Giftalarm im Gemüsebeet: Gastspiel „Gartenglück“ im Boulevardtheater Dresden

Ein Garten ist wie das pralle Leben: schön, bunt, voller Überraschungen, aber auch voller Tücken. Da blühen nicht nur Blumen farbenprächtig, sondern es wächst auch das Unkraut keck in die Höhe, und es tummeln sich, angelockt von Düften und Salatblättern, allerlei fress- und angriffslustige, unliebsame tierische Mitbewohner. Das frohe, unbeschwerte Kinderlied „Alle meine Blumen", das viele im Osten noch kennen und das zu Beginn des Kabarett-Programms erklingt, erzählt auch von den Mühen und dem ständigen Bücken in solch einem Garten – damit alles noch schöner blüht. Begleitet von Vogelzwitschern und munterem Fröschequaken – manche quälten sie auch – erklärt die Kinderstimme freimütig: „Die Geschichte ist absurd, und keiner weiß, ob sie sich so zugetragen hat. Fest steht: Es ist unsere Geschichte. Unser Märchen vom Gartenglück."
Derart eingestimmt oder vorgewarnt, geht es haarsträubend komisch, turbulent, surreal und streitbar zu im Stück „Gartenglück – Erst bücken, dann pflücken" mit Michael Specht, Mandy Partzsch und Erik Lehmann. In ihrem mittlerweile zehnten und fast immer ausverkauften Gastspiel im Boulevardtheater Dresden geraten die drei Dresdner Vollblut-Komiker im humorvollen Kampf um ihr Gartenglück heftig aneinander – in einem Dutzend verschiedener Rollen, voller schräger Typen und zündender Musik. Da kommen Alltagssorgen, Freuden und Leiden rund ums Gärtnern ebenso zur Sprache wie Umweltpolitik, Klimaschutz, Sinn oder Unsinn von Elektroautos sowie Windräder contra Abholzung von Wald und Eingriffe in die Landschaft. Direkt, unverblümt, wütend, spöttisch und politisch unkorrekt bringen sie – im Gartensparten-Milieu angesiedelt – viele wunde Punkte aktueller Zustände in diesem Land auf die Bühne.
Mandy Partzsch spielte ebenso wie Erik Lehmann mehrere Jahre im Ensemble der Dresdner Herkuleskeule, und Michael Specht ist den Zuschauern bekannt aus TV-Filmen wie „Tatort", „SOKO Wismar" oder „Alarm für Cobra 11". Inzwischen touren sie als freischaffende Kabarettisten mit ihren Programmen erfolgreich durch das Land. In ihrem neuen Trio-Kabarett-Programm lassen sie es ordentlich krachen auf dem Gartenfest des Jahres – trotz aller Hindernisse und mit unverkennbar ostdeutschem Einschlag. Da treffen Tierfreunde auf Grillmeister, schillernde, exzentrische Gestalten auf Mauerblümchen und zänkische Gartennachbarn in breitem Sächsisch.
Das „Gartenglück" ist von verschiedenen Seiten bedroht.
© Robert Jentzsch
Sie alle stehen am Tresen der lebensfrohen Wirtin Darinka Becherovkova (Mandy Partzsch) vom Vereinslokal „Krumme Gurke" in der Gartensparte. Sie sieht adrett aus in ihrem Dirndlkleid mit tiefem Ausschnitt und blondem Haarknoten und spricht mit slawischem Akzent – sie stammt aus Tschechien. Sie hält den Laden in Schwung und hat für jeden Gast ein freundliches Wort und einen Scherz parat. Im Angebot hat Darinka mal Knödel mit Karpfen und frisch gebackene Kekse mit euphorischer Wirkung, da Hanf im Teig versteckt ist – und heiß begehrt, wie sich bald herausstellt.
Da tauchen seltsame Typen im Garten auf, und es gehen merkwürdige Dinge vor sich. Am Tisch sitzt ein Mann im grauen Anzug und mit zurückgekämmtem Haar, der unentwegt irgendetwas in seinen Laptop tippt, kaum aufsieht und nichts mitbekommt von seiner Umgebung. Der Mann neben ihm hingegen trinkt sein Bier in einem Atemzug leer wie ein Schluckspecht. Er trägt ein offenes Blümchenhemd, ein weißes Unterhemd und eine blaue Jogginghose. Und er kann kaum glauben, was er später im Garten sieht: riesige Schnecken und Fliegen, die schmatzend und brummend umherkriechen und -schwirren und die traute Ordnung stören. „2015 ging das los mit der Zwiebelfliegenplage. Es wird alles immer größer: die Schnirgelschnecken, der Hanf, die Probleme …", sagt der Gärtner im Blümchenhemd mit rauer Stimme. Er legt sich nachts mit einem Luftgewehr auf die Lauer, um die Schädlinge zu erwischen.
Auch das liebe Geld kann einem das „Gartenglück" zunichte machen.
© Robert Jentzsch
Sein Gartenfreund Walter mit bayrischem Akzent sieht erschrocken, wie aggressiv er auf einmal ist. Doch dann holt er sich auch ein Gewehr, da ihm vor den laut gurgelnden Geräuschen hinter dem Gartentor graut. Unerschrocken steht ihnen die „Zaunkönigin" Regina Zinsler bei – so füllig ausgepolstert in ihrem Kleid wie schlagfertig, spielt Mandy Partzsch sie urkomisch. Nachdem ihr Maschendrahtzaun, bestens bekannt durch den Ohrwurm aus einer TV-Show, schon zum dritten Mal angefressen wurde und dazu nachts diese putzigen Geräusche zu hören sind, hört bei ihr der Spaß auf. Eigenhändig erlegt sie eines der lästigen Tiere. Mit einem pathetischen Abschieds-Song wird die tote Ratte auf einem Erdhügel hinausgetragen – von einem Mann im pinkfarbenen Bademantel. Ingo Flamingo heißt er und muss als schillernder Paradiesvogel in der Gartensparte selbst manch böses Wort und Unverständnis ertragen.
Dann ereilt die Kleingärtner auch noch ein Schreiben mit der drohenden Räumung ihrer Gartenlauben wegen einer geplanten Windkraftanlage auf dem Grundstück. Widerspruch sei nicht möglich, dafür wird ihnen ein Dank für ihren Beitrag zum Klimaschutz ausgesprochen. Der Anzugtyp am Laptop rät ihnen, sie könnten von ihrem Vorkaufsrecht als Gartensparte Gebrauch machen. Darinka verweist auf die Atomkraftwerke, die an der Grenze zu Tschechien stehen. „Wir müssen kämpfen gegen Windmühlenräder!", sagt sie entschlossen. „Die Gartensparte ist für mich nicht nur ein Fleck auf der Landkarte, sondern unsere Heimat", erwidert Regina kämpferisch. Ja, aber wovon die Gartenlauben kaufen?
Da kommt eine Großbestellung an Keksen aus der Gartensparte „Frohe Zukunft" e. V. für „Tropical Island", die tropische Erlebniswelt in einer ehemaligen Fabrikhalle in Brandenburg, genau zur richtigen Zeit. Freudestrahlend wedeln Darinka und ihr Freund Micha mit den Scheinen aus dem ominösen Geldkoffer und jubeln: Die Gartensparte ist gerettet! Argwöhnisch beobachten sie dennoch den Anzugtypen. Ist er ein Spion von der Windräderfirma oder gar einer vom Ordnungsamt? Micha stellt ihn zur Rede: Er habe zwei linke Hände und Beine und noch nie einen Spaten angefasst. Was wolle er eigentlich hier? Der Mann im Anzug heißt Björn und sagt stotternd, er arbeite zu viel und seine Therapeutin habe ihm deshalb den Garten empfohlen.
Er sieht Micha beim Angeln zu, der unbedingt einmal einen großen Fisch an Land ziehen will. Es scheint, als ob die quakenden Frösche ihn auslachten. Er wirft die Angel in hohem Bogen aus mit dem Ruf „Nu, pogodi!" (russ.: „Na warte! Ich krieg dich!"), bekannt aus den Hase-und-Wolf-Kulttrickfilmen. Doch zu allem Pech landet der Blinker in Björns Nase. Der Hecht ist wieder entwischt. Zur Nasenklammer bekommt Björn dann auch noch eine Maulsperre, damit sein Gejammer nicht zu hören ist. Minutenlang steht er so da! Makaber und an der Schmerzgrenze des Humors – wenn Spaß und Ernst der Lage derart verschwimmen.
Nicht weniger schwarzhumorig startet der glücklose Kleingärtner im Schutzanzug zu fetzigen Klängen den Großangriff mit Chemie zur Schädlingsbekämpfung und holt wutentbrannt aus zum Giftalarm im Gemüsebeet. Eine Rauchwolke steigt auf. Eine Schnecke kriecht am Boden entlang und flieht gerade noch rechtzeitig vor dem Schneckenkorn.
Eingang zum Boulevardtheater Dresden: Weit und breit keine Windräder zu sehen.
© imago
Außerdem gibt es noch einen gruselig-komischen Auftritt von Karl Lauterbach, Ex-Bundesminister für Gesundheit, der – angelockt von den Hanfkeksen – im Gartenlokal Halt macht und den Michael Specht herrlich parodiert. Er schnüffelt, schwafelt mit säuselnder Stimme, zückt sein Spritzgebäck und diagnostiziert wahllos herum. Eine Zuschauerin soll mehr Petersilie und weniger Möhren essen, sie sehe schon ganz braun aus und solle dringend nachgeimpft werden! Er verschwindet auf dem Klo, aus dem es qualmt, und bekifft hält er ein Toilettenrohr in der Hand und bemerkt trocken, da habe er doch tatsächlich gerade seine eigene Sch… gefressen! Für den entstandenen Schaden werde selbstverständlich die Bundesregierung aufkommen.
Zu allem Verdruss hat der Gärtner Micha auch noch ein Malheur mit seinem übergroßen männlichen Teil, das ellenlang wie ein riesiger Regenwurm aus seiner Unterhose hervorquillt. Zum Gaudi der Zuschauer kämpft er und versucht, es zu bändigen. Unheimlich ist das auch Darinka, die ihn nur heiraten will, wenn er einer Penisverkürzung zustimmt. Als Liebesbeweis fährt er in eine Klinik nach Tschechien.
Für Heiterkeit und Bewegung auf und vor der Bühne sorgt außerdem Ingo Flamingo: In bauchfreiem Glitzertrikot und enganliegender Hose wirbelt Erik Lehmann umher und macht Popgymnastik zu flotten Klängen – zusammen mit dem Publikum. Hoch und runter, bücken und pflücken.
Höhepunkt des Programms ist das Gartenfest, bei dem sich alle näherkommen. Die laute, polternde Gartennachbarin Regina, die erst übel über den schwulen Ingo gelästert hatte, gesteht, dass sie ihn eigentlich mag, und übermütig tanzen sie zusammen. Harte Schale, weicher Kern, sagt er augenzwinkernd über sie. Und überzeugender ist es auch als all die politischen Parolen und Regenbogenfahnen, wenn es bei menschlichen Begegnungen wirklich von Herzen kommt und man sich über alle Unterschiede hinweg versteht.
Eine bunte Leuchtschlange mit Lämpchen wandert von der Bühne in den Saal bis in die letzte Zuschauerreihe und wird immer weitergetragen. Eine schöne Idee – dazu erklingt von Udo Jürgens „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden". Viele Lieder kennen und singen die Zuschauer mit. Eine bunte Mischung aus bekannten Hits – beginnend bei „Help" von den Beatles, über Ostrock und Songs von Rammstein bis zu Matthias Reims „Ich hab geträumt von dir" und bekannten Schlagern von Karel Gott wie „Fang das Licht", „Die kleine Kneipe" und „Babicka" – sorgt für tolle Stimmung. Der Gartenkönig Micha wird mit Sonnenschirmumhang mit Bierwerbung und blauem Hut gekrönt. Eine riesige Fliege dreht sich am Grill. Fast am Schluss gibt es auch noch einen Stromausfall, und im Dunkeln ist die Kinderstimme vom Anfang wieder zu hören: Schaut mal, der Sternenhimmel! Und alles andere und alle Sorgen erscheinen auf einmal ganz klein. Reichlich Beifall vom Publikum gab es für diesen Kabarettabend voller absurden und herzerfrischenden Humors.
Nächste Termine: 27. August und 14. Dezember 2026 im Boulevardtheater Dresden
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