Uwe Boll zu seinem neuen Skandalfilm: «Ich kann nicht kontrollieren, wer mich gut findet»

Elon Musk veröffentlichte «Citizen Vigilante» gratis auf X, nachdem dem Thriller Hass vorgeworfen worden war. Ist der Rächerfilm über migrantische Gewalt tatsächlich unzumutbar?

Der Kurznachrichtendienst X ist neuerdings auch ein Streamingportal, zumindest für zwei Tage. Bis zum Samstag hat der Besitzer Elon Musk den Film «Citizen Vigilante» in voller Länge in einem geteilten Tweet zur Verfügung gestellt. Nicht als Raubkopie, sondern mit ausdrücklicher Zustimmung des Regisseurs: Uwe Boll hatte den Neobillionär per Videobotschaft um Unterstützung für seinen Film über einen Mann, der die Opfer von migrantischer Gewalt rächen will, gebeten – und erhielt sie.
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Zuvor hatte die deutsche Kontrollinstanz FSK dem Actionfilm keine ihrer Alterskennzeichnungen (von 0 bis 18 Jahren) erteilt. Das heisst: Der Film gilt automatisch als nur für Erwachsene geeignet, kaum ein Kino nimmt ihn deshalb praktisch in sein reguläres Programm auf, bei den Streamingdiensten in Deutschland ist er nicht verfügbar. Das ist kein Verbot, wie es im Netz vielfach heisst. Aber ein Unsichtbarmachen, das nun unerwartet zum Bumerang wird.
Der Streisand-EffektDie Begründung der FSK für die zweimalige Verweigerung: Zu krasse Gewaltdarstellungen; zudem könnte der Film zur Gewalt gegen Migranten aufstacheln. Diesen Vorwurf hatte kürzlich das ZDF nach den Krawallen von Belfast an Elon Musk gerichtet – und musste danach eine Unterlassungserklärung unterzeichnen. In anderen Ländern wie der Schweiz ist der Film etwa auf Apple legal verfügbar, in den USA und Kanada startete er sogar in den Kinos.
Ist der Entscheid der FSK also das Beste, was dem Regisseur passieren konnte? Indirekt schon, sagt Uwe Boll am Telefon, aber man dürfe nicht Presserummel und effektive Verkaufszahlen verwechseln: «Finanziell schädigt mich die fehlende FSK-Freigabe enorm, aber die Aufmerksamkeit ist mega. Und natürlich ist mein deutscher Vertrieb sauer, dass wir den Film gratis auf X haben laufen lassen. Aber die Werbung auf X war so gross, dass dadurch am Schluss grössere Einnahmen zustande kommen als ohne den Elon-Musk-Push.»

So viel Aufmerksamkeit würde der Film niemals erhalten, hätte ihn das Gremium mit einer Freigabe einfach durchgewinkt. Ein Musterbeispiel des Streisand-Effekts, bei dem der Versuch, etwas zu unterdrücken, erst recht öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt. Boll hofft dennoch auf ein positives Ergebnis der nächsten FSK-Sitzung in zwei Wochen, er will seinen Film in die Kinos bringen.
Das fein ziselierte Besteck ist nicht das filmische Werkzeug des 61-Jährigen, eher der Holzhammer. Mit seiner unverblümten Art sticht der promovierte Literaturwissenschafter aus einem oft erstaunlich homogenen Kulturbetrieb heraus. International bekannt wurde der gebürtige Nordrhein-Westfale Anfang der nuller Jahre mit Adaptionen von Videospielen wie «Alone in the Dark», «BloodRayne», «Far Cry» oder «Postal».
Die smart finanzierten Billigproduktionen wurden von der Kritik regelmässig zerfetzt, errangen aber gerade deshalb einen gewissen Kultstatus bei einigen. Andere arbeiteten sich hingegen geradezu manisch an Boll und seinem Werk ab, er wurde wahlweise zum «schlechtesten» oder «meistgehassten» Regisseur der Welt erkoren.
Auch die Besetzung der Hauptrolle seines neuen Films wirkt auf viele wie blanke Provokation. Armie Hammer, der 2019 in «Call me by your Name» an der Seite des Oscar-nominierten Timothée Chalamet glänzte, ist in Hollywood absolut Persona non grata, nachdem ihm mehrere Frauen sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung vorgeworfen hatten. Anklage wurde mangels Beweisen keine erhoben.
Für Boll ist Sanders kein Held«Citizen Vigilante» beginnt mit einer Mutter, der auf dem Heimweg vom Einkauf vor den Augen ihres kleinen Sohnes unvermittelt eine Machete in den Hals gerammt wird. Der Täter ist ein dunkelhäutiger Mann, das mediale Entsetzen über die Tat, die ja tatsächlich nicht weit weg ist von Ereignissen in der Realität, hoch.
Dann tritt Sanders auf, der titelgebende Rachebürger. Ein ehemaliger amerikanischer Soldat mit Vaterkomplex, teils Immobilienmogul, teils selbstgerechter Moralapostel. Zunächst mordet er nicht, sondern belehrt aus Langeweile schwarzfahrende Teenager im Bus, dass ihre Entscheidungen immer Konsequenzen hätten. Der Lerneffekt bleibt überschaubar. Doch die Videos, die Sanders mit seinen wirren Politreden ins Internet stellt, erreichen eine wachsende Fangemeinde.
Später mäht dieser «Dark Knight», wie der Film als Arbeitstitel hiess, eine unbeholfene Spezialeinheit nieder, die der Polizeipräsident auf die Jagd nach dem Rächer geschickt hat. In der wohl umstrittensten Szene richtet Sanders eine Migrantenfamilie hin, deren Sohn an einer Massenvergewaltigung beteiligt war, und die Mittäter gleich dazu.
Die Vergewaltigung selbst ist reisserisch inszeniert; dem Film liegt mehr am Effekt als an den Opfern, auch wenn er im Abspann den «Tausenden Opfern von Vergewaltigung und Mord, die vom Rechtssystem betrogen wurden» gewidmet ist.
Das Ganze spielt, ja wo eigentlich? Pauschal in «Europa», wie anfangs eingeblendet wird. Ob das England, Schweden, Italien oder Albanien sein könnte, scheint völlig egal – auch wenn die Migrationssysteme, Erfahrungen und Probleme in diesen Ländern komplett unterschiedlich sind. Gedreht wurde in Kroatien, was an den Beschriftungen der Polizeiautos auch erkennbar ist.
Boll selbst sieht «Citizen Vigilante» in der Tradition von Rächerfilmen wie «Death Wish» oder «Dirty Harry», für ihn ist Sanders kein Held. Fürchtet der Filmemacher dessen Selbstjustiz, oder wünscht er sie sich etwa heimlich? Schliesslich kanalisiert sein Film Wut und Frust – und bringt am Ende unverhohlen einen möglichen Bürgerkrieg ins Spiel. «Ich mache oft sehr gewalttätige Filme mit dem Motto: Wenn man es übertreibt, muss man sich nicht wundern, wenn die Lage eskaliert. Ich möchte eigentlich vor Situationen wie kürzlich in Belfast warnen», sagt Boll.
«Mir ist scheissegal, wo die Leute herkommen»Handwerklich ist der Film von der grobschlächtigen Bauart der B-Movies: repetitive Einstellungen, konfuse Schnitte, erzählerische Leerläufe, fehlende Charakterentwicklung. Dabei kommt alles weitaus weniger spektakulär daher, als der Hype vermuten lässt. Die Befürchtung eines Bürgerkriegs wegen der Migration muss man nicht teilen; verbieten zu lassen braucht man sie jedoch auch nicht.
Gerade weil Boll auf Zwischentöne verzichtet, wird sein wenig subtiler Film zur leichten Projektionsfläche. Kritiker sehen darin eine gefährliche Legitimation von Selbstjustiz, die rechte Szene auf X feiert ihn als längst überfälligen Befreiungsschlag: endlich ein migrationskritischer Film.
Mit Letzterer teilt der Regisseur die Ansicht, dass die Migrationspolitik in Deutschland völlig gescheitert sei. Man fasse Kriminelle mit Samthandschuhen an, er nennt es eine Lose-lose-Situation für alle Beteiligten: «Mir ist scheissegal, wo die Leute herkommen. Aber wer mit der Axt durch die Innenstadt läuft, wer Scharia-Law predigt, der muss am nächsten Tag Deutschland verlassen.»
Trotzdem verwahrt sich Boll gegen politische Vereinnahmungen: «Ich kann ja nicht kontrollieren, wer mich gut findet. In meinem Film ‹Rampage› von 2009 ist die Gewalt deutlich zynischer und härter – und das war ein linkes Werk, das auch von Linken gefeiert wurde.» Er selbst, als früherer SPD-Wähler, fühle sich inzwischen politisch heimatlos.
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