Vom DDR-Frauenknast in den Gropius Bau: Der späte Ruhm der Gabriele Stötzer

Ihr Weg sei Unverschämtheit, über Grenzen gehen. „Ich wollte Sachen immer von innen wissen, reinkriechen, begreifen, was dahinter ist.“ So beschreibt sich Gabriele Stötzer in ihrer „Lokalbestimmung“, einem Text von 1977. Man liest es am Entree zur Ausstellung „Dabei sein und nicht schweigen“ im Berliner Gropius Bau. Es ist der Ort ihrer ersten großen „musealen“ Schau im vor 36 Jahren wieder vereinten Deutschland.
Die Filme, Fotos, Zeichnungen der aus Gotha stammenden Erfurterin entstanden in den späten 1970er- und 1980er-Jahren bis zum Mauerfall; die Zeit nach der U-Haft und dem Knast im berüchtigten DDR-Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg, dereinst königlich-sächsisches Weiberzuchthaus.
Hungerstreik im StasiknastStötzer war 1976 von der Pädagogischen Hochschule exmatrikuliert worden, weil sie sich mit einem Kommilitonen solidarisiert hatte, der Redefreiheit forderte. Und sie hatte den Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterschrieben. Prompt wurde sie verhaftet, verweigerte Nahrung, wurde zwangsernährt, wegen „Staatsverleugnung“ verurteilt und eingesperrt in dem burgähnlichen Kasten.
Gabriele Stötzer: „Die unbotmäßige Frau“, 2022 (Ausschnitt)
© © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Da war sie gerade mal 23. Der Name „Hoheneckerinnen“ galt in der DDR als Synonym für die aus politischen Gründen inhaftierten Frauen. Von 24.000 Insassinnen waren 8000 „Politische“. Es gab Zellen für Isolationshaft und Dunkelhaft. Heute ist der düstere Ort eine Gedenkstätte. Unter den extremen Haftbedingungen wurde die Punkerin zur Künstlerin. „Im Knast habe ich all das über Frauen gelernt, was meine Mutter mir nicht erzählt hat“, sagt sie im Gespräch beim ersten Rundgang durch ihre Schau. „Dort gab es alles, was es in der DDR angeblich nicht gab, was nicht sein durfte, auch Mörderinnen.“
Das ganze menschliche Sammelsurium hat sie da bei den Frauen erlebt, alle Abgründe, alle Exzesse. Ebenso Solidarität, Freundschaft, Hoffnung. Aber auch Arbeit in Schichten (Strumpfhosenproduktion), 20 Frauen in der Zelle. Nie allein, immer kontrolliert: „Da gab es keine Schamgrenze mehr.“ Mit einigen Frauen begann sie Kreatives: kleine Texte dichten, zeichnen.
Gabriele Stötzer: „Die Auslöschung eines Blicks – Ich trage meine Wunden heute offen“, 1983
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026/Foto: Heike Stephan
1000 Quadratmeter der Säle überm Erdgeschoss bespielt sie, direkt über „Balkan Erotic Epics“ der weltberühmten Marina Abramovic. Die inzwischen weißhaarige Widerspenstige aus dem Osten kommt erst spät zu größerem Ruhm: Im Oktober wird man ihr in der Kaiserpfalz den undotierten, aber prestigeträchtigen Goslarer Kaiserring anstecken und damit Respekt zollen für ihre weiblichen Körperbilder gegen politischen Machtmissbrauch. Für ein mutiges, visionäres, feministisches Lebenswerk, das gesellschaftliche, politische Strukturen, also auch das Frauenbild, unverblümt hinterfragt.
„Im Untergrund, da lacht ganz laut der Muttermund“Bislang liefen Biennalen oder Documenta ohne sie. Sie lebt, macht und tut viel für die Kunst in Thüringen. Eine Frau, die an der betonierten Ideologie in der DDR, den zerstörten Utopien von einer besseren Gesellschaft gelitten hat, aber nie daran dachte, in den Westen zu gehen. Sie hätte sich aus dem Knast „rauskaufen“ lassen können. „Da war ich stur wie ein Esel; ich wollte bleiben!“ Trotz allem. Auch wenn sie nicht mehr glaubte, was der „reale Sozialismus“ versprochen hatte. Auch nicht mehr an eine Reformierbarkeit.
Der erste Raum im Gropius Bau ist verdunkelt, die Super-8-Film-Fetzen sind meist körniges Schwarz-Weiß, nur einige in Farbe. Es sind allesamt Körperaktionen, performative Rollenspiele und surreale Sequenzen: ekstatische Tänze von nackten oder schrill kostümierten Frauen, nackten jungen Männern. Dann, krass, flimmert von der Leinwand eine weibliche Masturbationsszene. Und zwei Schritte weg ein tabuloses Filmstück mit dem boshaften Titel „Im Untergrund, da lacht ganz laut der Muttermund“.
Man muss an Courbets geniales Skandalgemälde „Ursprung der Welt“ von 1866 denken. Nur filmte Stötzer nicht das idealisierte Körperteil, sondern eine provokant zuckende Paraphrase des vom Franzosen so kulinarisch gemalten Schoßes. Stötzers Kameraauge erfasste nicht die totale Hingabe für das zu empfangende und auszutragende „Wunder des Lebens“, sondern radikales weibliches Lustbegehren.
Gabriele Stötzer: „Hüpstedt“, 1981
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026/Ralf Klement
Nach der Haft wurde der weibliche Körper zu ihrem zentralen Thema. Das Schreiben und die Kunst halfen, sich nicht als Opfer zu fühlen. Sie hat es nachgestellt auf Super 8: Auf der Museumsleinwand läuft ein Stummfilm. Da sieht man, wie sie in einem kahlen Raum ein Weißbrot aushöhlt und aus dem gebackenen Teig krude Figürchen formt. In der Zeit nach Hoheneck drehte sie ohne Tonspur: „Erst bei Vorführungen im Atelier, in Privaträumen und alternativen Kinos hab ich dazu gesprochene Texte, Laute und Musik von Kassetten abgespielt oder live improvisiert“, erzählt sie. Körperkunst im wahren Sinne des Wortes.
Die heute 73-Jährige kommt einem nahe als „verkörpertes Andersdenken“. Subversive Dokfilme wie „Stolpern, bitte“ oder „Zelle 5“ erzählen von Repressalien, Verzweiflung und von Widerstand. „Die Kunst war mein Überlebenselixier“, sagt sie. „Um die Haft zu überstehen, musst du Hoffnung zulassen, Freundschaft, Solidarität. Du musst teilen können, dich einfügen, aber auch ohne Angst Haltung zeigen.“
In angrenzenden Sälen, deren Bildwucht sie mit „Meine Schmierereien“ überschreibt, sehen wir expressive Farbbilder auf Papier, Künstlerbücher, von der Decke baumelnde Banner, bemalt mit Alpha-Tieren und unartigen Frauen. Lesbar als Verweise auf männliches Gebaren, und nicht nur auf die Repressionen der staatlichen Organe, sondern auch auf dominante Strukturen selbst in den subversiven Gruppen zur DDR-Zeit. „Wo Frauen“, so Stötzer, „eher als Musen gesehen wurden“.
Das kratzt freilich am Lack der Geschichtsschreibung. Weil es geschehen konnte, dass der vermeintliche Dissident Sascha Anderson der Stasi aus der Untergrundszene so eifrig und mit Vorliebe über weibliche Vertraute Bericht erstattete. Auch über Stötzer und ihren Text über den Frauenknast. Den sollte sie, hatte ihr Christa Wolf dringend geraten, keinem zeigen!
Gabriele Stötzer: „Mumie“, 1984/2025
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ein ganzer Saal der Schau erzählt von Stötzers Arbeit mit ihrer Erfurter Frauengruppe, den Aktionen für Gleichstellung, aber immer im Verbund mit den Männern, nie gegen sie. Der weibliche Körper ist in diesen Arbeiten nicht Objekt, sondern Schauplatz von Widerstand und Selbstbehauptung, von untergründigem Humor und klarer Ansage. „Wir wollten in die Öffentlichkeit, uns nicht verstecken“, betont sie. Eine Zeit lang leitete sie eine private Erfurter Galerie, die wurde 1981 verboten. „Ich umschiffte damals in einem Wechselbad von Vorsicht und Wagnis den ‚Asozialen-Paragrafen‘“, erzählt sie. Ein Verstoß hätte wieder Knast bedeutet. Erst nach dem Mauerfall, in dem von ihr mitgegründeten Kunsthaus Erfurt, war Schluss mit Lavieren und Taktieren.
Schon 1983 entstand die nun ausgebreitete Serie „Die Wunden der Frauen“. Sie habe nach ihrem Text „Dabei sein und nicht schweigen“ fotografiert, immer mit der Frage: „Warum schweigen Frauen schon seit Jahrhunderten?“ Sie malte sich ein Vagina-Symbol auf die Stirn, zog eine Linie übers Gesicht bis zum Hals. „Das Berühren des eigenen Körpers wurde dann auch in der Arbeit mit anderen Frauen wichtig. Als Objekt ihrer eigenen Kunst.“ So entstanden die Tableaus von verschnürten Frauenmündern und Körpern. Als ureigenster Ausdruck für Druck und Freiheitswille, aber aus etwas anderen politischen Zwängen entstanden als die feministische, kunstmarktkritische Body-Art von Carolee Schneemann, Valie Export oder Rebecca Horn in der westlichen Kunst.
Gabriele Stötzer im Berliner Gropius Bau vor ihrem Relief-Wandbild „Undine kommt“, 2026
© Jens Kalaene/dpa
Als 2022 der Krieg Russlands gegen die Ukraine begann, knüpfte Gabriele Stötzer aus gefärbter Schafwolle Riesinnen zu Reliefs: „Frauenkraft“ und „Unbotmäßige“. Als der Krieg im Nahen Osten anfing, kam ein Wollrelief hinzu, mit dem sie sich auf Ingeborg Bachmanns Buch „Undine geht“, 1961, bezieht: Die Urfrau verlässt die Welt der kriegerischen Männer. Stötzer hofft: „Die weibliche Urkraft muss wiederkommen!“ An einer Saalwand im Gropius Bau hängt nun ihre furiose Arbeit „Undine kommt“. Kein Fazit. Nur Selbstvergewisserung.
Dabei sein und nicht schweigen. Gropius Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7. Kuratorin: Julia Grosse. Bis 6. Dezember, Mo, Mi, Do, Fr 12–20/Sa+So 10–20 Uhr.
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