Rentenkommission | Zum sinnenfrohen Realitätsverlust
Nun liegt ein umfassender Vorschlag auf dem Tisch. 33 Punkte enthält die – viel kritisierte – Empfehlung der Rentenkommission. Die amtierende Bundesregierung weiß schon, wie sie mit dem Vorstoß umzugehen denkt: freundlich nicken, rasch ausnahmslos alles umsetzen und dem Wahlvolk bei Zweifel gut zureden. In einem kaum gekannten Ausmaß zeigen sich die durchaus verwechselbaren Regierungsparteien SPD und CDU öffentlich in Einigkeit. Überschwänglich wird gelobt, was dann der arbeitsame Bürger, die arbeitsame Bürgerin bezahlen müssen.
Ein »Gesamtkunstwerk« nennt Arbeitsministerin Bas die Empfehlung der Kommission; auch Bundeskanzler Merz resümiert: ein »Gesamtkunstwerk«. Da sprechen zwei mit einer Zunge. Oder wie der Volksmund sagt: zwei kluge Köpfe – ein Gedanke.
Das schmutzige politische Geschäft, dieses einmalige Spektakel, wird oft mit Worten aus der Welt des Theaters belegt. Da ereignet sich das ganz große Drama, mitunter auch eine Tragödie. Farcen werden veranstaltet. Schmierentheater wird gegeben. Und die aktuellen Wahlumfragen sehen schwer nach Trauerspiel aus. Aber was war noch gleich ein Gesamtkunstwerk?
Es beginnt mit der Deutschen und ihres selbsterklärten Führers Lieblingskomponisten. Richard Wagner hat den zuvor schon gelegentlich auftauchenden Begriff für seine Vorstellungen von einem neuen Musiktheater gebraucht. Die darstellende Kunst im Zeichen der völligen Entgrenzung.
Musik und Libretto, szenisches Geschehen und Bühnenausstattung sollen zu einem großen Ganzen verschmelzen. Es ist das Gegenteil dessen, was dem Kunstaufklärer Brecht mit seiner »Trennung der Elemente« vorschwebte. Wagners Dramen waren durchkomponiert. Nichts soll das Publikum aus der hübschen Illusion wecken. Das letzte Ziel dieser ästhetischen Agenda ist die Aufhebung auch der letzten Grenze: der zwischen Kunst und Realität.
Und so haben wohl die kulturbeflissenen politischen Würdenträger wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Unter den empathischen Klängen aus den Untiefen des Orchestergrabens verschwinden die unheilvollen Gedanken an das kleiner werdende Netto vom Brutto, an den späteren Renteneintritt und die Zockermentalität. Die Überwältigungsästhetik obsiegt, und die Vernunft kann einpacken.
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