Die Welt ist ein Buch und das Dasein ein Spiel mit dem Chaos: Warum James Joyces «Finnegans Wake» das Leben ein bisschen leichter macht

James Joyces letzter Roman gilt als schwierig, fast unlesbar. Dabei hilft er, die Gegenwart besser zu verstehen.
Pascal Ihle

Zurich James Joyce Foundation
Dieses Buch wirft viele Rätsel auf. Es ist so kryptisch, dass die meisten es nach wenigen Zeilen oder Sätzen kopfschüttelnd zur Seite legen und sich fragen: Was soll das Ganze? Handelt es sich um einen sprachlichen Bluff? Einen der «grössten Fehlschläge der Literatur» oder einen «grauenvollen, ungeniessbaren Textbrei», wie frühe Kritiker sagten?
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Der 1939 erschienene Roman «Finnegans Wake» gilt als Mysterium der Literatur, schwer lesbar, kaum verständlich. Bis heute gibt es keine schlüssige Deutung von James Joyces letztem Werk, sondern nur vielfältige Annäherungen und Deutungsansätze. In Symposien und Kongressen werden Aspekte und Details analysiert und seziert. Aufsätze und Bücher füllen Regale. «Finnegans Wake» sprengt die Grenzen des Fassbaren. Buchstaben, Wörter und Sätze zerrinnen zwischen den Fingern.
Und genau das fasziniert. «Finnegans Wake» ist eine Inspirationsquelle für Sprach- und Literaturenthusiasten, für Kunstschaffende, Dichter, Schriftsteller, Musiker und Wissenschafter. Denn der Text verschiebt Grenzen, dringt in unbekannte Räume vor und inspiriert mit seiner unglaublichen Kreativität.
Der junge Samuel Beckett verteidigte Joyce mit einem Text im berühmt gewordenen Essayband «Our Exagmination Round His Factification for Incamination of Work in Progress» und half, «Finnegans Wake» als radikale Erneuerung der Erzählform zu legitimieren. Umberto Eco erkannte darin später ein «Chaosmos», ein Textuniversum, in dem jedes Wort zum Ausgangspunkt unendlich vieler Lektüren wird und das für seine eigene Theorie des offenen Kunstwerks massgebend wurde. Für den Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney bot das Buch einen dichten Mythen- und Sprachraum, der irische Tradition, politisches Bewusstsein und poetische Musikalität neu verschränkte.
Angsttage, LeidenstageJohn Cage hörte in Joyces Prosa eine Partitur und machte sie mit Stücken wie «The Wonderful Widow of Eighteen Springs» zur Rhythmusmusik. Der Maler Anselm Kiefer benannte 2023 ganze Werkkomplexe und eine monumentale Ausstellung in London nach «Finnegans Wake», in denen er Joyces endlose Zyklen von Zerstörung und Wiederkehr als Bildräume aus Farbe, Blei, Stroh und Schriftzeichen in Szene setzte.

Joseph Beuys nahm den späten Joyce als Denkfigur für seine eigenen «Erweiterungen des Kunstbegriffs», so dass seine Aktionen und Zeichnungen als plastische Kommentare zu «Finnegans Wake» gelesen werden können. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan verstand die berühmten Donnerworte des Romans als verschlüsselte Mediengeschichte der Menschheit und erklärte «Finnegans Wake» zu einem Grundtext seiner Diagnose des elektronischen Zeitalters.
Joyces Buch passt wie kaum ein zweites in unsere Zeit. In eine Welt, die sich vor unseren Augen fragmentiert, atomisiert und uns ratlos macht. Geopolitische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gewissheiten werden infrage gestellt, scheinen auseinanderzubröckeln und sich irgendwie wieder zusammenzufügen. Niemand weiss, wie. «Finnegans Wake» liefert keine direkten Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart, aber das Buch hilft, sie anzunehmen, indem wir aufgefordert werden, Fragen zu stellen und genau hinzuschauen. «All moanday, tearsday, wailsday, thumpsday, frightday, shatterday till the fear of the Law» verwandelt die Arbeitswoche in eine Kette von Leidens‑ und Angsttagen und klingt wie ein Kommentar zu den Dauerkrisen.
Jeder Satz in «Finnegans Wake» ist ein Rätsel, das uns zuerst orientierungslos macht, bis es plötzlich ein Aha-Erlebnis auslöst. Es zwingt uns, innezuhalten, der Sprachmelodie zuzuhören, uns zu orientieren, Assoziationen herzustellen und mit dem Text zu spielen. Kommt da etwas vertraut vor? Woran erinnert dieses Wort, diese Satzkombination? «O my goodmiss! O my greatmess!» überhöht eine Geliebte zugleich zur Heiligen und zum kompletten Chaos. «Knock knock. War’s where! Which war? The Twwinns. Knock knock» kippt einen Kinderwitz ins Kriegsprotokoll und wirkt erschreckend gegenwärtig in einer Welt, in der die Frage «Welcher Krieg?» zum alltäglichen Nachrichtenreflex geworden ist.
Platon, Melville und «1001 Nacht»Joyce schreibt «Finnegans Wake» in einer eigenen Sprache, die aus Wortspielen, Andeutungen, Lautmalereien, Rhythmen, Neuschöpfungen und Wörtern aus sechzig bis siebzig Sprachen besteht. Das erste der zehn Donnerwörter, «bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthunntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk!», folgt auf den Sündenfall und besteht aus den Wörtern für «Donner» in Hindustani, Arabisch, Japanisch, Italienisch, Finnisch, Griechisch, Französisch, Schottisch, Portugiesisch, Schwedisch, Dänisch und Irisch.
Daneben tauchen im Text Tausende Namen von Flüssen («Yssel that the limmat?»), Städten, Ländern, historischen Figuren, Helden sowie Zitate aus der Bibel, dem Koran, dem Katechismus, dem ägyptischen Totenbuch, hinduistischen, buddhistischen oder esoterischen Schriften auf. Joyce schafft literarisch-philosophische Bezüge zu Aristoteles, Platon, Thomas von Aquin, Dante, Shakespeare, Sterne, Swift, Ibsen, Dickens, Voltaire, Melville, Proust, «1001 Nacht» oder dem «Book of Kells» und stellt Beziehungen her zu technologischen, naturwissenschaftlichen oder nautischen Abhandlungen sowie zu Mythen, Märchen, Liedern, Kinderreimen und Sagen.
Es ist eine Fülle von Wissen und Halbwissen, das kaleidoskopartig, vielstimmig und vielschichtig zusammengesetzt wird mit grandiosen, wortmächtigen wie hochpoetischen Kreationen. Man staunt, man lacht, man wundert sich, man verzweifelt, man begeistert sich.
In «funferall» verschmelzen «fun» und «funeral» zu einer fröhlichen Beerdigung für alle. Wenn Joyce seine Figuren «yung and easily freudened» nennt, steckt darin ein trockenes Wortspiel auf Jung und Freud sowie leicht verängstigt («frightened»), das überraschend gut zu unserer psychologisierten, therapiebewussten Gegenwart passt. Und wenn Joyce «Three quarks for Muster Mark!» ruft, wird aus einem Klangwitz beiläufig und später, 1964, jener Name, den der Physiker Murray Gell-Mann in einer Hommage an «Finnegans Wake» dem grundlegenden Bauteil der Materie gibt.
Die Unlogik des Traums«Finnegans Wake» ist kein Bildungsroman. Vielmehr eröffnet er einen spielerisch-verspielten Zugang zur Unübersichtlichkeit, zum Chaos oder zum «Chaosmos», wie Joyce seinen Text sinnigerweise bezeichnet. So wie unsere innere und äussere Welt aus vielerlei Erfahrungsschichten besteht, ist «Finnegans Wake» eine traumwandlerische Schöpfung, die mit Adam und Eva und dem Fall des Menschen aus dem Paradies beziehungsweise dem Sturz von einer Leiter beginnt.
Joyce hat diesen Weg frühzeitig vorbereitet. Bereits sein Roman «Ulysses», 1922 erschienen, sprengt die Konventionen des traditionellen Romans. Wir erleben einen Tag im Leben des Anzeigenverkäufers Leopold Bloom. Dabei wird das Banale, das Alltägliche zum Gegenstand der Literatur. Joyce macht die Gedankenwelt Blooms sichtbar durch innere Monologe, assoziative Sprünge und abrupte Stilwechsel.
Der detailgenau beschriebene Spaziergang Blooms durch das Dublin von 1904 gleicht einem Mosaik aus Zeitgeschichte, Populärkultur, Werbung, Stadt- und Weltgeschichte, Mythologie, Alltag und Klatsch. Man riecht und hört die Umgebung. Die Wirklichkeit, die Leopold Bloom, Stephen Dedalus und Molly Bloom erleben, ist keine geradlinige Erzählung, sondern eine fragmentierte, collagierte Erfahrung.
In «Finnegans Wake» geht Joyce einen Schritt weiter. Während er in «Ulysses» das wache Bewusstsein auslotet und Ausflüge ins Unterbewusstsein seiner Protagonisten unternimmt, erkundet Joyce in «Finnegans Wake» auch den schwer fassbaren Zustand des Traums und die Unlogik des Träumens. Wenn wir uns abends ins Bett legen und in den Schlaf gleiten, wissen wir nicht genau, was mit uns bis zum Morgen geschehen wird. Figuren, Zeiten und Orte fliessen ineinander, Geschichten verlieren ihre Logik, wir verlassen den eigenen Körper, tauchen in Erlebtes ein, wandeln uns in andere Menschen oder Tiere und machen wilde Zeit- und Erinnerungssprünge.
Sturz und WiederkehrAuch der Dubliner Pub-Wirt Humphrey Chimpden Earwicker, seine Frau Anna Livia Plurabelle und ihre Kinder sind in «Finnegans Wake» einem Traum ausgesetzt. Ausgehend von einem Gerücht über einen Skandal im Phoenix Park durchlaufen die Figuren wechselnde Identitäten und Rollen: die gegensätzlichen Brüder Shem und Shaun, die zugleich Rivalen sind, sowie die schillernde, erotisch aufgeladene Gestalt der Tochter Issy.
Anna Livia verwandelt sich zum Fluss des Lebens, Humphrey Chimpden Earwicker zum Allerweltsmenschen («Here Comes Everybody»), und zugleich werden sie zu mythischen Helden, die fallen und wiederauferstehen. Joyce wiederholt ihre Geschichten in zahlreichen Variationen von Sturz und Wiederkehr und lässt sie sukzessive im polyglotten Nachtraum versickern.
Joyce hat mit «Finnegans Wake» ein Nachtbuch geschaffen. Es sollte die Welt so zeigen, wie sie in einem Traum, in der Nacht erscheint: verdichtet, verzerrt, widersprüchlich, surreal. Im Traum sind mehrere Bedeutungen gleichzeitig präsent und möglich. Ursache und Wirkung lösen sich ebenso auf wie Raum und Zeit. Vergangenes drängt sich ins Jetzt. In «scruting foreback into the fargoneahead» klingen im Wort «fargoneahead» das deutsche «Vergangenheit» sowie das englische «far gone» (weit zurückliegend) und «far ahead» (weit voraus) an. Alles scheint möglich, nichts ist falsch. Wir sind dem Traum und der Nacht ausgesetzt.

Viele Menschen erleben heute die Gegenwart als Zustand gleichzeitiger Krisen sowie als permanente Reiz- und Informationsüberflutung. «Finnegans Wake» bildet diesen Zustand nicht ab; der Roman organisiert ihn. Am deutlichsten zeigt sich dies in der Sprache. Sie verwandelt sich ständig. Wörter tragen mehrere Bedeutungen, Sprachen überlagern sich, Klang und Rhythmus werden wichtiger als die Grammatik. Sprache dient nicht der Klarheit, sondern der Bewegung.
Sprache leistet Widerstand gegen KI-AutomatisierungIn einer Zeit, in der Kommunikation zunehmend standardisiert, optimiert und automatisiert wird, erinnert Joyces Buch daran, dass auch Sprache Widerstand leisten kann – durch Spiel, Mehrdeutigkeit und Überforderung. «Finnegans Wake» zeigt, dass das Spielen und Experimentieren mit Sprache ein Akt der Freiheit ist. Wer Mehrdeutigkeit zulässt und neue Begriffe ausprobiert, schafft einen Raum, den keine Maschine ganz kontrollieren kann. Zudem nimmt Joyce dem Chaos seinen Schrecken, indem er es schöpferisch umformt und die Leserinnen und Leser mit absurden, skurrilen Kreationen zum Staunen und zum Lachen bringt.
Man kann «Finnegans Wake» nicht durchdringen. Niemand hat bis heute den Schlüssel zu diesem Buch gefunden – und hoffentlich wird ihn nie jemand finden. Man erkennt Motive, sichtet Fragmente, verliert den Faden und findet ihn wieder. Diese Erfahrung ist überraschend entlastend. Auch die Gegenwart mit ihren Verwerfungen, Umbrüchen und Dynamiken lässt sich nicht vollständig erfassen. Entscheidend ist die Aufmerksamkeit. Man muss bereit sein, einzelne Aspekte ernst zu nehmen, ohne am Anspruch des Ganzen zu verzweifeln.
Kaum ein Buch ist so sehr auf kollektive Lektüre angewiesen wie «Finnegans Wake». Gemeinsames Lesen, Rätseln und Deuten halten den Text offen. Darin liegt eine stille politische Botschaft: Unübersichtlichkeit lässt sich besser aushalten, wenn Bedeutungen gemeinsam erzeugt werden. In einer Welt, in der Probleme gern individualisiert werden, wird kollektive Deutung zu einer Form der Resilienz.
Offen, verspielt, verträumtDer charismatische Gründer und Spiritus Rector der Zürcher James Joyce Foundation, Fritz Senn, hat mit seinen Lesegruppen die gemeinsame nichtakademische Herangehensweise an Joyces Texte exemplarisch gefördert. Seiner Meinung nach entzieht sich «Finnegans Wake» der Deutung. Und bietet gerade dadurch eine Möglichkeit, dem Bestreben zu entkommen, alles verstehen zu wollen. Joyce ruft dazu auf, die abstrakten Theorien liegen zu lassen und zum klingenden Hier und Jetzt zurückzukehren.
«Finnegans Wake» ist ein Buch für unsere Zeit. Nicht, weil es sie erklärt, sondern weil es einen Weg aufzeigt, die Welt etwas gelassener zu erkunden. Wer sich auf dieses Buch einlässt und sich selbst nur schon ein paar Seiten laut vorliest, wird vielleicht nicht klüger. Aber offener, verspielter und verträumter.
Pascal Ihle ist Kommunikationsberater und Stiftungsrat der Zurich James Joyce Foundation.
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