Bauhauptgewerbe | Bauboom trotz Wohnungskrise
Am Bau boomt es. Während Autoindustrie, Chemie und Maschinenbau schwache Konjunkturdaten beklagen, legte der Umsatz im Bauhauptgewerbe im April gegenüber dem Vorjahresmonat real um beachtliche 3,6 Prozent zu. Ohne Berücksichtigung der Inflationsrate sind es sogar 6,3 Prozent, meldete das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag. Damit setzt sich ein längerfristiger Trend fort.
In der hiesigen Bauwirtschaft arbeiten eine Million Menschen. Mit Zulieferern und allen Nebengewerken wie Malern, Zimmerleuten und Klempnern sind es laut der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt sogar 2,6 Millionen. Noch aus einem anderen Grund ist das Bauen ein zentraler Zweig für die Volkswirtschaft, schließlich kaufen, leben und arbeiten wir in Gebäuden.
Seit April gelten für gewerbliche Beschäftigte erstmals einheitliche Tarife in Ost- und Westdeutschland. Weniger eindeutig ist die wirtschaftliche Entwicklung. Nach dem Höhepunkt im Jahr 2021 war die Wertschöpfung des Baugewerbes zunächst gesunken. Seit 2024 legt der Wirtschaftszweig wieder zu und setzt inzwischen ein Drittel mehr um als noch vor einem Jahrzehnt. Zugleich stieg der Bruttogewinn, also die Umsatzrendite vor Steuern, von 2,5 auf zeitweilig über zehn Prozent.
Maßgeblich für die Entwicklung waren seit den 2000er Jahren zunächst stagnierende Investitionen der öffentlichen Hand und die schwächelnden Investitionen der privaten Wirtschaft in den Gewerbebau. Letzteres gilt immer noch. Der Wohnungsbau zog seit seinem Tiefpunkt Mitte der 2000er Jahre wieder an, das ist allerdings schon wieder Geschichte: 2025 wurden mit nur 206 600 Wohnungen so wenige fertiggestellt wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Dass zu wenig gebaut werde, liege allerdings nicht an der Bauwirtschaft und ihren hohen Preisen, beteuert diese. Steigende Kosten für Bitumen oder Flachglas, Mietpreisbremsen und die Anforderungen des Gesetzgebers machten es für Bauträger und Finanzinvestoren unattraktiv, auf den Wohnungsbau zu setzen.
Als Konjunkturstütze bleibt der Branche die öffentliche Hand. Seit 2024 wurden die Ausgaben für die Verkehrsinfrastruktur deutlich erhöht. Wurden 2023 für Investitionen in Straße, Schiene und Wasserstraße lediglich 19,2 Milliarden Euro verausgabt, sind im Bundeshaushalt 2025 und 2026 33,4 Milliarden und 34,4 Milliarden Euro eingeplant. Zusätzliche Hoffnung auf lukrative Aufträge macht das »Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität«. Dessen Gewicht zeigt eine Analyse des Verbandes der Bauindustrie: Danach werden im kommenden Jahr zwei Drittel der Ausgaben für den Verkehrssektor aus diesem Kreditprogramm finanziert.
Die Branche setzt auf eine Wiederbelebung der umstrittenen öffentlich-privaten Partnerschaften.
Profitieren will die Bauwirtschaft zudem von der militärisch-politischen Zeitenwende. Allein eine Kaserne für 1000 Soldaten kostet in der Entstehung zwischen 300 und 400 Millionen Euro. Bis 2035 belaufen sich die verzeichneten Bedarfe für Bauprojekte der Bundeswehr auf rund 26 Milliarden Euro – die energetische Sanierung der Bestandsgebäude noch nicht eingerechnet.
Da die öffentlichen Bauverwaltungen mit einem fertiggestellten Volumen von weniger als zwei Milliarden Euro pro Jahr an ihre Kapazitätsgrenze stoßen, will die Politik Leistungen verstärkt extern vergeben. Auf diese Nachfrage stellt sich die Bauwirtschaft ein. So hat der Bundesverband Public Private Partnership einen »Arbeitskreis Verteidigung« gegründet. Unter dem Ko-Vorsitz von Hochtief und der spezialisierten Anwaltskanzlei Chatham Partners sollen eigene Beschaffungs- und Finanzierungsmodelle für die Bundeswehr etabliert werden.
Auf eine Wiederbelebung der umstrittenen öffentlich-privaten Partnerschaften baut die Branche auch auf anderen Feldern, etwa im Schulbau oder bei der Erneuerung von Brücken und Autobahnen. Die Zeiten dafür erscheinen günstig, denn es bröckelt nicht allein bei der Bahn an allen Ecken und Enden, sondern in weiten Bereichen der öffentlichen Infrastruktur. Dieser riesige Bedarf stößt auf klamme Kassen in Kommunen, Ländern und im Bund.
Für April meldete das Statistische Bundesamt bei Baugenehmigungen für Wohn- und Nichtwohngebäude ein Plus von 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, fordert: »Aus Baugenehmigungen müssen jetzt Projekte werden. Aber genau hieran hat es in den letzten Monaten gehapert.«
Abhilfe schaffen soll das im Mai vom Bundesrat beschlossene Vergabebeschleunigungsgesetz. Es liefert öffentlichen Auftraggebern den juristischen Hebel, um von der strengen »Losaufteilung« abzuweichen. Dadurch wird eine Vergabe aus einer Hand möglich: Planung, Finanzierung, Bau und Betrieb werden als Gesamtpaket geschnürt. Für die staatlichen Auftraggeber entfällt dadurch die kleinteilige Steuerung unzähliger Einzelgewerke.
Kritiker befürchten, dass vor allem Großkonzerne wie Hochtief profitieren. Das belegt auch der Aufstieg des Essener Bauriesen in den deutschen Leitindex Dax – nach einer annähernden Verdreifachung des Aktienkurses binnen eines Jahres durch den Boom beim Bau von KI-Rechenzentren und staatliche Infrastrukturprogramme ersetzte er den Absteiger Porsche SE in der ersten Börsenliga.
Allerdings ist die Branche mittelständisch geprägt, bei kleineren Unternehmen sieht die wirtschaftliche Lage anders aus: Laut dem »Datev-Mittelstandsindex« sanken deren Umsätze im Mai im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,8 Prozent. Immerhin bestehen freie Kapazitäten, die kurzfristig für neue Projekte genutzt werden könnten.
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