Hendrik lief Marathon-Bestzeit, dann blieb sein Herz stehen
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26. April, ein herrlicher Marathon-Sonntag in Hamburg. Um 12.06 Uhr hatte Hendrik Schmidt die Ziellinie überquert. Wenige Momente später blieb sein Herz stehen.
Hendrik Schmidt lächelt, als er die MOPO im UKE empfängt. Dass er keine zwei Wochen später über sein Drama sprechen kann, zeigt, dass es ein Happy End gibt – ein beeindruckendes Happy End.
Beim Marathon war alles nach Plan gelaufen für den IT-Experten. Ein bisschen besser sogar. In der Videoaufzeichnung wird er später nachverfolgen können, wie er für das Zielfoto jubelt, wie er seine Zeit mit der Uhr stoppt. Drei Stunden, 27 Minuten, 31 Sekunden. Persönliche Bestzeit. Nur 2490 Läufer waren schneller als er.
Augenblicke später verblasst alles. Schmidt sackt zusammen. Er ist nicht der einzige Läufer, der kollabiert. Doch sein Fall ist anders. Herzstillstand. Reanimation. „Für mich war alles schwarz“, sagt der 34-Jährige. „Ich habe mich ruhig gefühlt. Ich weiß nicht, ob ich da tot war.“
Um ihn herum tobt der Kampf um sein Leben. Herzdruckmassage. Minutenlang. Immer und immer wieder drücken die Retter mit gestreckten Armen den Brustkorb ein. 100- bis 120-mal pro Minute. Rippen brechen. Raum und Zeit verschwimmen. Und irgendwann schlägt es wieder, das verdammte Herz.
Am späten Nachmittag wacht Hendrik Schmidt auf. UKE. Intensivstation. „Ich wusste in dem Moment nicht, was passiert war“, sagt er. „Durch die Narkose war ich noch ein wenig mitgenommen und verwirrt.“ Für die ganze Szenerie fehlt ihm jede Erklärung. „Was haben die denn jetzt auf einmal alle?“, habe er sich gefragt.
Dann gehen die Lichter wieder aus. „Ich war kurz weg und bin wieder zu mir gekommen. Mir ging es nicht so schlecht, aber mein gesamtes Umfeld war sehr aufgebracht. Das war eine merkwürdige Situation, zu verstehen, was da überhaupt vorgefallen ist, wie ernst die Situation war“, sagt Schmidt, „und wie viel Glück ich hatte.“
Der Mann aus Geesthacht ist pflichtbewusst. Kurz nach dem Aufwachen schreibt er noch benommen an seine Arbeit. Der Wortlaut: „Ich liege aktuell im Krankenhaus und muss mal gucken, ob ich morgen da bin.“ Der Vorfall kam aus dem Nichts. Für Schmidt war es sein vierter Marathon, der dritte in Hamburg. Er war topfit. Noch im November hatte ihm das eine sportmedizinische Untersuchung attestiert.
Er hatte alles richtig gemacht. Und fast doch mit dem Leben bezahlt. „Es war für alle etwas überraschend“, sagt Prof. Dr. Andreas Metzner, der im UKE den Bereich der Rhythmologie in der Klinik für Kardiologie leitet. „Herr Schmidt ist eigentlich ein Top-Athlet mit guter Vorbereitung.“
Im Lauf hatte es kein einziges Warnzeichen gegeben. „Ich war mega happy, dass alles so geklappt hat, wie ich mir das vorgenommen hatte. Ich weiß noch, wie ich dachte: ,Was für ein geiler Tag, was für ein geiles Rennen.‘“ Den Notfallpass auf der Rückseite der Startnummer hatte Schmidt nicht ausgefüllt. Er hatte es nicht für nötig gehalten.
Er war ja fit. Topfit. Zehn Tage später geht er mit langsamen Schritten über den Stationsflur. „Wenn ich eine Sache mitgeben kann“, blickt er zurück, „dann, dass man die Notfallinformationen angeben sollte.“ Seine Eltern konnten erst informiert werden, als er wieder ansprechbar war.
Warum Schmidts Herz stehen blieb? Niemand weiß es. Eine Ursache konnte nicht ermittelt werden. Auch seine Uhr mit Pulstracker zeigte keine Auffälligkeiten. In Kürze wird Schmidt einen Defibrillator eingesetzt bekommen, der bei lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen eingreifen kann. Anschließend darf er zurück nach Hause.
Der schnellste Marathon seines Lebens wird der letzte seines Lebens gewesen sein. Wettkämpfe sollen der Vergangenheit angehören, der Sport aber soll weiter eine Rolle spielen. „Es ist für mich kein lebensveränderndes Ereignis“, sagt Schmidt. „Ich möchte im Rahmen eines für mich gesunden Lebensstils weiter Sport treiben.“
Die ersten Schritte dafür macht er schon. Im UKE. 8000 Schritte am Tag. Ganz langsam. „Ich fühle mich normal und will nicht den ganzen Tag im Bett liegen. Ich gehe meistens langsam auf und ab und versuche dabei, niemanden nervös zu machen oder im Weg zu stehen.“ Abhauen könne er nicht. Es fehlt an Tempo. „Und man findet sich hier eh nicht zurecht. Wenn ich die Station verlassen, finde ich vielleicht nicht wieder zurück“, sagt er und lacht.
Schmidt hatte enormes Pech. Und enormes Glück. Er empfindet Dankbarkeit. Gegenüber seinen Rettern. Gegenüber den Ärzten. Und gegenüber den Veranstaltern des Marathons. „Mir wurde die Medaille mit einer lieben Karte nachträglich auf die Station gebracht. Das hat mich sehr gefreut“, sagt Schmidt und geht noch einen Schritt weiter. „Ich gehe für mich davon aus, dass, wenn es jetzt nicht passiert wäre, es in irgendeinem anderen Fall passiert wäre.“
In Hamburg habe es, „den bestmöglichen Ausgang genommen, deswegen bin ich ein Stück weit sogar dankbar, dass es in diesem Rahmen passiert ist, weil ich jetzt in meinem Leben Schritte ergreifen kann.“ Dann geht Hendrik Schmidt weiter. Zurück ins Leben. Schritt für Schritt.
FOCUS
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