Kino für die Ohren: «La Damnation de Faust» am Opernhaus Zürich

Hector Berlioz hat mit «Fausts Verdammnis» die kühnste Fassung von Goethes Sinnsucher-Drama für das Musiktheater geschaffen. Das Stück braucht nicht einmal eine Inszenierung – und bei den jüngsten Aufführungen in Zürich fehlt sie auch nicht.

Toni Suter / T+T Fotografie
Für Goethe war die Sache klar: «Mozart hätte den ‹Faust› komponieren müssen», so gab er dem getreuen Eckermann und damit der Nachwelt zu Protokoll. Der Dichter hatte sogar einen konkreten Vergleich parat, an dem sich die Goethe-Versteher seither abarbeiten: Die Musik müsse «im Charakter» von Mozarts «Don Giovanni» sein. Dumm nur, dass der Komponist der «Oper aller Opern» über den unersättlichen Frauenverführer Don Juan zu dem Zeitpunkt schon vierzig Jahre tot war.
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Goethes Vergleich ist denn auch weniger originell, als es auf den ersten Blick scheint. Er unterstreicht vielmehr, dass der Autor, der selbst zeitweilig zur literarischen Avantgarde seiner Epoche gehörte, einen auffällig rückwärtsgewandten Musikgeschmack hatte. Bekannt ist sein Hadern mit Beethovens impulsiver Persönlichkeit – die beiden Zeitgenossen, die sich wiederholt begegnet sind, lebten quasi in getrennten Sonnensystemen. Franz Schubert, dessen Goethe-Vertonungen wie «Gretchen am Spinnrade» bald als Nonplusultra in der Liedkunst galten, hat der Autor zu dessen Lebzeiten «übersehen», diesen Fehler aber immerhin zwei Jahre vor seinem Tod noch eingeräumt. Schlimmer erging es einem erst 26 Jahre alten Franzosen, der Goethe 1829 seine «Huit scènes de ‹Faust›» übersandte.
Ignoranter GoetheDer mutige Jungkomponist war Hector Berlioz, der nur ein Jahr später seine «Symphonie fantastique» und damit ein Schlüsselwerk der Romantik schuf. Goethe jedoch fand das Notenbild der «Faust»-Szenen «wunderlich» – und ignorierte ihn. Er würdigte Berlioz nicht einmal mit einem Dankesschreiben. Noch ein schwerer Fehler, denn zumal in der erweiterten Fassung von 1846 gehört sein Werk zu den kühnsten und zugleich originellsten «Faust»-Adaptionen überhaupt. Das belegt zurzeit auch wieder eine Serie mit drei Aufführungen von «La Damnation de Faust» an der Oper Zürich.
Das Opernhaus zeigt Berlioz’ «Légende dramatique» konzertant. Meist ist das bei Bühnenwerken allenfalls die halbe Miete. Hier aber ist es legitim. Denn das Stück passt in keine Schublade, es ist weder Oper noch Oratorium noch Sinfonie – sondern irgendetwas dazwischen und alles auf einmal. Manchmal tönt es sogar so bildhaft wie ein Soundtrack, lange bevor der Film erfunden war. Berlioz hat hier nämlich en passant auch noch das imaginäre Theater erfunden: Die Musik nimmt die gesamte Handlung in sich auf, zeichnet sie in Klängen und mit teilweise drastischen Instrumentaleffekten nach – ein Hörabenteuer, das keinerlei zusätzliche Bebilderung im herkömmlichen Sinne braucht.
Der kanadische Dirigent Yves Abel geht das Stück mit dem Opernhaus-Orchester entsprechend zugespitzt an, sozusagen als Kino für die Ohren. Die Spielleiterin Natascha Ursuliak sorgt lediglich mit einer geschickten Auftrittsregie und einigen beredten Requisiten für etwas theatralische Anschaulichkeit. Zudem lassen die hochkarätigen Solisten die Charaktere mit dezenten Gesten, vor allem aber im Gesang plastisch werden.
Opfer statt Erlöserin
Toni Suter / T+T Fotografie
Der Tenor Saimir Pirgu zeichnet den Faust – so ist es bei Berlioz angelegt – nicht als introvertierten Sinnsucher, eher als schwärmerischen, bald skrupellosen Draufgänger, der sich auf Anhieb prächtig mit dem Teufel versteht. Mit dem Mephisto von Stanislav Vorobyov ist allerdings nicht zu spassen: Der Bariton lässt bei seinem brillanten Rollendebüt stets durchscheinen, dass dies ein Spiel auf Leben und Tod ist. Und es muss zwangsläufig mit dem feurigen Ritt in die Hölle – dem titelgebenden Höhepunkt des Stückes – enden.
Marguerite wiederum, mit Elīna Garanča geradezu luxuriös und sehr überzeugend besetzt, ist hier vor allem ein Opfer von Fausts «Was kostet die Welt?»-Haltung, nicht aber dessen Erlöserin wie Gretchen bei Goethe. Zwar gibt es auch bei Berlioz eine von himmlischen Chören und Harfen umrauschte Verklärung, doch dieses Jenseits klingt so «inszeniert», als glaube die Musik selbst nicht recht daran. Der Dichterfürst hätte das alles fraglos schockierend modern gefunden.

Toni Suter / T+T Fotografie
Weitere Aufführungen: 14. und 17. Mai, Opernhaus Zürich.
nzz.ch



