Menschen, die übrig bleiben, wenn eine Stadt aufgewertet wird

Der österreichische Bestsellerautor Robert Seethaler schafft eine vielstimmige Erzählung voller Wärme.

David Levenson / Getty Images
Der Protagonist dieses Romans ist eine Strasse. Dabei handelt es sich nicht um eine elegante Allee, noch nicht einmal um eine belebte Flaniermeile mit kleinen Cafés, sondern um die schlichte, asphaltierte Verbindung von A nach B, von einem Gebäude zum nächsten – und die Menschen darin.
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Da ist etwa die tüchtige Frau Szavka mit ihrem Blumenladen, der Bewohner eines Altersheims oder der friedliche Obdachlose, der jeden Morgen von der Bäckerin einen Kaffee bekommt. Und einen neuen Mieter gibt es auch. Dieser karrt mit einem kleinen Handwagen 17 000 leicht vergilbte Bücher herbei, weil er in der Nummer 24 ein Antiquariat eröffnen will. So geht das tagein, tagaus in der Heidestrasse.
Bis eines Tages ein Stapel amtlicher Briefe für Entrüstung sorgt: Die Strasse soll aufgewertet werden. Die Mietparteien der Blöcke 25, 27 und 29 erhalten die Kündigung. Doch sie beschliessen, sich mithilfe eines Anwalts zu wehren. Der neue Roman des österreichischen Bestsellerautors Robert Seethaler handelt von einfachen Menschen. Das erkennt man an ihren Leben – und noch mehr an ihren Träumen, die wunderschön anfangen und zum Schluss auf ein schlichtes «Weitermachen wie bisher» zusammenschrumpfen.
Ihre Gespräche und Gedanken verwebt Seethaler zu einem vielstimmigen Geflecht, bei dem die Sprecherin oder der Sprecher oft nicht namentlich genannt werden. Dadurch entsteht der innere Monolog einer Strasse. Mal wispert dieser hinter zugezogenen Gardinen, mal kreist er durch den leeren Verkaufsraum des Antiquariats, oft geht er auch in Form eines Gesprächs im Treppenhaus oder in der Bäckerei hin und her. «Die Strasse» ist ein wunderbar warmes, trauriges und formal aussergewöhnliches Buch über das Verschwinden von Zeit und die Menschen, die dabei übrig bleiben.
Robert Seethaler: Die Strasse. Claassen 2026. 229 Seiten.
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