Vorsicht, bissiges Schwein! Elfriede Jelinek lässt die Tiere auf den Kapitalismus los

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek lässt in ihrem neuen Buch Tiere über das menschliche Wirtschaftssystem nachdenken. Das ist verspielt, aber auch sehr böse.

Aus der Distanz betrachtet, erscheint der Mensch als reichlich seltsame Spezies. Vor allem jene Unterart des Homo sapiens, die Kapitalist genannt wird. Der ausschliessliche Lebensinhalt dieses Lebewesens ist es, aus nichts Geld zu schaffen, um mit dem solcherart entstandenen Geld noch mehr Geld herzustellen. Auch die Tierwelt um sich herum nimmt diese Menschenart nur unter dem Aspekt ihrer konsumtechnischen Verwertbarkeit wahr: das Schwein als wandelndes Steak auf vier Beinen, den Fuchs als räuberischen Nutzniesser der eingestallten Hühnerbestände und den Maulwurf als Hindernis für seinen Golfball. Was die Tiere von dieser Perspektive halten, hat bisher niemanden sonderlich interessiert.
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Niemanden ausser Elfriede Jelinek. Die Wiener Autorin und Literaturnobelpreisträgerin, die dieses Jahr am 20. Oktober ihren 80. Geburtstag feiern darf, hat ihre Gegenwart schon immer mit literarischen Mitteln seziert – und genauso oft auch mit schonungslosen Worten gegen diese angeschrieben. Ob es sich dabei um das Recht des Mannes auf ehelichen Beischlaf handelte (im Roman «Lust»), das Verhältnis einer Tochter zu ihrer Mutter («Die Klavierspielerin») oder unlängst um Donald Trump (in «Monster’s Paradise», dem gemeinsam mit der Komponistin Olga Neuwirth verfassten Musiktheater, das im März 2026 auch am Zürcher Opernhaus aufgeführt wurde).
In ihrem neuen Buch nimmt sich Elfriede Jelinek nun das Phänomen des Kapitalismus vor und denkt aus der Sicht der Tierwelt darüber nach. Von der Taube über die Kuh, die Ratte, das Lamm und den Wolf bis hin zum Känguru und zum toten Hund Petya aus der Stadt Tschernobyl tauchen sie als Reigen auf, all diese tierischen Erzähler, oder genauer: all diese tierischen Nachdenker.
Denn keines der Tiere erzählt eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende, stattdessen denken sie alle über die Gegenwart nach. Über die Anfänge des Kapitalismus – und vor allem dessen Auswüchse – und nicht zuletzt auch über ihre eigene Rolle, die ihnen dieses System zuschreibt. Im Fall des Schweines tönt das dann so: «In der Jugend kann man, Sie sehen es ja an mir, überall zunehmen, und das war bei mir ja auch erwünscht. (. . .) Hauptsache, ich habe ordentlich zugelegt, damit Sie ordentlich zulangen können, das erfreut die lieben Menschen. Mein Bauch war mein Leben und ist mein Tod.»

So wie das Schwein über seinen Bauchspeck, die tierquälerische Stallhaltung und die Tötung mit dem Bolzen in die Stirn nachdenkt, denkt der Hase über das Wesen des Bankberaters und das Phänomen des Kreditwesens nach. Die Kuh wiederum sinniert ihrerseits darüber, dass sie und ihre Nachkommen die eigene Lebenszeit nicht als Tiere verbringen, sondern vielmehr als Ware, die – entsprechend mit Markenclips in den Ohren gekennzeichnet – auf ein bestimmtes Datum hin ihr volles Marktpotenzial erreicht haben muss.
Eine solche Versammlung von Tieren hat es seit der Arche Noah und seit Orwells «Animal Farm» nicht mehr gegeben. Anhand ihrer Stimmen und Gedanken entspinnt Elfriede Jelinek einen Text, der kein Roman ist, denn der erzählerische Faden fehlt ihm. Ist er also ein Theaterstück? Der Prolog am Anfang und der «Auftritt» der Tiere legen es nahe – genauso wie die geplante Uraufführung an den diesjährigen Salzburger Festspielen. Doch die Dichte des Textes ist für ein Drama ungewöhnlich hoch. Der Text breitet sich anhand von Reimen, Wortspielen, literarischen Zitaten von Hofmannsthal über Rilke und Goethe bis zu Schuberts «Winterreise» geradezu organisch aus, auch hinsichtlich seiner Form. Als wäre er eine Flechte, die einmal mehr in die eine Richtung wächst, dann wieder in die andere und dabei umschlingt, was immer ihr begegnet.
Grosse Menschheitsfragen werden hier ungerührt in Nebensätzen abgehandelt. Vom Leben nach dem Tod («anders als öffentlich behauptet, funktioniert das nicht») bis zum Sohn Gottes («der sowieso immer zu spät kommt, um noch etwas zu retten»). Auch vor Billigkleiderproduktion, Klarna, Tiermehl («das freundliche, folgsame Schaf in Pulverform») und der Schweiz macht die Autorin nicht halt.
So entspinnt sich Abschnitt für Abschnitt, Tier für Tier, Thema für Thema ein lustvoll spielerisches, aber dabei auch sehr böses Buch. Es ist ein Buch, das sich streckenweise in seiner schieren animalischen Vielfalt verliert, etwa wenn beliebige Tiere über das Bankwesen nachdenken, und umgekehrt immer dann am stärksten ist, wenn das jeweilige Tier über seine eigene Lebenswelt angesichts des Kapitalismus nachdenken darf. Dann erlaubt Jelineks tierischer Reigen der Leserin, die heutige Welt für einmal mit den Augen eines Maulwurfs oder einer Kuh zu sehen.
Elfriede Jelinek: Unter Tieren. Rowohlt 2026. 215 Seiten.
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