30 Grad und mehr: Wie sich die Schweiz auf Hitzewellen vorbereitet

Fachleute messen die Hitze in der Schweiz, sie warnen und sie beziffern die gesundheitlichen Folgen. Doch zwischen dem Alarm und der konkreten Hilfe für gefährdete Menschen klafft mancherorts eine Lücke – vor allem in der Deutschschweiz.
Florian Sturm

Andreas Becker / Keystone
Die gefährlichste Stunde einer Hitzeperiode ist oft nicht am Nachmittag, wenn der Asphalt flimmert. Sie ist in der Nacht. Dann, wenn sich der Körper erholen müsste und es nicht mehr kann. Wenn Wohnungen nicht auskühlen, Menschen sich im Bett hin und her wälzen und der Puls nicht zur Ruhe kommt. Jetzt, da die Temperaturen in den Städten der Schweiz nachts kaum noch unter 20 Grad Celsius sinken, müssen viele Einwohner diese Erfahrung wieder machen.
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Hitzeperioden sind Naturgefahren ohne Knall. Kein Bach tritt über die Ufer, kein Hang rutscht ab. Hitze baut sich langsam auf. Gerade deshalb wird sie leicht unterschätzt. Sie ist Wetterereignis, Gesundheitsrisiko und organisatorischer Testfall zugleich.
Die Schweiz kann Hitzewellen heute besser erkennen als früher. Meteo Schweiz warnt präziser, Forscher vermessen die Hitze in zahlreichen Städten, und Epidemiologinnen beziffern ihre Folgen für die Gesundheit. Aber reicht das?
Wirksamer Schutz entsteht erst, wenn aus Warnungen konkrete Massnahmen werden. Und genau da beginnt die Herausforderung: Der Bund liefert Warnungen und Grundlagen, handeln müssen meist Kantone, Städte und Gemeinden. Wie gut das gelingt, ist in der Schweiz sehr unterschiedlich.
Für die Hitzewarnungen zählen auch die NächteSeit 2021 stützt Meteo Schweiz seine Hitzewarnungen nicht mehr auf den Hitzeindex, der Temperatur und Luftfeuchtigkeit kombiniert. Entscheidend ist heute die mittlere Temperatur über 24 Stunden. Damit zählen nicht nur heisse Nachmittage, sondern auch die Nächte.
Der Wechsel spiegelt eine Veränderung in der Wahrnehmung wider: Gefährlich ist Hitze nicht nur dann, wenn das Thermometer am Nachmittag extreme Werte anzeigt, sondern wenn die Belastung anhält und der Körper nachts nicht mehr abkühlen kann.
«Wir haben unsere Methode bewusst umgestellt», sagt Saskia Willemse, die bei Meteo Schweiz die Koordination des Warnwesens leitet. Der Parameter – also die Durchschnittstemperatur über 24 Stunden – sei leichter zu erklären, die verwendeten Schwellenwerte korrelierten mit der Übersterblichkeit, und es gebe Daten, die weiter in die Vergangenheit zurückreichten.

Christian Beutler / Keystone
Auch die Kommunikation hat sich verändert. Heute enthalten die Hitzewarnungen Details zu möglichen Folgen und Verhaltensempfehlungen für die Bevölkerung. Bis vor drei Jahren fehlten diese Angaben noch.
«Eine der grössten Herausforderungen für uns ist nach wie vor, allgemeine Warnungen so zu formulieren, dass sich möglichst viele Personen angesprochen fühlen», sagt Willemse. Zeitpunkt, Häufigkeit sowie Art und Weise der Warnung sind entscheidend: Wer zu oft warnt, stumpft die Empfänger ab. Wer zu spät warnt, riskiert Gesundheitsschäden.
Bei Hitze ist die Balance besonders schwierig. Denn körperlicher Stress kann sich rasch aufbauen. Früh im Jahr auftretende Hitzeperioden bergen oft ein besonders hohes Risiko; im Verlauf des Sommers passt sich die Bevölkerung teilweise an.
Die Epidemiologin Martina Ragettli leitet eine Gruppe am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH). «Hitze ist ein stiller Killer», sagt sie. Laut der Klima-Risikoanalyse Schweiz 2025 des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) gehört sie zu den grössten klimabedingten Gesundheitsrisiken des Landes. Derzeit würden jedes Jahr mehrere hundert Todesfälle auf die Hitze zurückgeführt, sagt Ragettli. Damit sei die Hitze die Naturgefahr mit den meisten Todesopfern in der Schweiz.
Selbst von mässiger Hitze kann Gefahr ausgehenSichtbar ist das selten. Auf dem Totenschein steht meist Herzinfarkt, Nierenversagen oder eine andere unmittelbare Ursache. «Wir wissen jedoch von epidemiologischen Studien, dass ein Teil der Todesfälle durch hohe Temperaturen mitverursacht wird», sagt Ragettli. Hitze könne Herz-Kreislauf-, Atemwegs- oder andere chronische Krankheiten verschärfen. Alter, Wohnsituation und soziale Isolation beeinflussten das Risiko zusätzlich.

Auch mässige Hitze kann gefährlich sein. Je heisser es wird, desto grösser ist zwar das Risiko. Aber auch Tage um 28 Grad fallen ins Gewicht, denn sie kommen viel häufiger vor. Insbesondere ältere und vorerkrankte Personen sollten auch bei mässiger Hitze vorsichtig sein.
Bei Hitze tut der Körper alles, um sich abzukühlen. Er schwitzt, erweitert seine Blutgefässe und pumpt mehr Blut zur Haut, damit er Wärme abgeben kann. All das belastet den Kreislauf, der Blutdruck sinkt. Je älter ein Mensch ist, desto schlechter funktioniert diese Regulation. In sogenannten Tropennächten, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt, nimmt der Körper diese Belastung mit in den nächsten Tag. Kommen chronische Erkrankungen hinzu, kann Hitze den Körper überfordern. «Auch Demenz, Alzheimer und Diabetes können die Verwundbarkeit erhöhen», sagt Ragettli.
Besonders verheerend war der Sommer 2003. In der ersten Augusthälfte herrschte in Westeuropa eine aussergewöhnliche Hitzeperiode. Am 11. August wurden in Grono 41,5 Grad gemessen, die bislang höchste in der Schweiz registrierte Temperatur. In Lugano gab es insgesamt 47 Tage mit mindestens 30 Grad, sogenannte Hitzetage. Der wärmste europäische Sommer seit 500 Jahren führte schätzungsweise zu mehr als 1400 hitzebedingten Todesfällen in der Schweiz.
Auch 2015, 2019 oder 2022 waren heisse Sommer. Die geschätzten hitzebedingten Todeszahlen erreichten aber nicht mehr das Niveau von 2003. Für Ragettli ein Hinweis darauf, dass sich die Schweiz langsam an die Hitze anpasst. «Allerdings funktioniert diese Anpassung eher bei moderat heissen Tagen. Bei Hitzeperioden und sehr hohen Temperaturen ist das Risiko für hitzebedingte Todesfälle weiterhin hoch», sagt sie.
Die nächtliche Abkühlung variiert starkWie ungleich diese Belastung räumlich verteilt ist, zeigen Messungen in Bern besonders deutlich. An Laternen, Schildern und Masten hängen dort Sensoren. Alle zehn Minuten messen sie Temperatur und Feuchtigkeit. Nicht auf einem idealen Messfeld ausserhalb der Stadt, sondern dort, wo Menschen wohnen, arbeiten und schlafen.
Moritz Gubler, Klimaforscher am Geographischen Institut der Universität Bern, betreibt mit seinem Team vom Projekt Urban Climate Bern seit 2018 dieses sehr kleinräumige Messnetz für Stadthitze. 85 feste und mobile Stationen zeigen, wie stark sich die Temperaturen in Strassen, auf Plätzen und in Quartieren unterscheiden können. In Sommernächten misst das Team innerhalb Berns bis zu zehn Grad Unterschied. Bereits ein paar Grad können Wohlbefinden und Gesundheit vulnerabler Menschen stark beeinflussen.
Gubler will Hitze kleinräumig sichtbar machen und diese Daten für Planungen nutzbar machen. Seine Hitzekarten zeigen, was amtliche Referenzstationen nur begrenzt abbilden: Hitze ist in der Stadt kein gleichmässiger Teppich. Sie hängt von der Gebäudedichte und der Durchlüftung ab, von Topografie, Versiegelung, Schatten und Bäumen.
Das Berner Messnetz sei bewusst einfach und kostengünstig gebaut, sagt Gubler. Die Sensoren messen auf drei Metern Höhe, kleine Solarpaneele liefern Strom. Das System wird inzwischen auch in Biel, Thun, Sarnen eingesetzt, in Neapel, Lyon und sogar im gambischen Basse Santa Su.
Hitzeschutz, so Gubler, müsse lokal gedacht werden. Ein Durchschnittswert für die ganze Stadt reiche nicht. Entscheidend sei, wo ältere Menschen wohnten, welche Plätze sich besonders stark aufheizten, welche Strassen schlecht durchlüftet seien und wo Schatten oder Begrünung fehlten: «Bäume gehören zu den effektivsten Kühlanlagen, die eine Stadt haben kann.»

Michael Buholzer / Keystone
Doch auch die beste Hitzekarte schützt niemanden, wenn keiner Konsequenzen daraus zieht. Das Warnsystem ist national, die konkrete Schutzpraxis hingegen kantonal und kommunal organisiert.
Der Bund kann warnen, Grundlagen bereitstellen und koordinieren. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt auf Anfrage, es wolle die Bevölkerung im Rahmen des bundesweiten Aktionsplans zur Anpassung an den Klimawandel besser vor Hitze schützen. Im Mittelpunkt stünden Informationen, fachliche Grundlagen, Empfehlungen und die Frage, wie wirksam diese Massnahmen seien. Der konkrete Hitzeschutz vor Ort bleibe aber vor allem Aufgabe der Kantone, Städte und Gemeinden.
Vieles muss lokal geschehen: Gemeinden, Pflegeeinrichtungen oder Sozialdienste müssen allein lebende Menschen anrufen, kühle Rückzugsorte öffnen oder Arbeitszeiten im Freien anpassen.
Die Westschweizer Kantone liegen beim Hitzeschutz vornGenau hier zeigen sich grosse Unterschiede. Im Sommer 2024 befragten das Swiss TPH und das Nationale Klimasekretariat das letzte Mal die Kantone. Einen Hitzeaktionsplan, der mindestens fünf von acht WHO-Kernelementen erfüllt, hatten nur Genf, Waadt, Wallis, Freiburg, Neuenburg, Jura, Basel-Stadt und Tessin – 8 von 26 Kantonen also.
Genf etwa stellt klimatisierte Kinos oder Museen als kühle Rückzugsorte zur Verfügung, Nebelduschen sorgen in Parks für Erfrischung, und Gemeinden rufen ältere Menschen ab 75 Jahren täglich an.
Auch das BAG sieht diese deutlichen Unterschiede. Die Westschweizer Kantone seien beim Hitzeschutz oft schon weiter und arbeiteten vielerorts besser abgestimmt zusammen. In der Deutschschweiz tue sich zwar mehr als früher, aber es gebe noch Lücken: Oft fehle es an laufenden Beobachtungen und Auswertungen sowie einem guten Austausch zwischen den Beteiligten.
Der Bund versucht nun, diese Lücke zu verringern. BAG und Bafu erarbeiten derzeit einen Leitfaden beziehungsweise Referenzrahmen für die Hitzeaktionsplanung von Behörden. Ende 2026 soll er vorliegen.
Eine Hitzewelle beginnt nicht mit Sirenen. Sie beginnt mit Tagen, die viele noch als schön empfinden, und mit lauen Nächten, die dem Körper still die Erholung nehmen. Die Schweiz kann solche Lagen heute besser erkennen als früher. Doch die eigentliche Prüfung folgt nach der Warnung. Dann zeigt sich, ob aus Temperaturdaten, Warnstufen und Hitzekarten rechtzeitig Schutz wird – vor allem für jene, die der Hitze am wenigsten entkommen können.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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