Abkehr von der Kriegsbegeisterung: Wie der Autor Meinrad Inglin sich selber fand

Zum ersten Mal wurde das frühe Tagebuch des Schweizer Schriftstellers ediert. Es erzählt von dem verzehrend intensiven Ringen um seine politischen und weltanschaulichen Positionen.
Beatrice von Matt

Keystone / Photopress-Archiv
Meinrad Inglin hat der Schweizer Literatur durch seine realistischen, psychologisch tiefschürfenden Romane seinen Stempel aufgedrückt. Als scharfsinniger Chronist der hiesigen Mentalität zeichnete er insbesondere in dem monumentalen Roman «Schweizerspiegel», seinem Hauptwerk von 1938, ein präzises, kritisches Bild der Schweiz während des Ersten Weltkriegs. Es beleuchtet zugleich die tiefen gesellschaftlichen und politischen Gräben der damaligen Epoche.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Inglins Tagebuch der Jahre 1913 bis 1920, das Daniel Annen nun erstmals in gedruckter Form in der verdienstvollen Reihe der «Schweizer Texte» vorgelegt hat, zeigt allerdings, dass Inglin in frühen Jahren intensiv um seine politischen und weltanschaulichen Positionen ringen musste. Das Tagebuch bezeugt einen geistigen Werdegang voller Gegensätze. Die polaren Spannungen, die das Werk dieses grossen Schriftstellers durchziehen, sind in der frühen Schrift angelegt.
«Demokratische Wende»Im Jahr 1914 begeistert sich der 21-jährige Schwyzer für den Kriegsausbruch – wie Abertausende seiner Generation. Endlich geschehe etwas Grosses und Abenteuerliches, schreibt Inglin. Er beruft sich auf Friedrich Nietzsche, verachtet «den Herdenmenschen und Positionsjäger», fühlt sich einsam «inmitten einer Menge seelenloser Maschinen». 1916 dann, mitten im Krieg, wird eine gewisse Ernüchterung spürbar.
Einerseits vermerkt er ein «noch gesteigertes Bekenntnis zu Nietzsche» und zum Willen zur Macht. Andererseits möchte Inglin jetzt – er ist inzwischen Leutnant geworden – allem preussischen Junkertum abschwören. Er sei bestrebt, einen Aristokratismus nach eigenem Gusto zu formen. Der wild expressionistische Roman «Phantasus», der gerade entsteht, ist angetrieben von solchen Ideen. Nach dessen Fertigstellung im Sommer 1917 wird er vom Verfasser als verunglückt erklärt.
Im November 1917 dann neue Töne, Zeichen eines Umschwungs: «Ich bin von Nietzsche und von meinen Erlebnissen als Offizier her noch ganz mit Vorurteilen und ungern aufgegebenen Standpunkten gegen die Demokratie durchdrungen. Ich fühle aber, wie die Erkenntnisse von der Notwendigkeit der Demokratie gegen mich anstürmen.» Nicht länger will sich Inglin über sein «im Grunde demokratisches Wesen» täuschen. Jetzt wird kein neuer «Phantasus» geplant, sondern ein Roman in «ganz einfacher Sprache», die Erlebnisse der Grenzbesetzung, erfahren von einem gewöhnlichen Soldaten als dem Helden.
Eine «demokratische Wende» zeichnet sich ab. Inglin beginnt sich für seine Verwandtschaft zu interessieren, für die unterschiedlichen Biografien, die ihm entgegentreten. Das gegenwärtige Leben sei mehr als alle Literatur, die er verschlinge. Der Mensch der Gegenwart müsse im aktuellen Kunstwerk seinen Platz finden. «St. Ingobald» ist in Arbeit, der Roman, der später «Die Welt in Ingoldau» heissen wird.

Comet Photo / ETH-Bibliothek Zürich / CC BY-SA 4.0
Der christliche Sozialismus des reformierten Theologen Leonhard Ragaz leuchtet dem Autor ein. Nicht weniger die Lehre des Philosophen und Psychologen Paul Häberlin. Er hört dessen Vorlesungen in Bern. Der Nietzscheaner in ihm habe sich von Häberlin zu «praktischer Weisheit» und «tiefgründigem Weltvertrauen» zurückholen lassen, so lautet der entsprechende Vermerk.
Mit «St. Ingobald» konzipiert Inglin 1918 ein «Volksbuch». Es soll darin «ein Beamter von heute» auftreten, «ein Bürofräulein, ein Arbeiter, ein Advokat, eine Kellnerin, ein Kaufmann, ein Regierungsrat». Der Hinweis auf das noch geheim gehaltene Projekt fällt in einer ebenso feinsinnigen wie scharfsinnigen Rezension. Eine Auswahl von Inglins stichhaltigen Kritiken, die in den 1910er Jahren in verschiedenen Blättern zu lesen waren, ergänzt die Edition des Tagebuchs.
In der erwähnten Kritik geht es um Eduard Korrodis aufrüttelnde «Schweizerische Literaturbriefe» von 1918. Der Literaturkritiker und NZZ-Feuilletonchef Eduard Korrodi entwickelt sich in jenen Jahren zum «literarischen Bundesgericht». So hat Max Frisch dessen Stellung im Literaturbetrieb später bezeichnet. In den «Literaturbriefen» fordert Korrodi von der jungen Autorengeneration die Abkehr vom gemütlichen Seldwylergeist, die Zuwendung zu aktuellen Themen und Formen, «neue Aspekte des Lebens! Neue Gesellschaftskritik».
Das verspricht Inglin heimlich in seiner Rezension, erschienen in der «Zürcher Volkszeitung». Er plant ein Fresko des Zusammenlebens in einem Flecken wie St. Ingobald. Erst wenn sich der Bürger in einer solchen Darstellung erkenne, könne er sich auch verändern. Das Bürgertum müsse an entscheidenden Stellen geheilt werden: in der Familie, im Staat, in der Kirche. In diesen Bereichen wird das erste weit ausgreifende Werk dieses Autors spielen: «Die Welt in Ingoldau» von 1922. Vor allem wird daraus alles feudalistische, nietzscheanische oder sonst wie undemokratische Gedankengut verbannt sein.
Aus eigenem LebensstoffDer Dichter hat einen gewaltigen Wandel vollzogen: Ihn interessiere, schreibt er 1918 im Tagebuch, «der zwischen Bürgertum und Sozialismus schwankende Mensch». Ein solcher Mensch ist im Roman seine Protagonistin Therese. Sie tritt für alte Strukturen ein, etwa den genossenschaftlich verwalteten Grundbesitz. Das sei «die ideale wirtschaftliche Form der Demokratie in Bezug auf den Boden».
Dazu notiert der Autor den Verweis: «Ragaz S. 130». Denn: «Das wichtigste Ereignis im Jahr 1919», so sagt er im Nachhinein weiter, sei «Mein Ja zur ‹Neuen Schweiz› von Ragaz». Damit ist dessen Hauptwerk gemeint. Die Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg, die Schweiz von Ragaz, tendierte nach links. Die machthaltigen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts – Aristokratie, gründerzeitliches Bürgertum – lagen am Boden.
Die auseinanderliegenden Weltbilder, die später im Roman «Schweizerspiegel» eine entscheidende Rolle spielen, hat Inglin gelebt und verfochten. Nacheinander und manchmal auch gleichzeitig. Nietzsche, Leonhard Ragaz, nicht weniger Paul Häberlin hatten ihren Anteil daran. So spiegelt sich in «Schweizerspiegel» der Werdegang des Autors in einzelnen Figuren. Drei davon – die Brüder Ammann – beziehen ihre Substanz aus eigenem Lebensstoff: der rechtsstehende Severin, der Sozialist Paul und der zwischen diesen brüderlichen Positionen schwankende Fred.
Vorerst aber ist das neben «Schweizerspiegel» wichtigste programmatische Werk dieses Schriftstellers in Arbeit: «Die Welt in Ingoldau» – eines der leidenschaftlichsten Bücher der Literatur der Schweiz. Vorschläge zur Besserung fallen mit künstlerischem Elan, Missstände werden angeprangert: das Elend in der Kindererziehung, in der Ehe, die Unterdrückung der Frauen und der Kinder. Die grandios konturierten Familiengeschichten verraten eine pädagogische Absicht.
Da ist die Innerschweizer Welt, ein kleinstädtischer Kosmos mit aristokratischem und bäuerlichem Einschlag. Der Autor will an seiner Umgebung die «Weltänderung» vollziehen. «Weltänderung» ist ein magisches Wort nach dem Ersten Weltkrieg. Es fällt auch in Korrodis «Literaturbriefen». Inglin wendet es auf die Welt seiner Herkunft an. Die katholische Religion soll an Ort und Stelle von ihrem Dogmatismus, ihrer engherzig ausgeübten Macht befreit werden. Ein gross denkendes und gross fühlendes Christentum wird dagegengesetzt.
Einen mühsamen Weg auf dieses Ziel hin geht die männliche Hauptfigur, der Pfarrhelfer Anton Reichlin. Er legt sein Priesteramt nieder, heiratet und möchte ein Christentum der Liebe leben. Mütter treten auf. Sie sollen bessere Erzieherinnen werden, ihre Jugendlichen verstehen lernen, insbesondere auch deren sexuelle Nöte.
Diese Nöte sind unverhohlen und eindringlich gestaltet. «Wer aber weiss etwas von der Zahl junger Menschen, welche, ohne selbst die Ursachen zu kennen, innerlich gebrochen oder verpfuscht aus diesem Erziehungswirrsal von Familie, Staat und Kirche hervorgehen?» So die Frage. Statt Kirchenhörigkeit wird den Frauen ein offenes, enttabuisiertes Denken nahegelegt. Sie sollen erziehen, regieren, aber auf freie Art. So hat der Roman auch einen matriarchalen Aspekt. In einer solchen Mütterwelt würden keine Kinder mehr sterben in den Höllen, die man ihnen heiss macht, wie in Ingoldau.
Welten von gesternDer kühne Erstling wird dem Autor schwer verübelt. Man sieht darin Amoral und Freigeisterei. «Mit Entrüstung und Ekel» weise man das Buch von der Hand, steht in der Zeitung «Vaterland» zu lesen. Da man ihm nachts sogar mit Steinen auflauert, flieht Inglin nach Zürich.
Nach Monaten kehrt er als ein anderer nach Schwyz zurück. Die Bücher, die er bis zu den 1930er Jahren vorlegt – «Wendel von Euw», «Über den Wassern» und «Grand Hotel Excelsior» –, feiern Untergänge der Welten von gestern. Hochgemuten Änderungsvorschlägen gehen sie aus dem Weg. Erst die Bedrohung durch die Nazizeit wird diesen Schriftsteller zu einem neuen Warnbuch veranlassen: Der Roman «Schweizerspiegel» erscheint 1938.
Meinrad Inglin: Tagebuch 1913–1920. Von jugendlicher Rebellion zu eigenständiger Autorschaft. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Daniel Annen. Schweizer Texte, Neue Folge, Band 68. Chronos-Verlag, Zürich 2025. 108 S., Fr. 28.–.
nzz.ch



