Er war der Freund des Video-Pioniers Nam June Paik

Wulf Herzogenrath, Museumsmann, Kenner, Kurator und Kunst-Förderer ist 82-jährig in Berlin gestorben.
Als US-Medien die New Yorker Skandal-Performance von 1967 in der westlichen Kunstwelt verbreiteten, weil der Video-Avantgardist Nam June Paik mit seiner Kollegin, der Cellistin Charlotte Moorman, oben ohne ein Straßenkonzert gegeben hatte und das Duo verhaftet wurde, da war Wulf Herzogenrath aus dem brandenburgischen Rathenow noch Student – weit weg also von der US-Medien-Avantgarde, die später seinen Weg so sehr prägen würde.
Der Weg zum Pionier der ModerneIrgendwer muss ihm an der Wiege gesungen haben, dass er dereinst Deutschlands renommierter Videokunst- und Bauhaus-Fachmann werden würde. Wulf Herzogenrath, Jahrgang 1944, war bald nach dem Abitur in den Westen gegangen, brennend neugierig auf alles Neue in der Kunst. Er studierte in Kiel, Bonn und West-Berlin. Bald war er gefragt als führender Kenner der damals in Deutschland gänzlich neuen Disziplin Video und ebenso für die Kunst des Bauhauses. Mit 28 wurde er zum bis dahin jüngsten Direktor eines deutschen Kunstvereins berufen, dem Kölnischen, dem er knapp 17 Jahre vorstand. Bei der Documenta 6 von 1977 war er für die Videokunst zuständig, zehn Jahre später holte man ihn ins Leitungsteam der Documenta 8. Er hat sie alle kennengelernt, ihre Werke ausgestellt, über sie geschrieben – vor allem die großen Video-Künstler dieser Welt des letzten Jahrhunderts.
Zuerst war das 1976 der koreanische Pionier Nam June Paik mit seiner ersten Europa-Schau. Rasch wurden die beiden Freunde. Bald darauf widmete Herzogenrath sich auch dem US-Amerikaner John Cage, diesem einflussreichen avantgardistischen Komponisten und Künstler, der die Musik des 20. Jahrhunderts revolutionierte, indem er den Zufall in seine Werke einbezog, Geräusche und Stille als vollwertige Klänge etablierte und durch den Zen-Buddhismus geprägte unkonventionelle Instrumente erfand. Herzogenrath holte diese Art von Medienkunst an seine Wirkorte in Bielefeld, ins Museum Folkwang Essen, nach Köln.
Große Erfolge und kluge Debatten1989 zog es ihn nach Berlin; er wurde Hauptkustos der Neuen Nationalgalerie Berlin und erarbeitete maßgeblich das Konzept für den Hamburger Bahnhof mit. Deren Leiter wurde er nicht, weil es einen Riesenkrach gab mit Heiner Bastian, dem Privatkurator der privaten Sammlung Marx. Der Klügere gab nach. Herzogenrath nahm die Berufung als Direktor der Bremer Kunsthalle an, lehrte an der dortigen Kunsthochschule. 2007 berief ihn die Akademie der Künste als Mitglied, bald wurde er in wichtige Kunstgremien der Republik geholt, auch ins neue Bauhaus-Kuratorium Weimar. Seit 2011 war er Pensionär im Unruhestand, blieb der Bremer Kunsthalle aber eng verbunden, lehrte.
Man wählte ihn zum Jury-Vorsitzenden des Goslarer Kaiserrings und in der Berliner Akademie der Künste leitete er die Sektion Bildende Kunst bis 2021. Wo immer auch der hochgewachsenen Kunst-Mann mit der eleganten Fliege am Hemdkragen auftauchte – und er versäumte keine wichtige Vernissage oder Debatte – gab es lebhafte, kluge, anregende Gespräche über Kunst, wobei er niemals als Rechthaber auftrat. Eben kam über die Familie die Nachricht, dass Wulf Herzogenrath am 18. Juni in Berlin gestorben ist. Die Todesursache ist nicht bekannt.
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