Vom Weltmeister zum Welterklärer: Philipp Lahms Gastgeberbeleidigung gegen Donald Trump

Nach dem Debakel von Katar, als sich die deutsche Nationalmannschaft vor dem ersten Gruppenspiel kollektiv die Münder zuhielt und die damalige SPD-Innenministerin Nancy Faeser mit einer „One Love“-Binde auf der Tribüne thronte wie eine Gouvernante beim Elternabend, schien eine leise Erkenntnis gereift zu sein. Vielleicht, so die kühne Vermutung, könnte man sich bei einer Fußball-WM wieder auf das konzentrieren, was auf dem Rasen passiert.
Doch weit gefehlt. Der deutsche Obermoralist ist zurück, und er trägt das Gesicht von Philipp Lahm. In seiner neuesten Kolumne für die Zeit holt der Ex-Fußballer zur ganz großen Grätsche aus. Sein Ziel ist nicht der Ball, sondern die große Geopolitik. „Am bedenklichsten ist Gianni Infantinos Nähe zu Machthabern wie Donald Trump“, schreibt Lahm und setzt damit eine Tradition fort, die man getrost als deutsche Gastgeberbeleidigung vom Feinsten bezeichnen kann.
Ein Hauch von Doha in den USAMan reibt sich verwundert die Augen: Donald Trump mag polarisieren, twittern und mit „America First“ irritieren – er ist aber ein demokratisch gewählter Präsident der USA. Ihn sprachlich in eine Reihe mit „Machthabern“ zu stellen, ein Begriff für autokratische Regime und manipulierte Wahlen, wirkt mehr als fragwürdig. Dieses diplomatische Feingefühl kennt man sonst eher von der ehemaligen Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock, etwa wenn sie den chinesischen Staatschef als Diktator bezeichnete – und damit einen wichtigen Handelspartner erzürnte.
Es ist dieser spezifisch deutsche Drang zur Belehrung, der uns international so „beliebt“ macht. Man erinnert sich an die katarischen Fans, die uns nach dem frühen WM-Aus 2022 hämisch zuwinkten, während sie sich die Hände vor den Mund hielten. Die Botschaft war klar: Wer so viel moralisiert, sollte wenigstens die Vorrunde überstehen.
Nun also die USA. Schon im Vorfeld wurde das „böse Amerika“ in deutschen Leitmedien genüsslich seziert. Reisewarnungen wurden zitiert, als drohe jedem Fan hinter der Grenze der unmittelbare Zugriff durch ICE-Beamte oder die Einweisung in einen Trump’schen Grenzknast.
Trump in einer Reihe mit Putin, Lukaschenko und Kim Jong-un?Dass jährlich zwei Millionen deutsche Touristen völlig unbeschadet in die USA reisen – was sich auch seit Trumps Amtsantritt nicht geändert hat – und deutsche Fans in Houston und New York derzeit ein friedliches Fußballfest feiern, passt offenbar nicht in das Narrativ moralischer Überlegenheit.
Deshalb meldete sich wohl auch Annalena Baerbock aus dem „German House of Soccer“ in New York zu Wort und forderte die Fifa auf, die Einreisebestimmungen zu prüfen, weil ein somalischer Schiedsrichter kein Visum erhielt. Sicherlich ein Ärgernis – aber muss daraus sofort eine Staatsaffäre mit dem Unterton moralischer Verkommenheit des Gastgebers werden?
US-Präsident Donald Trump (l.) erhält den Fifa-Friedenspreis von Fifa-Präsident Gianni Infantino.
© Chris Carlson/AP/dpa
Philipp Lahm setzt dem Ganzen mit seiner Wortwahl die Krone auf. Indem er den US-Präsidenten neben Staatschefs wie Putin, Lukaschenko oder Kim Jong-un stellt, die üblicherweise als „Machthaber“ bezeichnet werden, reiht er sich in die gute alte Tradition deutscher Gastgeberkritik bei Fußball-WMs ein.
Verfehlungen zukünftiger Gastgeber schon im VisierDabei liefert diese WM bisher genau das, was man sich wünscht: hochmoderne Stadien, die viele unserer europäischen Betonschüsseln wie Relikte aus dem letzten Jahrhundert wirken lassen, und eine Atmosphäre, die von norwegischen Ruderern am Times Square bis hin zum niederländischen Oranjemeer in texanischen Innenstädten reicht. Sogar die deutsche Mannschaft spielt bisher richtig gut. Doch statt die Stimmung zu genießen, wird das Haar in der Suppe gesucht.
Man fragt sich unweigerlich, wo das enden soll. 2030 wird die WM in Marokko, Spanien und Portugal ausgetragen. Einzelspiele werden auch in Südamerika stattfinden, unter anderem in Argentinien. Da wartet dann vielleicht noch ein Javier Milei in Buenos Aires auf seine moralische Einordnung durch das deutsche Ethik-Komitee. 2034 geht es nach Saudi-Arabien – dort wird Lahm wahrscheinlich ein ganzes Buch über die Verfehlungen der Gastgeber verfassen müssen.
Der deutsche Fußballfan steht vor einem Dilemma: Er will eigentlich nur jubeln, wird aber ständig daran erinnert, dass er sich in feindlichem, moralisch unreinem Gebiet befindet. Philipp Lahm hat mit seiner Kolumne bewiesen, dass er den Übergang vom Weltmeister zum Welterklärer nahtlos vollzogen hat. Dass dabei ein demokratisch legitimiertes Staatsoberhaupt derart diffamiert wird, scheint wohl dazuzugehören. Hauptsache, die Haltung stimmt – auch wenn Diplomatie und Anstand dabei im Abseits stehen.
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