Auf die Demütigung reagiert Putin mit roher Gewalt: Russland führt einen der längsten und umfangreichsten Angriffe gegen die Ukraine aus

Russland greift die Ukraine mittlerweile auch tagsüber an. Der jüngste Angriff dauerte mehr als 24 Stunden. Dabei ist auch eine Region ins Visier geraten, die bisher weitgehend vom Krieg verschont geblieben ist.

Am vergangenen Wochenende gab Russland kein Bild der Stärke ab. Aus Sorge über ukrainische Drohnenangriffe sah sich der Kreml erstmals seit fast zwei Jahrzehnten gezwungen, bei der Parade zu Ehren des Sieges über Nazideutschland am 9. Mai auf die Zurschaustellung von Militärtechnik zu verzichten.
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Hinzu kam das Hickhack zwischen Moskau und Kiew um eine Waffenpause während der Feierlichkeiten. Zwar konnte unter amerikanischer Vermittlung in letzter Minute eine dreitägige Schonfrist ausgehandelt werden.
Der ukrainische Präsident behielt dabei aber in kommunikativer Hinsicht die Oberhand. In einem vor beissendem Spott triefenden Erlass erlaubte Wolodimir Selenski dem Kreml grosszügig, ohne Störmanöver ukrainischer Drohnen auf dem Roten Platz Feierlichkeiten abzuhalten.
Erst Drohnen, dann BomberAuf das, was viele als Demütigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin bezeichneten, reagiert dieser nun mit umso grösserer Gewalt. Seit Mittwoch führt Russland einen der grössten und längsten Luftangriffe auf die Ukraine seit Kriegsbeginn aus. Allein bis Mittwochabend flogen dabei laut der ukrainischen Luftwaffe 892 russische Drohnen Ziele im ganzen Land an.
Die Angriffe dauerten in der Nacht auf Donnerstag an. Ab ein Uhr morgens stiegen zudem russische Bomber auf, die Marschflugkörper abfeuerten. Bei feindlichen Drohnen erzielt die ukrainische Flugabwehr vor allem dank heimischer Technologie hohe Abschussquoten. Hingegen beim Kampf gegen Raketen und Marschflugkörper macht sich die nur ungenügende Verfügbarkeit der hierfür notwendigen westlichen Abwehrsysteme schmerzlich bemerkbar.
In Kiew etwa stürzte nach einem Treffer ein ganzer Treppenaufgang eines Wohnblocks ein. Die Suche nach Überlebenden dauert an. Seit Mittwochvormittag wurden durch die russischen Angriffe 15 Personen getötet und gegen 100 weitere verletzt. Die Opferzahlen dürften höchstwahrscheinlich im Verlauf des Tages weiter ansteigen.
Drohne stürzt über der Moldau abNeben dem schieren Ausmass stechen bei dem rekordlangen Angriff drei Dinge ins Auge: Zeitpunkt, Flugroute und Zielregion. Die erste Welle am Mittwoch erfolgte zur Tageszeit. Russland führte seine Angriffe auf die zivile Infrastruktur lange vornehmlich nachts aus. Seit diesem Frühjahr erklingt aber auch tagsüber immer häufiger Luftalarm, meist im direkten Anschluss an nächtliche Angriffe.
Ein Ziel dürfte sein, durch die lange Dauer die ukrainische Flugabwehr zu überlasten. Hinzu kommt der psychologische, aber auch wirtschaftliche Effekt. Die meisten Ukrainer kehren nach den nächtlichen Angriffen am nächsten Morgen zum Alltag zurück, gehen zur Arbeit oder an die Universität. Nun sind sie auch tagsüber gezwungen, Schutz zu suchen.
Für die Angriffe nutzte Russland neben dem eigenen auch den Luftraum seines weissrussischen Verbündeten. Karten mit den Flugrouten der Drohnen zeigen, dass viele Fluggeräte von Norden aus Weissrussland in die Ukraine eindrangen. Mehrere Drohnen überflogen dabei erneut auch das Sperrgebiet von Tschernobyl. Im vergangenen Jahr beschädigte eine russische Drohne die neue Schutzhülle um den havarierten Reaktor des Kernkraftwerks schwer.
Mindestens eine Drohne durchquerte auf dem Weg nach Süden auch den Luftraum der Moldau, dies freilich ohne die Zustimmung der prowestlichen Regierung in Chisinau. Teile des moldauischen Luftraums wurden darauf vorübergehend für den Flugverkehr gesperrt.
Ungewöhnlicher Angriff auf GrenzregionAuffallend viele Drohnen steuerten am Mittwoch Ziele im Westen des Landes an. Im Vergleich zu den frontnahen Gebieten und Metropolen wie Kiew und Odessa gehören Angriffe hier nicht zur Tagesordnung. In Uschhorod in Transkarpatien schauten die Menschen ungläubig auf ihre Telefone, als am Mittwochnachmittag plötzlich Luftalarm erklang.
Die Provinz im äussersten Südwesten der Ukraine gilt als die sicherste Region des Landes. Eine Ausgangssperre gibt es nicht, der Krieg ist im Alltag kaum spürbar. Viele Binnenflüchtlinge, aber auch Unternehmen aus dem Osten des Landes sind deshalb hierher umgesiedelt.
Vier Drohnen schlugen an verschiedenen Orten der Provinz ein. Sieben weitere wurden von der Flugabwehr abgeschossen. Damit handelt es sich laut der Militärverwaltung um den grössten Angriff auf die Provinz seit Kriegsbeginn. Transkarpatien war überhaupt erst einmal Ziel russischer Drohnen geworden, als eine Fabrik in Mukatschewo beschossen wurde.
Reaktion aus Ungarn und der SlowakeiDie Angriffe in der Grenzregion lösten auch internationale Reaktionen aus. Die Slowakei schloss kurzzeitig alle Grenzübergänge zur Ukraine. Der transkarpatische Hauptort Uschhorod grenzt unmittelbar an slowakisches Territorium.
In Ungarn bestellte die neue Aussenministerin Anita Orban in einer bemerkenswerten Abkehr vom prorussischen Kurs der Vorgängerregierung unter Viktor Orban sogar den russischen Botschafter ein, um gegen die Angriffe zu protestieren. In der multiethnischen Region Transkarpatien lebt auch eine ungarische Minderheit. Der ukrainische Präsident Selenski sprach von einem wichtigen Signal aus Budapest. Russland stelle eine Bedrohung nicht nur für die Ukraine dar, sondern auch für ihre Nachbarländer und ganz Europa.
In Transkarpatien lösten die Angriffe auf die bisher weitgehend verschonte Region Spekulationen über einen möglichen Zusammenhang mit dem Machtwechsel in Budapest aus. Hintergrund sind unbestätigte Gerüchte über eine Übereinkunft zwischen Orban und Putin, die ungarischen Siedlungsgebiete in der Ukraine nicht anzugreifen. Nach Orbans Abwahl, so die Lesart, gelte diese Vereinbarung nun nicht mehr.
Russland zeigt keinerlei KompromissbereitschaftUnabhängig von diesen Spekulationen deutet vor dem Hintergrund dieses Grossangriffs wenig auf ein nahes Ende des Krieges in der Ukraine hin, wie es der amerikanische Präsident Donald Trump vor wenigen Tagen enigmatisch verkündete. In der territorialen Frage hat sich die russische Position sogar verhärtet.
Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Mittwoch, dass die Ukraine vor allfälligen Friedensgesprächen ihre Truppen aus dem Donbass sowie anderen von Russland beanspruchten Regionen abziehen müsse. Damit dürften die Provinzen Saporischja und Cherson gemeint sein. Bisher drehten sich die territorialen Debatten vor allem um den Donbass, also die Oblaste Donezk und Luhansk.
Wie der Siegestag am vergangenen Wochenende deutlich machte, ist Russland keineswegs so stark, wie es sich darstellt. Dennoch – oder gerade deswegen – hält der Kreml an seinen maximalistischen Forderungen fest und versucht diese mit militärischer Gewalt durchzusetzen. Von Kompromissbereitschaft gibt es keine Spur.
nzz.ch



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