doch so kann er neben den schönen Momenten in Börde auch auf unvergessliche Abenteuer in Brandenburg, Polen, Italien, Slowenien oder Kroatien zurückblicken – so manche malerische Kulisse, wie sie die Influencer gerne zeigen, war auch dabei. Als kleingewerblicher Fotograf hat Duwanoff die Ausrüstung und Erfahrung, um diese Momente entsprechend zu dokumentieren.
Mit Fabian Duwanoff auf Reisen: der Schäferhund-Hovawart-Mischling Buffy
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Erste Erfahrungen sammelte Fabian Duwanoff auf Festivals, damals noch mit einem Opel Corsa C, den er „Klotz“ taufte. „Da habe ich gelernt, dass es blöd ist, ein Zelt aufzubauen. Jetzt mache ich die Tür auf und bin fertig“, sagt er und schmunzelt. Zwischenzeitlich lebte er bis zu einem halben Jahr durchgängig in seinem Caddy. Die Flexibilität sieht er als einen großen Vorteil dieses Lebensstils: „Wenn dich irgendwas ankotzt, fährst du einfach los.“
Dieser Eskapismus habe seinen Alltag über Jahre geprägt. „Die Situation ist scheiße genug“, sagt Duwanoff angesichts der Weltlage mit Kriegen und Krisen. Einen Trip in die Natur könne er mehr genießen, als sich mit der großen Politik zu beschäftigen. Genauso stört ihn die Mentalität, die er im Land immer wieder wahrnimmt: „Die Menschen sind inkompatibel geworden; unfreundlich“, so Duwanoffs bitteres Fazit: „Jeder ist auf sein eigenes Wohl bedacht, man gönnt den anderen nichts mehr.“
Was seine Lieblingsorte ihm bieten müssen? „Na, Ruhe“, sagt Fabian Duwanoff trocken. Menschenmassen und unfreundliche Menschen meide er inzwischen. „Ich liebe es, meine besten Freunde um mich herum zu haben“, sagt er. Ohne sie sei der Moment nicht so viel wert. Da brauche er auch gar nicht zwangsläufig Wasserfälle oder Seen. Ohne Zeitdruck sei dann auch ein Stau kein Ärgernis mehr.Auf den Stellplätzen hat Duwanoff indes noch eine interessante Beobachtung gemacht. Camper in ihren großen und modernen Fahrzeugen seien teils gar nicht vor der Tür zu sehen gewesen. „Da könnten sie auch in der Wohnung bleiben“, sagt er und schmunzelt. Wer wie er aussteigen muss, um stehen zu können, und mit einer kompakten Ausrüstung unterwegs sei, sei da erfahrungsgemäß kontaktfreudiger.
Für eine vielfältige Auswahl an Reisezielen hat Fabian Duwanoff in den vergangenen Jahren Slowenien für sich entdeckt. „In anderthalb Stunden bist du überall“, sagt er über die Hauptstadt Ljubljana. Ob Küste, Weinberge oder andere Länder, alles sei schnell zu erreichen. Zudem lasse sich gut „im Hier und Jetzt“ leben, wie er es gerne praktiziert. Flüsse hätten Trinkwasserqualität, in Österreich gebe es zudem eine App für entsprechende Stellen. Zudem komme er mit der Mentalität auf dem Westbalkan gut zurecht.Dass all das seit mehreren Monaten nicht mehr möglich ist, löst Wehmut bei dem Reise-Enthusiasten aus. „Ich vermisse das Leben. An die Couch gebunden zu sein, ist nicht meins“, sagt er. Auch wenn er arbeite, lebe er viel draußen: „Jetzt weiß ich nicht einmal, wo meine Hängematte ist.“
Parley Kniza hat diesen Lebensstil ebenfalls lieben gelernt. Campingerfahrung bringt der 20-Jährige bereits aus der Jugend mit, zum Vanlife kam er jedoch durch Fabian Duwanoff. „Ich finde es megaschön und besser, als an eine Wohnung gebunden zu sein“, sagt er: „Man kann an Orten schlafen, an denen man sonst nicht ist.“ In der Natur könne er in sich kehren und nachdenken, anstatt sich vom Fernseher berieseln zu lassen. „Das ist ein besonderes Gefühl.“
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