Fußball-WM | Blitz und Donner im voll besetzten Stadion
Wer bei der aktuell laufenden Fußballweltmeisterschaft das Spiel Frankreich gegen Irak live verfolgen wollte, musste sich auf eine lange Nacht einstellen. Heftige Gewitter und Starkregen waren angekündigt, die zur Halbzeit auch das mit 69 000 Zuschauern gut gefüllte Stadion in Philadelphia (US-Bundesstaat Pennsylvania) erreichten. Während bei hiesigen Sportmoderatoren Rätselraten herrschte, wie es nun weitergeht, war vor Ort alles geregelt: In den Vereinigten Staaten gibt es dafür klare Vorgaben. Das Motto lautet: »When Thunder Roars, Go Indoors!« (Wenn der Donner grollt, geh nach innen!). Konkret bedeutete dies, dass die Halbzeitpause deutlich länger wurde. Als sich das Unwetter wirklich verzogen hatte, konnte das Spiel zu Ende gebracht werden. Zwischen Anpfiff und Abpfiff lagen insgesamt rund 225 Minuten. Die völlig durchnässten Zuschauer nahmen die Auszeit mit Humor oder mindestens mit Geduld. In den USA gibt es klare Regeln für solche Ereignisse.
Das sieht Europa anders aus, was die Verwirrung der Moderatoren wohl erklärt: »In solchen Situationen können die Reaktionen unterschiedlich ausfallen, teilweise auch von Skepsis gegenüber einer mitunter langen Unterbrechung geprägt sein«, heißt es bei Meteorage, dem führenden Spezialisten für Blitzortung und Gewittermanagement in Europa. Zwar sei auch Unmut über Verzögerungen verständlich, doch um die Sicherheit einer Gruppe bei Outdoor-Sportveranstaltungen oder eines gesamten Stadions zu gewährleisten, kann nicht auf ungeduldige Zuschauer Rücksicht genommen werden.
In unseren Breitengraden bleibt das Risiko vergleichsweise gering, was zu einer gewissen Unterschätzung führen kann. Dennoch existieren Unfälle, die laut Meteorage in den meisten Fällen auf mangelnde Antizipation oder ein fehlendes Risikobewusstsein zurückzuführen sind. Tatsächlich geht es hier um ernstzunehmende Gefahren: Eine Analyse von mehr als zehn Jahren Blitzunfällen in Europa (215 Fälle), durchgeführt von Meteorage als Betreiber des Europäischen Blitzortungsnetzwerks in Zusammenarbeit mit dem Wetterdienst Météo‑France, zeigt, dass 60 Prozent der Betroffenen einer Freizeitaktivität im Freien nachgingen und 11 Prozent der Unfälle in Stadien oder auf Sportanlagen stattfanden. Laut der Studie hätten die meisten Gewitter, die zu Unfällen führten, im Vorfeld hätten erkannt werden können, oft mehr als 30 Minuten im Voraus. Zudem ereigneten sich viele Unfälle genau im Moment der Wiederaufnahme, wenn das Gewitter scheinbar abzieht oder an Intensität verliert und dadurch ein falsches Sicherheitsgefühl entsteht.
Daraus hat man unter anderem in den USA gelernt und die bestehenden Regeln weiter verfeinert: Der Spielbetrieb wird unterbrochen, sobald Blitze in einem Umkreis von etwa 13 Kilometern festgestellt werden, und darf erst nach 30 Minuten ohne weitere elektrische Aktivität wieder aufgenommen werden. Jede neue Entladung setzt diese Frist zurück.
»Diese Vorgehensweisen beruhen auf einem grundlegenden Prinzip: Entscheidungen dürfen nicht ausschließlich auf menschlicher Wahrnehmung basieren«, erläutert Stéphane Schmitt, Blitzexperte bei Meteorage. »Visuelle und akustische Signale – sichtbare Blitze oder hörbarer Donner – sind naturgemäß variabel und mitunter irreführend.« Die größte Herausforderung bestehe nicht nur darin zu entscheiden, wann eine Aktivität unterbrochen werden muss, sondern auch, darin zu bestimmen, wann sie ohne erneute Gefährdung von Spielern, Verantwortlichen und Publikum wieder aufgenommen werden könne.
In den Vereinigten Staaten werden Informationskampagnen zum Thema durchgeführt. Auch wurde verstärkt in Sensibilisierung und Ausstattung investiert, insbesondere durch die Installation von Gewitterwarnsystemen an vielen öffentlich zugänglichen Orten, darunter Schulen. Zudem wurden im Hochschulsport harmonisierte Regeln für Unterbrechung und Wiederaufnahme eingeführt.
Im Fußball wird von Trainern und Spielern gerne improvisiert, wenn es auf dem Rasen schlechter läuft als gedacht. Das ist beim Gewitterschutz aber keine gute Strategie, heißt es bei Meteorage: »Das Management des Blitzrisikos darf niemals Raum für Improvisation lassen.«
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