INTERVIEW - Kult-Philosoph Slavoj Zizek: «Peter Thiel ist der Antichrist»

Der berühmteste linke Denker spricht über die Revolution der künstlichen Intelligenz. Dabei bekennt er sich zu einem überraschenden Verbündeten – und wünscht Europa ein bisschen mehr El Salvador.

Katarina Marković / European Graduate School
Slavoj Zizek ist der populärste linke Philosoph der Gegenwart. Er kombiniert Hegel und Marx mit Coca-Cola und Hollywood-Blockbustern, dank Vorträgen und Filmen wie «The Pervert’s Guide to Ideology» wurde der Slowene selbst zu einer Ikone der Pop-Kultur. Wir erreichen den 77-Jährigen per Video-Call in seinem Arbeitszimmer in Ljubljana.
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NZZ AM SONNTAG: Professor Zizek, wird uns die KI bald in allen Belangen übertreffen und schliesslich versklaven?
SLAVOJ ZIZEK: Da kann ich Sie beruhigen. Wir Menschen sind nämlich widersprüchliche Wesen. Zu widersprüchlich, als dass die KI unsere Absichten jemals komplett erfassen und kontrollieren könnte. Unser Unterbewusstsein ist ein Bollwerk, das die KI nie erobern wird.
Warum sind Sie da so sicher?
Weil der Mensch ein unzuverlässiges, gespaltenes Subjekt ist. Nehmen wir die Religion. Ein Freund von mir behauptet, er sei Christ. «Glaubst du wirklich, dass vor 2000 Jahren ein übel riechender Typ in Palästina herumgelatscht ist und dass derselbe Typ niemand Geringeres als Gott war?», frage ich. Und schon krebst er zurück. Nein, so weit würde er nicht gehen. Ist mein Freund nun ein Gläubiger oder nicht? Wie soll die KI ihn vernünftig einschätzen können? Und was ist mit dem Typ, der die ganze Zeit erklärt, er glaube nicht an Gott, aber sofort zu beten anfängt, sobald ihm ein Unglück zustösst? Ja, die Menschheit ist ein einziges Chaos. Ein grosses KI-Hirn, das uns alle mitdenken will, muss wahnsinnig werden.
In Ihrem Buch «Hegel im verdrahteten Gehirn» denken Sie darüber nach, was ein Unternehmen wie Elon Musks Neuralink – sein Ziel ist ein Gerät, das Gehirn und Software verbindet – mit dem menschlichen Geist anstellen könnte.
Die Tech-Gurus wollen uns austricksen. Zuerst führen sie uns einen Krüppel vor, der im Rollstuhl sitzt und keinen Finger krümmen kann. Der Mann ist komplett hilflos. Und dann – hurra! – kann er sich plötzlich mit uns unterhalten. «Ich möchte bitte etwas trinken.» Alle jubeln. Danke, neue Technologie! Danke, Elon Musk! Aber letztlich geht es den Amerikanern und den Chinesen natürlich um etwas ganz anderes: die Kontrolle unserer Gedanken. Und das beschäftigt mich. Was würde das mit unserem Innenleben anstellen?
Ja, was?
Letztlich würde es darauf hinauslaufen, dass alle Abschweifungen und Verirrungen aus der menschlichen Kommunikation herausgefiltert würden. Stellen wir uns vor, wir zwei wären ein schwules Paar . . . Keine Sorge, das ist jetzt ein rein theoretisches Szenario! Wir wären also zwei Schwule, und unsere Hirne wären verdrahtet. Wir wüssten sofort, ob wir beide gerade Sex wollen oder nicht. Das ganze Drumherum, das Flirten und so weiter: All das würde wegfallen. Uns käme eine essenzielle menschliche Erfahrung abhanden. Die Gedanken um den Sex herum sind viel spannender als der Sex selber. Und ohne diese Gedanken funktioniert ja nicht einmal der Sex an sich.
Ist es nicht auch ein Problem, dass KI Schönheit mit Glätte verwechselt?
Wieso ist Cindy Crawford so unglaublich attraktiv? Weil sie neben einem perfekten Gesicht dieses kleine Muttermal über der Oberlippe hat. Aber so etwas versteht eine KI nicht. Dafür ist sie zu blöd. Sie würde immer Claudia Schiffer den Vorzug geben.
In Ihrem Essay «Artificial Idiocy» schreiben Sie von der Gefahr, dass Menschen sich Chatbots angleichen, den Bot ernstnehmen. Fast so, als wäre er ihr Papa. Eine vorauseilende Unterwerfung. Bei Jacques Lacan gibt es den Begriff der «père-version».
Lacan mahnte seine Studenten, die sich in die sexuelle Revolution stürzten: Wartet nur, bald werdet ihr von einem Meister beherrscht werden, der noch perverser ist als ihr selbst. Heute sehen wir, wie recht er hatte. Donald Trump ist ein Kind der sexuellen Revolution, der 68er. Er strotzt nur so vor Vulgarität. Und als anderen Übervater haben wir den kalten, hyperkorrekten KI-Chatbot, der uns zu langweiligen Idioten erzieht.
Wie meinen Sie das?
«Der Geist ist ein Knochen» lautet ein Satz von Hegel. Das ist natürlich ein absurder Widerspruch. Aber genau das war Hegels Punkt: Der Widerspruch, den wir beim Lesen dieses Satzes erfahren, ist der Geist. Es ging Hegel um die unendliche Macht der Negativität. Ein Chatbot kann aus solchen Sätzen keine produktive Reibung gewinnen, im Gegensatz zu uns Menschen. Und dass der Bot nicht fluchen kann, ist ein gewaltiges Problem.
Wieso sollte das ein Problem sein?
Wir Menschen denken mit der Sprache, aber auch gegen die Sprache. Beim Fluchen kommt das markant zum Ausdruck. Wenn wir fluchen, stossen wir gedanklich an ein Hindernis. Wir können uns nicht ausdrücken. Aber just dieses Anstossen, dieses Ringen um Worte, ist der Ursprung von Originalität. Das unterscheidet uns von der KI. Eine Ansicht, die ich übrigens mit meinem merkwürdigsten Verbündeten teile.
Wer ist das?
Der Papst. Es ist einigermassen seltsam für mich, das hier eingestehen zu müssen. Aber es gibt ja leider kaum noch kluge Linke, mit denen man sich verbünden könnte. Leos Enzyklika zur künstlichen Intelligenz ist wirklich lesenswert. Vielleicht etwas brav, zugegeben. Aber er hat recht mit seiner Haltung, und er wirft ein paar kluge Fragen auf. Auch Leo spricht darüber, dass das An-Grenzen-Stossen und das Scheitern uns von der KI unterscheiden. Grenzen sind produktiv, weil sie Räume öffnen für eine andere, etwa eine spirituelle Dimension. Nur dank Grenzen sind transzendente Erfahrungen überhaupt möglich. Der Papst weiss das natürlich. Und er weiss auch, wo der Feind hockt.
Wo denn?
Im Silicon Valley. Die drei grossen Herausforderungen unserer Zeit sind Klimakrise, KI-Krise und Krieg. Wer das erkennt und davor warnt, wird von den Technofeudalisten sofort angegriffen. Peter Thiel bezeichnet die Warner als Legionäre des Antichrist. Was für eine Ironie! Denn in Wahrheit ist es natürlich umgekehrt: Peter Thiel ist der Antichrist. Er und seine Leute mehren ihren Reichtum, koppeln sich von der gesellschaftlichen Verantwortung ab und versuchen zugleich, im Militär- und Polizeiapparat an Einfluss zu gewinnen. Und nun gibt es dieses theologische Duell zwischen Thiel und dem Papst, dem man nun wirklich nicht vorwerfen kann, dass er kein authentischer Christ sei. Thiel hat mich übrigens mal zu einer Debatte eingeladen.
Haben Sie angenommen?
Nein. Das wäre kein sinnvolles Gespräch geworden.
Beobachter argwöhnen, die KI-Industrie habe sich mittlerweile zur grössten Blase in der Geschichte des Kapitalismus aufgebläht. Als Marxist müssen Sie dem nahenden Crash entgegenfiebern wie das Kind dem Weihnachtsmann.
Dafür müsste ich noch an die Idee glauben, dass auf den Zusammenbruch des Bürgertums zwangsläufig die Machtübernahme durch den Kommunismus erfolgt. Aber diesen Glauben habe ich leider verloren. Ich befürchte vielmehr, dass auf den Crash bloss das Chaos folgt. Ich empfehle daher wie Walter Benjamin den Griff zur geschichtlichen Notbremse. Eine Revolution also, die keine neue Richtung einschlägt, sondern eine zerstörerische Entwicklung stoppt.
Und wer könnte die Notbremse ziehen?
Europa kann es schaffen. Aber dafür braucht die EU ein besseres Führungspersonal. Auch muss sie ihren Weg konsequenter gehen. Sie muss von ihren Mitgliedern respektiert und gleichzeitig gefürchtet werden. Ja, Europa braucht jetzt ein bisschen diktatorische Stärke. Ein bisschen mehr El Salvador. Einen Konservativismus, der durchgreifen kann.
Entschuldigung, aber was ist mit dem Liberalismus? Der Demokratie? Hallo?
Es tut mir furchtbar leid, aber ich kann Ihre Nostalgie für den liberalen Mehrparteienstaat nicht teilen. Seine Zeit ist vorbei. Es ist mittlerweile offensichtlich, dass er zu langsam ist und zu wenig effizient arbeitet. Sorry! Letztlich ist es doch immer das Gleiche mit den Liberalen: Erst werden sie von der Geschichte überrollt, und danach muss man sich ihr Gejammer anhören. Mein Freund Peter Sloterdijk hat ja diese Idee, dass die EU wie die Schweiz werden soll. Also ein passiver Beobachter der Kriege, die um sie herum toben. Aber das kann sich die EU nicht erlauben, weil sie selbst angegriffen wird. Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch mir gefällt Ihr Land. Ich finde es toll, dass keiner weiss, wer genau es regiert, und dass es trotzdem ganz leidlich funktioniert.
Aber?
Aber ein Vorbild für Europa ist es deswegen nicht. Den Kopf einziehen und hoffen, dass der Unbill vorbeizieht: Das wird nicht klappen. Die künstliche Intelligenz, von der wir jetzt die ganze Zeit geredet haben, ist ja nicht nur eine individuelle, sondern auch eine geopolitische Gefahr. Denn selbstverständlich arbeiten unsere Gegner daran, die Öffentlichkeit Europas mit KI zu sabotieren. Dass wir uns dagegen wehren und letztlich überleben können, ist auch philosophisch entscheidend.
Wie meinen Sie das?
Die Aufklärung ist eine zutiefst europäische Idee. «Ich denke, also bin ich» – das ist ein genuin europäischer Satz. Europas Philosophie unterscheidet sich fundamental von jener der anderen Kontinente. Nur in Europa wurde das Denken vollständig von mystischen und biologischen Beschränkungen befreit. Deshalb bleibe ich cartesianisch, hegelianisch, europäisch.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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