Wagner geht auch ohne Denkfieber

Die Bayerische Staatsoper setzt ihren aufsehenerregenden «Ring»-Zyklus fort, bei dem der Regisseur Tobias Kratzer vieles anders macht. Die Produktion wirkt wie ein souveräner Gegenentwurf zu Bayreuth.
Marco Frei, München

Als Wotan die ganze Wahrheit erkennt, ist es bereits zu spät. Seine geliebte Tochter Brünnhilde hat der oberste Gott in tiefen Schlaf versenkt – zur Strafe, weil sie sich in einem entscheidenden Moment nicht an seinen Befehl halten wollte und sich gegen ihn gewandt hat. Im Gegensatz zu ihm ahnt jedoch die Walküren-Kriegerin, dass Fricka im Hintergrund die Strippen zieht. Bei ihrer letzten Begegnung vor Vollzug der Strafe fragt Brünnhilde ihren Vater, warum er sich von der Ehegöttin Fricka derart leiten lässt. Doch es hilft nichts.
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Brünnhilde kann die Strafe nicht abwenden. Zum Schutz seiner tief schlafenden Tochter lässt Wotan durch den Feuergott Loge eine lodernde Glut entzünden, als plötzlich Fricka auf die Szene kommt. Mit derselben Feuersbrunst hatte Loge einst gemeinsam mit Fricka die Familienhütte der Zwillinge Siegmund und Sieglinde in Brand gesetzt. Eine letzte Video-Rückblende zeigt die grauenvolle Tat. Die Masken fallen, die Wahrheit kommt ans Licht: Fricka und Loge machen gemeinsame Sache. Als es Wotan endlich dämmert, ist seine eigene Götterdämmerung vorgezeichnet.
Im Netflix-StilDieser Gottvater entmachtet sich selbst, scheitert an seinem widersprüchlichen Charakter. Er ist nicht nur ein Getriebener, sondern ein Geblendeter, stolpert in grenzenloser Naivität und Selbstüberschätzung von einer Fehldeutung zur nächsten. Wie der Regisseur Tobias Kratzer dies in seiner Neuinszenierung der «Walküre» an der Bayerischen Staatsoper in München erzählt, das ist grosses Theater.
Mit dieser Premiere im Rahmen der Münchner Opernfestspiele setzen Kratzer und Wladimir Jurowski, der Generalmusikdirektor des Hauses, ihre profilierte Lesart von Wagners «Ring»-Zyklus fort. Der Startschuss fiel 2025 bei den Münchner Opernfestspielen mit der «Rheingold»-Premiere. Schon dort offenbarte sich die grundsätzliche Idee Kratzers, aus der germanischen Götter- und Sagenwelt einen Thriller zu machen, spielerisch angelehnt an die Ästhetik einer Netflix-Serie. In der «Walküre» gewinnt dieses Profil an psychologischer Tiefenschärfe.
In diesem zweiten Teil der «Ring»-Tetralogie ist das besonders wichtig, weil sie ohne eine konzise Personenführung nicht gelingen kann. Kratzer, seit dieser Saison auch Intendant der Staatsoper in Hamburg, ist hierin ein Meister. Schon mit seiner legendären «Tannhäuser»-Regie in Bayreuth 2019 ist ihm überdies der Spagat gelungen, einerseits selbst eingefleischte Wagner-Kenner zu überraschen und andererseits niederschwellig auch ein breiteres, jüngeres Publikum mitzunehmen. Seine Münchner «Walküre» übertrifft das noch. Die handelnden Charaktere und ihre Beziehungen zueinander sind hier hochkomplex.
Dennoch verheddert sich Kratzer nicht in diesem Dickicht, sondern setzt auf das konkrete Erzählen. Bühne und Ausstattung von Rainer Sellmaier erschaffen ein stimmungsvolles Ambiente, darin wird mithilfe von Video-Einblendungen vielfach auch die biografische Vorgeschichte der Personen gezeigt. Davon profitiert vor allem der Siegmund von Joachim Bäckström. Bei Kratzer wird deutlich, wie traumatisiert dieser Mann ist: Zusammen mit seinem Vater musste er einst erleben, wie das eigene Elternhaus abbrannte.
Die Mutter stirbt in den Flammen, seine Zwillingsschwester wird totgeglaubt, bald wird auch der Vater heimtückisch ermordet. Wenn dieser Siegmund sich ins Haus des finsteren Hunding verirrt und in dessen Ehefrau seine Schwester erkennt, gelingt Kratzer ein zutiefst berührender Moment – auch dank der ergreifenden Darstellungen von Bäckström und von Irene Roberts als Sieglinde. Mit dem Auto von Hunding flüchten sie in den nebelverhangenen Wald, wo Siegmund bald auf Brünnhilde (einnehmend: Miina-Liisa Värelä) trifft. Sie verkündet ihm den Tod.

Dieser Held aber – er kann nicht ohne seine Schwester das Diesseits verlassen – möchte sie nicht erneut allein wissen, und dieses Pflichtgefühl vermag Brünnhilde zu erweichen. Eine derart intensive Zeichnung des Siegmund hat man aber auch selten erlebt. Kratzer hört genau hin, nimmt die handelnden Personen beim Wort, blickt tief in die Abgründe ihres Fühlens und Handelns.
Etwa bei Wotan: Wer ihm vertraue, werde verraten, bekennt er Brünnhilde in seiner grossen, von Nicholas Brownlee grossartig gestalteten Erzählung im zweiten Aufzug. Kurz darauf fällt er dem von Brünnhilde verschonten Siegmund in den Rücken und lässt ihn durch Hunding töten. Als der vermeintliche Sieger auf seinen Befehl hin vor Fricka (Ekaterina Gubanova) kniet, rammt ihm der Gott selbst einen Speer in den Rücken. Fricka aber lächelt eiskalt, denn mit diesem Doppelmord hat sich Wotan sein eigenes Grab geschaufelt.
Das alles entfesselt eine unerhörte Spannung. Selbst wer sich im Dickicht der Wagnerschen Mythenerzählung nicht auskennt, versteht unmittelbar, aus welcher Motivation heraus etwas passiert. Überdies besitzt Kratzer offensichtlich Sinn für Humor. So sieht man beim berühmten Walkürenritt die Gotteskriegerinnen durch das sommerliche München reiten, und Brünnhilde kreist im Helikopter über der Stadt. Walhall wiederum, wo sich die gefallenen Helden im Jenseits versammeln, ist der Königssaal im Münchner Nationaltheater, wo die «Walküre» 1870 auf Geheiss Ludwigs II. uraufgeführt wurde.

Zu diesem Opern-Thriller steuert Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester den perfekten Soundtrack bei. Wirkte die «Rheingold»-Premiere im vergangenen Jahr noch stellenweise übersteuert und gleichzeitig zu detailbesessen, entfacht Jurowski nun einen überwältigenden Sog. Da wird ohne angezogene Handbremse musiziert, Jurowski gönnt dem Orchester grosse, weite Phrasen.
Seit zwei Wochen steht nun fest, dass Jurowski München im Jahr 2029 verlässt und von Petr Popelka beerbt werden soll. Diese Weichenstellung scheint dem Dirigenten eine Last von den Schultern genommen zu haben: Seine Leitung der «Walküre» wirkt jedenfalls wie befreit. In jedem einzelnen Instrumentalklang und jeder Phrase legt Jurowski den Wesenszug der Personen wie auch den Stoff selbst frei.
Jurowski zielt dabei auf eine Symbiose mit der Bühne – was gerade in der «Walküre» eine besondere Leistung ist, da die Musik durch ihre emotionale Wucht leicht eine Parallelwelt schafft, neben der die Szenerie banal wirken kann. Stattdessen wird die Handlung von Jurowski aus dem Graben «miterzählt», genauso konkret und psychologisch geschärft wie in Kratzers Regie. Hier ahnt man, wie Wagner das Verschmelzen von Musik und Theater im Rahmen des Gesamtkunstwerks gemeint haben dürfte.
Diese «Walküre» ist ein Glücksfall. Wenn Kratzer und Jurowski diese Höhe halten, wird nicht der aus Kostengründen abgespeckte neue «Ring» in Bayreuth der prägende Beitrag zum Jubiläum der ersten Gesamtaufführung vor 150 Jahren, sondern der Zyklus der Münchner Konkurrenz.
nzz.ch




