Als Zappa die Avantgarde zum Swingen brachte

In der Genfer Oper wird Frank Zappas «200 Motels» aufgeführt. Sie entlarvt Zappas pubertären Humor, aber rehabilitiert seine Musik.
Jean-Martin Büttner, Genf

Über das hilflos dasitzende Publikum bricht ein anarchisch klingendes, aber präzis instrumentiertes Chaos herein. Die Leute im Saal werden mit einer abrupten Abfolge von instrumentellen und stilistischen Wechseln traktiert, mit synkopierten Rhythmen und atonalen Melodien, mit Orchesterklängen, Rocksongs, Chorgesang und komischen Intermezzi. Die Sänger singen, die Geigen streichen, die E-Gitarre schrillt.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Und das ist erst der Anfang dieser zweistündigen Aufführung. Austragungsort ist das ehemalige Wasserkraftwerk von Genf an der Rhone, wohin das Grand Théâtre wegen eines Umbaus temporär verzogen ist. Anlass ist die Schweizer Erstaufführung einer Komposition von Frank Zappa (1940–1993). «200 Motels» heisst sie und kam 1971 als Frühwerk des amerikanischen Komponisten heraus.
Um das Stück aufführen zu können, braucht es in Genf über 100 Musikerinnen und Musiker: das Orchestre de la Suisse Romande, den Chor des Grand Théâtre, Perkussionisten der Genfer Musikschule, den amerikanischen Gitarristen Mike Keneally und das Schweizer Improvisationstrio Steamboat Switzerland. Konzipiert hat das Spektakel der Intendant Aviel Cahn, der mit dieser Aufführung seine sieben Genfer Jahre beschliesst und zur Deutschen Oper nach Berlin wechselt. Als Dirigent leitet der Zürcher Titus Engel das Ensemble, Regie dieser grotesken, zum Musical aufgedonnerten Oper führt der Amerikaner Daniel Kramer.

Es passiert an diesem Abend zweierlei. Das eine hat man befürchtet, vom anderen ist man überrascht. Nein, Frank Zappas Pennälerhumor und seine Fäkalwitze wirken nicht provokativ, bloss pubertär. Aber ja, die Musik dieser frühen Oper klingt nicht veraltet, sondern aufregend, originell und kohärent. Orchester, Chor, Perkussion und Rockband spielen, als seien sie schon immer zusammen aufgetreten. Was man von der damaligen Platte her als Stilübung in Erinnerung hatte, kommt in der Genfer Inszenierung als wuchtige, einfallsreiche Musikalisierung von Frank Zappas Einflüssen daher – amerikanischer Rhythm’n’Blues und europäische Avantgarde.
Worin für ihn der Unterschied bestehe, eine Rockband anzuführen oder ein klassisches Orchester zu dirigieren, wollte ein Journalist einst von Zappa wissen. «Das ist wie Auto fahren und ein Sandwich essen», gab dieser zurück: «Zwei verschiedene Dinge, die man gleichzeitig tun kann.» Da war er wieder, der Humor von Frank Zappa, dem einzigen Komponisten der Welt, der Howlin’ Wolf und Edgar Varèse gleichermassen verehrte. Den schwarzen Bluesmann Wolf hörte er in einer kalifornischen Kleinstadt am Radio. Den französischen Avantgardisten Varèse entdeckte er als Halbwüchsiger über eine abfällige Besprechung, wonach diese Musik unhörbar sei. Zappa fand dessen Werk «Ionisation» in einer Ausschuss-Schachtel, hörte es zu Hause obsessiv und liebte Varèse’ perkussive Dissonanz sein Leben lang.
Ein Autodidakt in allemSowohl der schwarze Rhythm’n’Blues als auch die europäische Avantgarde motivierten den jungen Zappa, Musiker zu werden. Das Gitarrenspiel brachte er sich selber bei, das Notenschreiben, Orchestrieren und Arrangieren lernte er in der lokalen Bibliothek. In beiden Disziplinen brachte es Zappa zur Meisterschaft.
Seine divergierenden musikalischen Interessen inspirierten ihn zu «200 Motels». Das Doppelalbum kombinierte er zu einem Film, der so ungeniessbar bleibt, wie das Libretto unverständlich ist. Sagen wir nur das: «200 Motels» handelt von den Abenteuern einer Rockband auf ihrer 200 Konzerte langen Tournee durch Amerika; die Tage on the road, die Abende im Konzert und die Nächte in billigen Motels; der schräge Humor der Musiker, ihre Streitereien, ihre Langeweile und ihre unstillbare Lust auf Sex.
Keine ideale Vorlage für ein Remake, könnte man sagen, zumal die Vorlage schon bald nach ihrer Veröffentlichung als ambitioniertes, aber unausgeglichenes Frühwerk eingestuft wurde. Doch solche Einschränkungen haben die Macher in Genf eher herausgefordert als abgeschreckt. Wie der Dirigent Titus Engel in einem Interview formuliert: «Zappa war ein hochdisziplinierter Freak.»

Everett Collection / Imago
Allerdings war Frank Zappa auch ein selbstgerechter Macho, der seinen Toilettenhumor für Subversion hielt und seine Misogynie für den Ausdruck einer befreiten Sexualität. Wie rigoristisch er sich benehmen konnte und wie wenig Distanz er zu seinem autoritären Charakter hatte, zeigt nicht nur die tyrannische Art, mit der er seine Musiker durch tagelange Proben quälte. Man liest sie auch in seinen Memoiren «The Real Frank Zappa Book» von 1989, in denen sich der Musiker durch den inflationären Gebrauch von Grossbuchstaben und Ausrufezeichen lächerlich machte.
Zappas angestrengte Subversion schadete auch der szenischen Aufführung des Genfer Abends. Alles ausserhalb des Schauspiels gelang – die Kulissen und Kostüme, die Lichtregie, die virtuos eingespielten Leuchtreklamen, Videos und elektronischen Spruchbänder. Aber die Handlung der Oper wirkte überfrachtet, auf unlustige Weise demonstrativ und bald ermüdend. Die singenden Schauspielerinnen und Schauspieler grimassierten, stapften, gestikulierten und chargierten, aber es war alles umsonst: Das Publikum sass meistens schweigend da, gelacht wurde kaum. Dass es gegen Ende einen matten Applaus gab, als einer Trump-ähnlichen Figur auf der Bühne ein riesiger Penis aufgestülpt wurde, sagt alles über die Freudlosigkeit des Abends aus.
Frank Zappa hätte er wohl gefallen, und gerade darin liegt das Problem. Seine grösste Leistung mit «200 Motels»: Er parodierte die Rockmusik mit geistreichen Klassizismen. Und brachte die Avantgarde mit federnden Rhythmen zum Swingen. So gelang ihm die Versöhnung des Unvereinbaren: des Populären aus seiner amerikanischen Heimat und des Elitären seiner europäischen Vorbilder.
nzz.ch



