Schwedisches Romandebüt: Ist Heimat ein Ort oder ein Gefühl?

Die Schwedin Sanna Samuelsson sucht nach ihrer verlorenen Kindheit auf dem Bauernhof, der kein Bullerbü ist. Ihr Debütroman ist poetisch und derb zugleich.

Harvey Meston / Archive Photos / / Getty Images
Nach dem Beziehungs-Aus mit ihrer Freundin Diana steigt Ellen in ihr Auto, fährt aus der Stadt und kehrt auf den Bauernhof zurück, auf dem sie aufgewachsen ist. Dort nistet sie sich für einige Tage ein, obwohl das Haus seit Jahren einer anderen Familie gehört. Die neuen Besitzer sind verreist. Der Schlüssel ist unter dem Blumentopf vor der Haustür versteckt. So wie früher bei Ellens Familie auch. Die Dreissigjährige verschafft sich Zutritt, bedient sich in der Küche am fast leeren Kühlschrank und legt sich in ihrem alten Kinderzimmer ins Bett.
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Vieles hat sich verändert in dem Haus, das einst ein Bauernhof war. Kühe gibt es auf dem Grundstück schon lange nicht mehr. Geblieben sind einzig die Spuren aus der Kindheit, die nie ganz verschwunden sind: Löcher in der Wand, die man vergeblich mit mehreren Schichten Farbe zu überdecken versucht hat. Oder ein Glas eingemachter Spargeln im Keller, das, so glaubt Ellen, noch von ihrer Mutter stammt und dort seit Jahren vor sich hin gammelt. Ellen isst die Spargeln trotzdem.

Sanna Samuelssons Debütroman «Melken» erzählt von einer tiefen Sehnsucht nach einer heilen Welt, ohne dabei in Nostalgie zu versinken. Der Hof der Familie war kein Bullerbü. Im Gegenteil: Der Bauernalltag bedeutete harte Arbeit und ständigen finanziellen Überlebenskampf. Bis es irgendwann nicht mehr weiterging und das Zuhause samt Kühen und Melkmaschinen verkauft werden musste.
Das Buch ist eine Reflexion über die Kindheit auf dem Bauernhof. Über Andersartigkeit gegenüber Stadtkindern, über Scham und den Wunsch nach Zugehörigkeit. Die Sprache ist stellenweise poetisch, dann wieder direkt und derb. Wer auf einen grossen Plot hofft, wartet vergebens. Auf den knapp 160 Seiten passiert nicht viel. Darin liegt die Kraft der Erzählung.
Sanna Samuelsson: Melken. Übersetzt v. Stefan Pluschkat. Hanser 2026. 160 S.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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