Bachmann-Preis | Salami gegen Marmelade
Ingeborg Bachmann, die vor 100 Jahren in Klagenfurt geboren wurde, gilt völlig zu Recht als die vielleicht wichtigste deutschsprachige Schriftstellerin im 20. Jahrhundert – in ihrer Welt war sie aber auch, neben Ilse Aichinger, die einzige Frau. Denn die Gruppe 47 prägten Männer: Heinrich Böll, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und nicht zuletzt Peter Handke, der dieser Herrenrunde 1966 »Beschreibungsimpotenz« vorwarf. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet: In dem nach Ingeborg Bachmann benannten Klagenfurter Literaturwettbewerb, der sich im Prozedere an den Treffen der Gruppe 47 orientiert und dieses Jahr zum 50. Mal stattfand, wurden diesmal lediglich vier Autoren nominiert, gegenüber zehn Autorinnen. Und im Klagenfurter Literaturkurs, wenn man so will, der Kaderschmiede des Literaturbetriebs, die nach einem Jahr Pause wieder am Rande des »Bewerbs« im Robert-Musil-Institut veranstaltet wurde, waren gar keine männlichen Nachwuchsautoren eingeladen, zumindest keine cis Männer.
Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur ging es in diesem Jahr wieder sehr divers zu. Zu hören waren bei den Lesungen immer wieder und wie selbstverständlich Worte und Sätze auf Türkisch, Russisch, Ungarisch und natürlich Englisch; viel Beziehung, viel Krankheit und viel Körper. Noch nie wurde beim Bachmann-Wettbewerb so viel gesungen. Slata Roschal verließ nach der Lesung demonstrativ den Raum, d.h. vor der Jurydiskussion, was die Chancen auf einen Preis nicht unbedingt erhöht haben dürfte. Und Gesche Heumann trug den bislang wohl kürzesten Text vor: zwei Seiten.
Um es kurz zu machen: Lena Schätte, die neue Bachmann-Preisträgerin aus dem Ruhrgebiet, überstrahlte alle! Wie schon in ihrem Roman »Das Schwarz an den Händen meines Vaters« (S. Fischer Verlag), der im vergangenen Jahr auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand, lebt auch ihr Siegestext »Was wir tragen« davon, dass Schätte in ihrem Leben Erfahrungen sammeln musste, die manch andere Literaten allenfalls vom Hörensagen kennen. Ihre Coming-of-Age spielt im prekären Milieu: die Freundschaft zweier übergewichtiger Mädchen, die sich in der Unterrichtspause in der Schultoilette verstecken, ihre Brote in der Kabine essen. »Auf dem Klodeckel sitzend, wo die Blicke nicht auf unseren kauenden Mündern ruhen. Eine von uns macht Musik auf dem Handy an, und wir tauschen unter der Trennwand Salami gegen Marmelade. Manchmal singen wir ein bisschen mit oder lesen uns gegenseitig unsere Horoskope vor.« Beide stehen einander bei, vor den Mobbern in der Schule. »Ich habe gelernt, lustig zu sein und besonders klug, damit sie mir meinen Körper verzeihen … ich mache die Dickenwitze, bevor sie es tun.«
Ostdeutsch ist nicht divers.
Gewalt erfährt die Erzählerin nicht nur von den Mitschülern. »Man darf einen Hund nicht schlagen«, sagt die alleinerziehende Mutter. »Dann denkt er, der Mensch ist böse.« Und nur zwei Zeilen weiter: »Wenn sie mich schlägt, rollt sie eine Zeitung zusammen, zieht einen Hausschuh aus oder greift nach dem, was sonst so herumliegt. Sie treibt mich durch die Wohnung, von Zimmer zu Zimmer, und ich verstehe früh, dass es eben so lange dauert wie es dauert.« Es gebe Tage, an denen die Mutter morgens von der Nachtschicht kommt und sich einen Grund für die Prügel sucht: »Aus dir wird mal ein fettes Fabrikweib«, schreit sie dann. »Ich stelle es mir vor, während ich stillhalte (…) Wenn sie mich geschlagen hat, darf ich essen, was ich will. Sie backt Pfannkuchen, und wir schmieren dick Nutella drauf …« Die Mutter hasst den Körper der Tochter, weil ihr eigener ein Leben lang wehgetan hat.
Die Jury zeigte sich beeindruckt von der Brutalität im Text, die mit großer Zärtlichkeit erzählt wird. Thomas Strässle sprach von einer unglaublich existenziellen Wucht, die hinter jedem Wort stehe. »Die Einfachheit und Schlichtheit, mit der hier eine ganz schwierige Thematik verhandelt wird und das nicht in einem anklagenden Tonfall, das finde ich wunderbar.« Zum Preisgeld von 30 000 Euro kommen noch 7000 Euro für den BKS-Publikumspreis und 3000 Euro für den Preis der Festivalschreiberin beim Carinthischen Sommer 2027.
Die Ungarin Kinga Toth bekam für »OstblockMädl« – unter Tränen – den KELAG-Preis (15 000 Euro). Der mit 12 500 Euro dotierte Deutschlandfunkpreis ging an Ozan Zakariya Keskinkilic aus Berlin für »Vater ohne Sohn« – vielleicht auch für den schönsten Aphorismus: »Es gibt nur zwei Wahrheiten auf der Welt, denke ich. Du wirst geboren und du stirbst. Alles dazwischen ist Interpretation.« Und nicht zu vergessen Magdalena Schrefel. Die in Berlin lebende Österreicherin wurde für »Kirschen, Herz mit Verband« mit dem 3sat-Preis (7500 Euro) ausgezeichnet – eine berührende Prosageschichte: Die Ich-Erzählerin überlegt, wie sie Familie und Freunden sagen kann, dass sie Brustkrebs hat.
Tatsächlich gab es heuer in Klagenfurt noch einen weiteren guten Text: Helga Schuberts »Rede zur Literatur« bei der Eröffnung: »Mein Gedächtnis ist unmenschlich. An alles habe ich denken müssen, an jeden Verrat und jede Niedrigkeit« – ein Bachmann-Zitat, das der Rednerin aus dem Herzen sprach. Die heute 86-jährige Preisträgerin des Jahres 2020 war in ihrem Leben zweimal für den, wie man hier sagt, »Bewerb« nominiert. Beim ersten Mal allerdings waren es die Kollegen in der DDR, die ihre Teilnahme verhinderten. Ein Vorgang, der festgehalten ist in der entsprechenden MfS-Akte: »Am 3. 4. 1980 stellte die Schriftstellerin Helga Schubert in der Auslandsabteilung des Schriftstellerverbandes der DDR einen Antrag auf eine Reise nach Österreich in der Zeit vom 27. 6. bis 1. 7. 1980. Als Reisegrund gab die Schubert an, aus Österreich eine Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt im genannten Zeitraum erhalten zu haben.« Durch den Auslandssekretär des Schriftstellerverbandes der DDR sei der Schubert mitgeteilt worden, dass es einen Sekretariatsbeschluss gebe, wonach sich keine DDR-Schriftsteller an diesem Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb beteiligen, weil dieser zur »Manipulierung von DDR-Autoren« benutzt werde.
Offensichtlich sei das keine österreichische Veranstaltung, sondern ein »Unternehmen der BRD«, was durch den Jury-Vorsitzenden Marcel Reich-Ranicki zum Ausdruck käme. Von österreichischer Seite seien daher auch keine diplomatischen Proteste zu erwarten. Weiter heißt es in dem Bericht, durch den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb würde das derzeitig von feindlichen Kräften betriebene Weiterbestehen einer einheitlichen deutschsprachigen Literatur hochgespielt – ein Problem, das heute nicht mehr besteht. Denn mittlerweile werden ostdeutsche Autorinnen und Autoren nach Klagenfurt nur noch höchst selten und in diesem Jahr gar nicht eingeladen. Ostdeutsch ist nicht divers. Lediglich am zweiten Lesetag tauchte ein Ossi auf, als Protagonist der Bonner Autorin Caroline Rosales. Sie schrieb über Kevin, einen Sexarbeiter und Pornodarsteller aus Chemnitz, der zufällig kein Nazi geworden ist. – Klaus Kastberger, der Jury-Vorsitzende, zeigte sich sehr angetan: »Super Text! Lustig!«
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