Warum Deutschlands Manager wieder um die Welt fliegen
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Wirtschaftsflaute, Sparprogramme, Kriege und trotzdem boomt die Geschäftsreise. Unternehmen schicken ihre Top-Leute wieder häufiger ins Ausland. Dahinter steckt ein radikaler Strategiewechsel: Nähe zum Kunden wird zum Überlebensfaktor.
Die Welt ist im Krisenmodus, aber die Vielflieger aus den Unternehmensetagen kennen kein Halten. Beim Geschäftsreiseanbieter Navan sind die gebuchten Business-Trips im ersten Quartal auf einen Rekordwert gestiegen.
Der Befund passt zu einem größeren Trend: Die Global Business Travel Association erwartet für 2025 weltweit Geschäftsreiseausgaben von 1,57 Billionen Dollar, ein Plus von 6,6 Prozent. Deutschland zählt dabei weiter zu den fünf größten Geschäftsreisemärkten der Welt. Nach Angaben des deutschen Geschäftsreiseverbands VDR stiegen die Ausgaben für Geschäftsreisen 2025 auf 48,6 Milliarden Euro – ein Plus von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders auffällig: Der internationale Anteil wächst stark. 42 Prozent aller Geschäftsreisen deutscher Unternehmen führen inzwischen ins Ausland.
Paradox wirkt diese Entwicklung, weil die deutsche Wirtschaft stagniert, die Industrie kämpft mit hohen Energiepreisen, schwacher Nachfrage und Kriegen, die die Lieferketten zerstören. Viele Unternehmen bauen Stellen ab, verschieben Investitionen oder suchen hektisch nach Einsparmöglichkeiten. Gleichzeitig steigen ausgerechnet jene Ausgaben wieder, die einst während der Pandemie als erstes gestrichen wurden: Flüge, Hotels, Messebesuche und internationale Kundentermine.
Genau darin liegt offenbar die neue wirtschaftliche Realität: Wenn Märkte schwieriger werden und Aufträge härter umkämpft sind, gewinnt der persönliche Kontakt an Bedeutung. Der Außendienst wird in Krisenzeiten nicht kleiner, sondern strategisch wichtiger.
„Wer heute reist, soll nicht Präsenz zeigen, sondern Beziehungen sichern, Vertrauen schaffen und Umsatz verteidigen“, sagt Navan-Kundenchef Michael Riegel.
Beim Geschäftsreisen-Organisator SAP Concur ergab eine internationale Umfrage, dass 94 Prozent der Unternehmen Geschäftsreisen für unverzichtbar halten. Gleichzeitig berichten 66 Prozent, wichtige Reisen seien wegen Kosten schon einmal gestrichen worden.
Damit beginnt eine neue Phase. Sie heißt: Reisen ja, aber nicht mehr automatisch. Die Unternehmensberater von Deloitte beschreiben für 2025 ein differenziertes Bild bei den Geschäftsreisen.
Drei von vier Travel-Managern erwarten steigende Budgets, doch zugleich nimmt die Zahl der Unternehmen zu, die übers ganze Budget hinweg kürzen. Der Anteil der Berufstätigen, die überhaupt geschäftlich reisen, sank in der Deloitte-Studie von 36 Prozent im Jahr 2024 auf 31 Prozent im Jahr 2025. Wer reist, reist also bewusster.
„Wir sehen klar, dass Geschäftsreisen zurückkommen, aber viel gezielter als früher“, sagt Riegel. „Unternehmen hinterfragen heute jede einzelne Reise stärker und erwarten einen klaren geschäftlichen Mehrwert. Es geht nicht um Präsenz, sondern um Wirkung.“
Dabei verändert künstliche Intelligenz die Branche. Früher lief die Dienstreise über Assistenz, Reisebüro, E-Mail-Freigabe und Spesenformular. Heute prüfen Plattformen in Sekunden, ob ein Flug zur Reiserichtlinie passt, ob ein Hotel im Budget liegt und ob eine Umbuchung sinnvoller ist als eine Hotelnacht am Flughafen. Amex GBT-Chef Paul Abbott sagte bei einer Branchenveranstaltung, er sei mit Blick auf den Wert von Travel-Management-Unternehmen im KI-Zeitalter „very, very bullish“; KI werde deren Rolle nicht schwächen, sondern stärken.
Bei Navan heißt der KI-Agent Ava. Während schwerer Winterstürme in den USA bearbeitete Ava nach Unternehmensangaben mehr als 30.000 Chats und fing 55 Prozent der Anfragen ohne menschliche Hilfe ab.
„Wenn eine Krise eintritt, fungiert unser KI-Agent Ava als eine Art Schutzschild gegen Belastungsspitzen“, sagt Riegel. „Dadurch warten Kunden im Ernstfall Minuten statt Stunden auf Unterstützung.“
Das klingt technisch, ist aber im Kern eine Fürsorgefrage. Wenn ein Mitarbeiter in Dubai festsitzt, ein Flug wegen Streiks ausfällt oder eine Route durch den Nahostkonflikt plötzlich unbrauchbar wird, zählt die schnellste Lösung. KI sortiert dann die Masse der Standardfälle: Umbuchen, stornieren, Hotel finden, Verbindungen prüfen. Menschen bleiben für jene Fälle, in denen Erfahrung, Improvisation und Verantwortung gefragt sind.
Die Geschäftsreise der Zukunft ist deshalb kein Comeback der alten Spesenwelt. Sie ist ein datengetriebener Balanceakt zwischen Nähe und Kosten, Kontrolle und Vertrauen, Effizienz und Menschlichkeit. Die wichtigste Frage: Lohnt es sich wirklich? Wenn die mit „Ja“ beantwortet ist, hält Geschäftsreisende offenbar kein Krieg, keine Energiepreise und keine Wirtschaftskrise auf.
FOCUS
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