Armut und Genuss | Weingenuss im Prekariat: Nie mehr Schwarze Mädchentraube!
Der nächste Winter kann kommen. Und der nächste Lockdown auch. Beinahe stellt sich sogar ein zartes Gefühl von Vorfreude ein. Denn: Ich bin ausgestattet.
Mittlerweile sind es acht große Kartons in unserem kleinen Keller. Drei Kartons passten nicht mehr hinein, die sind neben dem Bett ordentlich aufeinandergestapelt: in jedem davon mindestens zwölf Flaschen Rotwein aus Apulien. Man muss ja jetzt Vorräte anlegen in Zeiten der permanenten Inflation. Allein der Blick auf die Etiketten der Weine hat eine beruhigende Wirkung: Appassimento, Riserva, San Marzano. Zwölf Literflaschen feinster Primitivo-Susumaniello für 58 Euro, einschließlich Versandkosten. Das reinste Manna.
Wenn in ein paar Monaten der Berliner Winter mit der »Russenpeitsche« zuschlägt – und ich in Emily Brontës »Sturmhöhe« vertieft bin, während meine über den Heizkörper reibenden Fußsohlen die Hitze aufnehmen –, lasse ich mir sozusagen die süditalienische Sonne direkt aus dem bauchigen Rotweinglas in den Mund fließen. Auch Leute wie du und ich haben das Recht, ihren Hedonismus auszuleben, wenn auch vorerst auf Sparflamme. 58 Euro für zwölf Liter süditalienischen »Chillout-Juice« (so heißt heute Rotwein unter jungen Leuten): Das sind mindestens drei Euro Ersparnis pro Flasche im Vergleich zum Kauf in einem der räuberischen Supermärkte. Neulich entdeckte ich den guten Aldi-Primitivo, von dem die Flasche mittlerweile unverschämte 8,99 Euro kostet, im Angebot eines Internet-Weindepots für 6,90 Euro. Keine Versandkosten! Beim Erwerb einer Zwölferkiste sind das sage und schreibe mehr als 25 Euro Ersparnis!
Das Erstaunliche ist: Je mehr Wein man im Internet kauft, desto mehr Geld spart man am Ende.
Das Erstaunliche ist: Je mehr Wein man im Internet kauft, desto mehr Geld spart man am Ende.
Zugegeben, ich habe nicht die Spur einer Ahnung von Wein. Ich verstehe davon etwa so viel wie Alexander Dobrindt von Moderner Literaturtheorie. Aber ich bilde mir ein, ich könnte heutzutage in nüchternem Zustand einigermaßen zielsicher einen Chianti Classico Riserva (trocken) von einer »Schwarzen Mädchentraube« (lieblich) aus Rumänien unterscheiden. Das genügt mir.
Dennoch, so bilde ich mir ein, sind meine Ansprüche gestiegen seit der Zeit meiner Spätpubertät: Damals wollte man nichts wissen von der Weinvielfalt des Erdballs und hatte weder die Zeit noch ein gesteigertes Interesse daran, tagelang den »Oxford Companion To Wine« zu studieren. Man war vollständig ausgelastet mit Hausaufgabenmachen, »Der Fänger im Roggen«-Lektüre, Sprücheklopfen, Freibad, Disco, Liebeskummer und dem Ausprobieren neuer Masturbationstechniken.
Man griff also im Supermarktregal schlicht nach der Dreimarkneunundneunzig-Flasche »Bongeronde« oder einem anderen »unkomplizierten Alltagswein für gesellige Runden«, wie man so sagt. Ob Trollinger, Merlot oder Lambrusco, das war wurscht; man trank einfach das, was da war, beziehungsweise was einem gut und schnell in die Birne fuhr. Im Zweifelsfall mischte man den Fusel eben einfach mit Cola (»Korea«), wenn er einem zu sauer war.
Gewiss, machen wir uns nichts vor: Joschka Fischer oder Jürgen Kaube würden die in meinem Keller lagernde Primitivo-Susumaniello-Plörre, die mir heute als mein kleiner Luxus im grauschwarzen Alltag unserer trostlosen Gegenwart erscheint, vermutlich noch nicht einmal ihrem Hund oder ihrer Zugehfrau anbieten. In diesen Gehaltsklassen bezahlt man beim Besuch eines mittelguten Restaurants für eine Dreiviertelliterflasche exquisiten Primitivo di Manduria mit fein eingebundenen seidig-samtweichen Tanninen, der intensive Noten von Minze, Cassis, Nougat und Barriquitis aufweist, vermutlich um die 75 bis 100 Euro (in einem durchschnittlichen Weingeschäft dürfte sich der Preis für die gleiche Flasche auf circa 30 bis 40 Euro belaufen).
Aber es haben nun mal nicht alle die Möglichkeit, sich nach einem stressreichen Tag in der Redaktion oder Denkfabrik oder nach einer nervenaufreibenden Vorstandssitzung anderthalb bis zwei Flaschen Gianfranco-Fino-Primitivo reinzuzimmern, um halbwegs betriebssicher das System runterzufahren und zum Klang Gregorianischer Gesänge den Abend entspannt ausklingen zu lassen. (Bevor es dann am nächsten Morgen mithilfe einer Prise bolivianischem Marschierpulver wieder frisch zur Sache geht.)
Unsereins, der armutsgefährdete kleine Mann von der Straße, der nahezu stündlich von neuen »Reformen« der Bundesregierung malträtiert wird, muss nun mal sparen. Und will dennoch seine »Konsumentensouveränität« (W. Kubicki) nicht aufgeben.
Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft nicht auf jedem Büroflur neben dem Wasserspender auch ein Zwölf-Flaschen-Karton exquisiter Primitivo stehen sollte, gekeltert aus Trauben von mindestens 60 Jahre alten Rebstöcken. Sicher ist jedenfalls: »Korea« sollte in einer fortschrittlichen Gesellschaft ganz aus dem Getränkeangebot verschwunden sein.
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