Neulich in der Staatsoper: Was tut man, wenn jemand mit so einer Frisur vor einem sitzt?

Es war vor ein paar Tagen in der Staatsoper, wir hatten wirklich gute Plätze sehr weit vorn. Man kann immer noch das Pech haben, dass ein Sitzriese vor einem Platz nimmt. Doch mit dem, was dann passierte, hatte ich nicht gerechnet. Vor uns saßen drei junge Frauen, Freundinnen offenbar, denn sie flüsterten sich auch während der Vorstellung ständig ins Ohr. Das aber war nicht das Problem. Eine von ihnen, und es war leider die, die genau vor mir saß, hatte ihre Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Zu einem modischen Messy Bun, wie man heute sagt, bei dem die Haare locker zu einem Knoten zusammengebunden werden, der hinten oder – wie in diesem Fall – oben auf dem Kopf sitzt. Ich konnte es nicht fassen.
Ich überlegte, ob ich sie ansprechen sollte. Vielleicht hatte sie über die Sichtbehinderung, die ihre Frisur darstellte, einfach nicht nachgedacht. Aber wie macht man so etwas? Sollte ich ihr auf die Schulter tippen und sie bitten, ihr Haar herunterzulassen, wie der Prinz im Märchen von Rapunzel? Wäre das nicht übergriffig?
Kurz vor Beginn der Vorstellung fasste sich die Duttträgerin an den Hügel auf ihrem Kopf und ich fasste kurz Hoffnung, warf mir sogar vor, mich zu früh aufgeregt zu haben, da die Duttträgerin in Wahrheit doch eine rücksichtsvolle Person sei. Aber sie steckte sie nur eine lose Strähne in den Knoten. Dann verlosch das Licht im Zuschauerraum.
Immer auf der Suche nach einer SichtachseBeleuchtet war nun nur noch die Bühne, der Messy Bun wurde zum Scherenschnitt. Ich legte ein geistiges Lineal an den Haarknoten an: Es waren sieben Zentimeter. Ohne Übertreibung. Mindestens. Ich rutschte in der nächsten Stunde mal nach links, mal nach rechts, neigte meinen Kopf, versuchte, mich ganz gerade zu setzen, immer auf der Suche nach einer Sichtachse am Haaraufbau vorbei. Doch der Messy Bun war wie eine Mouches volantes, wie diese harmlosen Glaskörpertrübungen heißen, die einen Schatten auf die Netzhaut werfen, sodass ein schwarzer Fleck im Blickfeld herumschwimmt, den man einfach nicht loswird.
Was soll ich sagen, es war ein interessanter Theaterabend, gerade wegen der Frisur. Er konfrontierte mich mit allerlei Fragen. Etwa der, was man sich traut, wo die Grenzen verlaufen, die man nicht übertreten darf, wie man für sich einzutreten in der Lage ist oder eben auch nicht.
Ich konnte immerhin die halbe Vorstellung ohne Verrenkungen und Trübungen genießen. Nach der Pause tauschte die Duttträgerin den Platz mit einer ihrer Freundinnen.
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